Brühler Aktion 60+
       Zeit für Herzlichkeit

0. Vorworte, Vorreden

Die zehn Lesungen haben die Form von Gesprächen dreier Personen. Wenn auch nur eine von ihnen nachweisbar gelebt hat, Mohammed, spielen auch die anderen beiden, fiktiven, eine bedeutende Rolle in den monotheistischen Religionen, dem Juden- und dem Christentum und im Islam. Gemeinsam ist ihnen, dass sie über alle Verschiedenheiten hinweg das Verbindende suchen. Ihr Ziel dabei ist, das in der Vergangenheit gegenseitig zugefügte Leid als Aufruf sehen, eine Welt des Friedens zu schaffen, die auch die Menschen und ihre Umwelt schützt.

 

-         Mohammed, der Gründer des Islam und Autor des Korans, hat von etwa 570 bis 632 n. Chr. gelebt. Er hat auf der arabischen Halbinsel den Monotheismus, den Glauben an den Einen Gott mit Predigten, Schriften und Kriegen durchgesetzt. Heute entdeckt er, dass und wie Muslime mit Christen einträchtig zusammenleben können. Das weckt in ihm die Hoffnung auf einen globalen Frieden, der notwendig ist, um die derzeit drohende Umweltkatastrophe zu vermeiden.

-         Ismael ist, laut dem 1. Buch der Bibel, Genesis, und dem Koran, der erste Sohn Abrahams und der ägyptischen Sklavin Hagar. Die Araber verehren ihn als ihren Urvater und geistigen Wegbereiter des Islam. Nach dem Koran hat er mit seinem Vater, muslimisch Ibrahim, die Kaaba in Mekka, erbaut haben, ihr höchstes Heiligtum. Die Lesung folgt jedoch dem Buch Genesis. Es wurde im 6. Jahrhundert vor Christus während des Exils der Israeliten in Babylon verfasst.

-         Isaak gilt nach Genesis und Koran als der zweite Sohn Abrahams und Saras, seiner rechtmäßigen Frau. Der Überlieferung zufolge ist er der Vater Jakobs („Israel“) und zählt den großen Patriarchen der Juden und Christen.                                                                                                                Im Gegensatz zu Mohammed sind Ismael und Isaak historisch nicht belegt.

 

Bibel und Koran stimmen in ihrer Darstellung der Geschichte Abrahams (im Koran: Ibrahim), Ismaels und Isaaks überein. In ihr liegt der Ursprung des Glaubens an Gott, an seinen Segen und seinen Auftrag an die Menschen, ein Segen zu sein. yx

Auf den gemeinsamen Ursprung verweisen die drei Gesprächspartner immer wieder. Er ist ein Pol der Gewissheit, dem für die Zukunft die Mut machende Hoffnung auf ein gutes Zusammenleben entspricht. Dazwischen liegen die tragischen Jahrhunderte der Kriege, die bis in die Gegenwart auf noch unabsehbare Zeit die Beziehungen der Religionen belasten.

 

Die drei Personen begegnen uns als Menschen der Jetztzeit, die mit den Kenntnissen der Gegenwart unsere Welt bewohnen. Was sie wissen und in die Gespräche einbringen, entstammt den Erfahrungen ihres einstigen irdischen Lebens und den Beobachtungen der Welt seit ihrem Tod. Dazu gehört auch die in den Lesungen immer wieder genannte Gegensatz zwischen den beiden einander ergänzenden Urkräften der Abstoßung und der Anziehung. Wie sie erklären entstammt die Abstoßung der Explosion des Urknalls und die Anziehung der in der ersten Sekunde entstandenen Fähigkeit von Elementarteilchen, Masse zu bilden und einander anzuziehen.

Die drei Personen fühlen und denken mit uns und sie sprechen auch über uns. Da sie reine Geisteswesen sind, bewegen sie sich ohne Begrenzung mit der Kraft und der Geschwindigkeit ihrer Gedanken, Sie sind aber für die Menschen an den Orten ihres Aufenthalts weder sichtbar noch hörbar, und können auch nicht in die Zukunft schauen.

Dem Glaubensbekenntnis der Christen entsprechend gehören sie wie alle Verstorbenen zur „Gemeinschaft der Heiligen“, deren Wohnort „Himmel“ genannt, aber nicht als Raum bestimmt wird.

In den 10 Lesungen durchleben die Söhne Abrahams und Mohammed Erfahrungen der fünf Jahre zwischen 2012 und 2017. Die Texte, geschrie-ben von Helmut Mehrer, wurden überwiegend mit Dittmar Köhler und Horst Zohsel vorgetragen und zuvor gemeinsam bearbeitet.

 

1.     Lesung

Leid verringern, sich als Geschwister sehen, ein Segen sein

Ismael und Isaak, die Söhne Abrahams, treffen in einer Höhle des erdnahen Planeten Mars mit dem Propheten Mohammed zusammen

Isaak: Ismael, schau, unser Gast ist gekommen.

Ismael: Richtig, Isaak, das ist ja wunderbar!

Isaak und Ismael: Mohammed, ehrwürdiger Prophet, wir grüßen Euch!

Mohammed : Oh, verehrte Söhne des großen Abraham. Ihr wart die ersten Erben des göttlichen Segens. Welche Ehre!  Ihr habt mich eingeladen. Salam aleikum – Der Friede sei mit Euch.

Ismael: Aleikum salam, willkommen in unserer Höhle, abseits vom Geschehen der Erde. Ähnelt sie nicht der Grotte Hira, wo Ihr einst Eure Botschaften empfangen habt? Erinnert Ihr Euch noch?

Mohammed : Nur schwer. Wie lange ist das schon her! 1.400 Erdenjahre! Die Offenbarungen hielten mich völlig in ihrem Bann. Sie haben sich lange Jahre hingezogen. Gott hat mir die Heiligen Worte des Korans ins Herz gesenkt. Und der Engel Gabriel hat sie mir noch auf die Zunge gebrannt.

Isaak: Ja,solche Erlebnisse erschüttern Menschen tief. Ich kann mit Euch fühlen.

Ismael Und dann habt Ihr noch Kriege geführt: gegen Beduinen und Götzenverehrer in Mekka, dann gegen Christen und Juden in Medina, und von dort aus wieder gegen Eure Heimat.

Isaak Das muss Euch doch sehr belastet haben! 

Ismael: Aber erst durch diese Kämpfe habt Ihr den Glauben an den Einen Gott durchsetzen können. (Wendet sich an Mohammed) Großer Prophet, als Ihr ruhmreich nach Mekka zurückgekehrt seid, habt Ihr als ungekrönten König Arabiens gegolten.

Mohammed: Eure Worte schmeicheln mir, machen mich aber nicht glücklich. Ich wollte keine Kriege. Meine Gegner haben sie mir aufgezwungen. Doch Allah half mir. Immer mehr Menschen haben sich mir angeschlossen. Bitte, glaubt mir: Der Friede war mir wichtiger als Titel und  Macht.

Ismael: Vater des Islam. Was Ihr sagt, weckt Hoffnung in uns. Wenn Ihr den Frieden einem siegreichen Krieg vorzieht, dann leidet vielleicht auch Ihr unter der Gewalt  – derzeit besonders in islamischen Ländern.

Mohammed: Ismael, Ihr habt Recht: Diese Kriege zerreißen mein Herz! Aber… seht Ihr einen Ausweg? Helft uns! Ihr geltet doch als Prophet! Als Vermittler des göttlichen Wortes. Und mit Eurem Vater habt Ihr die Grundmauern der Kaaba[1] errichtet, unseres Heiligtums.

Ismael Gewiss, aber Isaak und ich, sind Söhne Abrahams. Wir fühlen uns mit allen seinen Kindern verbunden. Ja, den Muslimen, aber auch den Juden und Christen.

Isaak: Ja, Bruder, aber Muslime leiden derzeit am meisten. Und vor allem unter eigenen Glaubensbrüdern. Manche meinen, sie müssten Kriege für „ihre“ Religion führen und lassen zu, dass man sie  „Islamisten“ nennt.

Ismael Was für eine Blindheit! Sie bringen nicht nur den Islam, sondern auch den Glauben an den Einen Gott in Verruf. 

Mohammed Das Herz dieser Menschen ist voll Hass. Sie haben nicht begriffen, dass ich Versöhnung gepredigt habe, wann immer das möglich war. Und heute braucht die Welt Frieden. Dringend! Die Zeit ist gekommen, an Gottes Barmherzigkeit zu erinnern und die Kriege zu beenden.  

Ismael Prophet, Ihr klagt zu Recht. Die einst christliche Welt erlebt einen anderen Druck. Dort wenden sich immer mehr Menschen vom Glauben und von Gott ab. Sie lehnen es ab, sich mit den Religionen zu befassen.

Für sie ist Koran ein Buch der Kriege, das die Muslime zur Gewalt verführt. Isaak Ja, Bruder, denk‘ nur an die Berichte über Salafisten, die den „Heiligen Krieg“ verkünden, den „Dschihad“. Mit der furchtbaren Folge, dass Attentäter bei ihren Verbrechen „Allah u akbar“, „Gott ist groß“ rufen.  

Mohammed Das zeigt nur Eines: ihre Blindheit. Ja, ich habe Kriege geführt und zum „Dschihad“ aufgerufen. Aber nur zum „kleinen“. Und den führen heute die Extremisten. Den „großen“, den Sieg über die eigenen Leidenschaften, habe ich nach der Rückkehr aus Kriegen verkündet[2].

Isaak: … und diese „Dschihadisten“ (mit Fingern Anführungsstriche andeuten) scheuen sich nicht einmal, Glaubensbrüder zu ermorden.

Ismael (schüttelt den Kopf) Was Menschen sich nicht alles einreden können! Ich denke, dass es diesen Extremisten nur um Macht geht.  

Isaak: Ja, um Herrschaft über Menschen. Ihren Kämpfern versprechen sie, Gott werde ihnen ewiges Leben im Paradies schenken, wenn sie im „heiligen Krieg“ fallen. Und dann opfern sie bedenkenlos ihr Leben.

Ismael Prophet, ich frage mich, warum Eure Friedensappelle weniger beachtet werden als Eure einstigen Aufrufe zum Krieg gegen Juden, Christen und Götzenverehrer.

Mohammed Danke, Isaak. Es ist richtig. Ich habe Kriege geführt. Doch die Kalifen nach mir wollten beweisen, dass sie fähige Feldherren sind. Sie haben die Länder von Persien im Osten bis Spanien im Westen erobert.

Isaak Das waren Jahre des Erfolgs. Wie so oft bei Menschen haben sie zu Spaltungen geführt … Bei Euch in Schiiten und Sunniten. Und die bekämpfen sich noch heute.

Mohammed Wie schwer ist es, das sehen und ertragen zu müssen!

Ismael Danke für Eure Aufrichtigkeit, Prophet. Ihr seid nicht der einzige, der leidet. Auch im Land meines Vaters Abraham brechen immer wieder Kämpfe zwischen Israelis und Palästinensern aus … seinen Kindern!  

Isaak Prophet, vergesst bitte nicht: Schiiten und Sunniten nennen sich ebenfalls Kinder Abrahams. Ihre Kriege schmerzen auch uns.  

Mohammed Wir können nur hoffen, dass sich alle eines Tages versöhnen. Wir drei sind es. Reichen wir uns die Hand zum Zeichen des Friedens und der Eintracht! (geben sich die Hand und bleiben einen Moment still)         

***

Mohammed Söhne Abrahams, danke für Euer Mitgefühl! Immer wieder frage ich mich, ob ich mit meinen Kriegen den Muslimen ein schlechtes Vorbild geworden bin. Ich bin aber auch überzeugt: Wenn man Verantwortung für einen Staat trägt, muss man ständig mit Konflikten rechnen.  

Isaak So ist es auch meinen direkten Nachkommen ergangen, dem Volk Israel. In seiner Bibel wirkt das Buch Josua auf mich wie ein einziger Kriegsbericht. Und dann: Sogar Bischöfe und Päpste, die Nachfahren der Apostel Jesu, haben Kriege geführt! 

Ismael Wir müssen es einsehen: Kein Mensch geht ohne Sünde durch sein gottgeschenktes Leben. Seit Urzeiten werden Schwächere von Stärkeren unterdrückt und kämpfen gegen sie. Trotzdem denken nur wenige Reiche an die Armen, fühlen mit ihnen und helfen ihnen. 

Mohammed Ja, Söhne Abrahams! Alle Gläubigen sind Kinder Abrahams, und alle wissen, dass Gott ihn beauftragt hat, ein Segen zu sein und dass nur der zum Frieden führt. Doch ihre Leidenschaften, ihre Machtgier und Habsucht sind stärker. Schaut nur in die Geschichte der Religionen.

Isaak Richtig! Auch Christen haben ungezählte Kriege geführt. Obwohl sie Erben Abrahams sind und sich als eine weltumspannende Familie sehen. . Alle Staaten haben nur an die eigenen Interessen gedacht. Sie finden nicht die Kraft, Eintracht in der Welt zu schaffen, noch nicht einmal unter sich. 

Mohammed Egoismus und Habsucht sind wohl unbesiegbar. Sie bedrohen sogar den Zusammenhalt der Europäischen Union.

Ismael Ja, sie scheinen stärker als das Vertrauen zueinander. Und sogar zu Gott. Immer mehr Menschen lösen sich von ihm. Doch er bleibt der einzige vertrauenswürdige Anker. Er ist gerecht, vor ihm sind alle gleich. 

Isaak Dazu verbietet er in seinen 10 Geboten den Mord und damit die Kriege. Damit wendet er sich besonders an die Gläubigen. Die Juden, Christen und Muslime.   

Mohammed Ja, Söhne Abrahams. Gott verdient Vertrauen. Und Treue.  Damit beides unter den Menschen entstehen kann, sollten sie sich auf die Gerechtigkeit aller und auf die Fairness untereinander verlassen können.

Ismael Ja, Verlässlichkeit. Sie braucht Zeit: Eine Feuerpause zuerst, die gehalten wird … ein Waffenstillstand, dessen Wohltaten die Völker spüren und schätzen … und als Ziel eine Ächtung der Kriege… 

Mohammed Am Ende vielleicht ein dauerhafter Friede? Ja! Aber den haben die Propheten Israels erst für das Ende aller Tage erwartet. Dass er in der irdischen Zeit zustande kommt, wage auch ich kaum zu hoffen.

Ismael Wir können nicht in die Zukunft schauen Doch die Gläubigen sind auch Erben des göttlichen Segens und des Gebots an Abraham, selbst ein Segen zu sein. Sie sind die einzige Chance der Welt. Wenn es ihnen nicht gelingt Frieden zu schaffen… 

Isaak … scheitern die Gottfernen erst recht. Tatsache ist aber, dass die Kämpfe nicht aufhören. So wird Vertrauen zerstört. Und der Frieden rückt in die Ferne.   

Ismael (schüttelt den Kopf) Das ist richtig … und bedauerlich. Was meint Ihr, könnte es an der Unaufrichtigkeit liegen? Dass die Menschen sich belügen? Ich finde, dass erst die Wahrheit einem Frieden Dauer gibt.  

Mohammed Oh, ja. Auch in der Religion wird die Wahrheit oft verdeckt. Als die Kreuzritter einst Jerusalem Land „befreiten“ (Geste für Anführungszeichen) haben sie sich auf Gottes Willen berufen. Sie besetzten  aber fremdes Land und verstießen gegen sein Segensgebot.

Ismael Ja, Prophet, Eure Vorwürfe sind berechtigt! Die Menschen sind von der Liebe des göttlichen Segens angetan, aber ihre Habgier dringt immer wieder durch. Das scheint unausrottbar. Aber wer darf sie deshalb verdammen?

Mohammed Sohn Abrahams: Niemand. Die Menschen leben in der Lüge und in der Leidenschaft. Solange sie nicht zur Wahrheit finden, wird es kein Vertrauen geben ... und keinen Frieden. 

Ismael Und wir? Waren wir selbst in unserer Erdenzeit immer ehrlich? Und die Christen? Jesu Kinder? Sobald sie Macht in den Staaten hatten, haben sie Kriege gegeneinander geführt. Sogar im Namen ihres Glaubens, wie heute die Sunniten und Schiiten.

Mohammed (nachdenklich) Und sie beziehen sich auf mich, ihren Propheten. Kriege, die eine Glaubensfamilie entzweien, halte ich für schlimmsten. ... Ob einer von den Selbstmordattentätern daran denkt? 

Isaak Prophet, wir fühlen mit Euch. Die Menschen sind in ihrem Wesen gespalten. Darf ich Euch trösten? Erinnert Euch an das Gute, das Gläubige getan haben, ihre unzählbaren Taten der Nächstenliebe.

 Isaak Und davon dürfen wir die Christen nicht ausnehmen. Sie sind Kinder des Volkes Israel und betrachten sich als eine die Welt umspannende Familie. Doch habe ich den Eindruck, sie verlieren die Kraft, ihre Einheit zu erhalten und Menschen zu gewinnen.

Mohammed Ein guter Gedanke, Sohn der Sarah. Es liegt nicht nur am Egoismus, sondern auch an innerer Schwäche. Selbst fehlt es an innerem Zusammenhalt.

Ismael Wie aber kann neue Kraft entstehen? Immer mehr Menschen lösen sich von Gott als Anker des Lebens. Er ist gerecht, denn vor ihm sind alle gleich. In den 10 Geboten verbietet er Morde und Kriege… zunächst und vor allem den Juden, Christen und Muslimen, die ihn als Schöpfer verehren.

Mohammed Ja, Vater der Araber, warum lösen sich die Menschen von Gott? Es gibt keine größere Gerechtigkeit als seine, und damit keine größere Chance zu Fairness. Er ist der Vater aller, wenn sich die Menschen auf ihn verlassen, können sie auch einander vertrauen.  

Ismael Vertrauen, Verlässlichkeit. Was könnte sie sein? Eine Feuerpause, die gehalten wird, ein Waffenstillstand, dessen Segen die Völker spüren und schätzen? Und als Ziel eine Ächtung der Kriege?  

Mohammed Am Ende vielleicht dauerhafter Friede? Ja! Aber den haben die Propheten des jüdischen Volkes erst für das Ende aller Tage erwartet. Dass er in der irdischen Zeit zustande kommt, wage ich kaum zu erhoffen.

Ismael Wir können nicht in die Zukunft schauen Doch die Gläubigen sind Erben Abrahams und sollten seinen Segen weitergeben. Wenn sie dieses Gebot ernst nehmen, müsste es ihnen gelingen, Frieden zu schaffen. Leichter wenigstens als den Gottfernen.  

Isaak Bruder, Tatsache ist aber, dass ständig neue Kriege entstehen. Und Mohammed, Ihr habt es gesagt: Unseren Nachkommen fehlt es an Vertrauen. Der Friede müsste allen doch genauso wichtig sein wie uns?

Ismael Und wie steht es mit der Ehrlichkeit? Ist nicht auch sie eine Bedingung für den Frieden? Religion verdecken oft andere Motive. Die Gier etwa. Als die Kreuzritter einst das Heilige Land „befreiten“, verstießen sie gegen das Segensgebot. Und das eroberte Land haben sie wieder verloren.   

Mohammed Sohn der Hagar, Ihr habt recht: Egoismus und Besitzgier verführen und schwächen die Menschen. Und solange das niemand öffentlich zugibt, werden das Vertrauen und der Frieden immer wieder gebrochen.

Ismael Verehrter Prophet, Eure Vorwürfe sind berechtigt. Durch die Menschen geht ein Riss. Gier und Hass und Gier stehen der Liebe und dem Vertrauen entgegen. Aber sie sind so geschaffen, und wer darf sie deshalb verdammen?

Isaak  Selbstverständlich niemand! Waren wir selbst in unserer Erdenzeit immer ehrlich? Und die Christen? Jesu Kinder? Sobald sie an die Regierung kamen, haben sie Kriege gegeneinander geführt. Sogar im Namen ihres Glaubens, wie heute die Sunniten und Schiiten.

Mohammed (nachdenklich) Mich als ihren Propheten schmerzt das tiefer als alles. Kriege, die eine Glaubensfamilie entzweien, sind die schlimmsten ... Ob einer von denen, die sich auf mich berufen, daran denkt?  

Isaak Prophet, wir fühlen mit Euch. Darf ich Euch trösten? ... Erinnert Euch an das Gute, das die Religionen gebracht haben, die unzählbaren Taten der Nächstenliebe.

Ismael Bruder, das stimmt. Aber ohne Vertrauen bleiben sich die Gläubi-gen fern. Sie müssten aufrichtig nach den dunklen Seiten ihrer Seele, ihrer Religion und ihres Landes forschen. Als Lohn würden sie auch die hellen finden. In sich und ihren Mitmenschen.     

Mohammed Danke, Ismael. Wer ehrlich die Wahrheit sucht, öffnet auch die Herzen seiner Mitmenschen. Man lernt sich kennen, begreift sich besser und am Ende wächst Vertrauen.  

Isaak Darf ich warnen, Freunde? Vertrauen ist zweischneidig, es kann missbraucht und auch benutzt werden, um andere in die Irre zu führen. Ich denke da an Demagogen, religiöse und politische, die für den „Dschihad“ werben und junge Leute in Kriege schicken.  

Mohammed Freunde, als ich eben gefordert habe, man müsse sich zu seinen Sünden bekennen, habe ich an solche Hassprediger gedacht. Ihre Botschaft heißt: Vertraut mir, ich bin auf dem Weg zu Gott. Wer nicht mit mir geht, endet in der Hölle.

Ismael Klar, Prophet, mit dieser benebelnden Gehirnwäsche schalten sie das selbständige Denken aus. Sie sind eine Gefahr. Aber in Demokratien wecken sie Gegenkräfte und werden auf die Dauer verdrängt.   

Isaak Das wäre ein Grund zu Optimismus, denn immer mehr Muslime leben in demokratischen Ländern. Aber nicht gut integriert. Ich werde den Eindruck nicht los, dass viele Juden und Christen noch Abstand zu ihnen halten. Warum? Aus Furcht? Aus Achtung?

Mohammed Wenn ich die Verbrechen an Jesiden und Christen in Syrien und im Irak sehe, leide ich mit den Flüchtlingen und begreife die Abwehr in Europa gegen Terroristen. Sie beschädigen das Ansehen des Islam, ach was: aller Religionen, aber besonders der friedlichen Muslime.

Ismael  Welche Ungerechtigkeit! Prophet, ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass die meisten von ihnen die Terroristen verurteilen. Sie verletzen auch das zweite Gebot Gottes an Abraham „Tu dem Kind nichts zuleide“. Das heißt doch: „Tu niemandem etwas zuleide. Schütze das Leben!“

Mohammed Schlicht und einfach: Ja, Ihr Vater der Araber. Ich meine, das gilt nicht nur für die Gläubigen, sondern für alle Menschen.

Ismael Prophet, so ist es: Gott ist der Vater aller Menschen, doch die Gläubigen kennen seine Worte. Für sie ist es ein Aufruf, das Helle in ihrer Seele vom Dunklen zu scheiden und Vertrauen zu gewinnen.

***

 

Isaak Ismael, mit dieser Unterscheidung erinnerst Du mich an die gegensätzlichen Kräfte der Materie, der Natur und im Menschen.  

Mohammed Bitte, was meint Ihr mit (spricht ein Wort nach dem anderen) „gegensätzlichen Kräften der Materie“?

Isaak (blickt zu Ismael) Bruder, darf ich? Prophet, Ihr kennt die Urkräfte, mit denen Gott die Welt geschaffen hat: die Abstoßung der Ur-Explosion und die gleichzeitige Entstehung der Kräfte der Anziehung.

Mohammed Zum Teil. Ich erinnere mich: Vor kurzem wurde der Ursprung der Anziehungskraft, die Higgs-Bosonen, bewiesen.

Isaak So ist es. Ismael und ich sind überzeugt, dass beide Kräfte das Universum gestaltet haben. Durch die Abstoßung dehnt es sich weiter aus. Und die Anziehung der Sterne hält die Planeten auf ihrer Bahn. Im Menschen schließlich zeigen sich Abstoßung als Hass und Anziehung als Liebe.                                                                

Mohammed Denkt Ihr da nicht zu mechanistisch? Menschen sind doch keine Kometen, die sich aufeinander zu und voneinander weg bewegen!

Ismael Ihr habt Recht: Menschen sind keine willenlosen Objekte. Aber die beiden Urkräfte finden wir überall: Pflanzen und Tiere kämpfen gegeneinander um Nahrung und Lebensraum,  bilden aber auch Gemeinschaften.  

Isaak Und uns Menschen hat Gott den Verstand geschenkt, damit wir diese Kräfte beherrschen. Danach hat er unserem Vater geboten, ein Segen zu sein. Davor aber lagen der Mord Kains, die Katastrophen von Sodom und Gomorrha, der Turmbau und die Sintflut.

Mohammed Oh, Söhne Abrahams, jetzt begreife ich die Verehrung, die Ihr genießt. Ja, Hass und Liebe, es gibt beides. Auch im Koran. Dort wird zwar verlangt, Dieben die Hände abzuhacken. Doch es folgt der Zusatz: „Wer aber nach seiner Sünde umkehrt…zu dem kehrt sich auch Allah, sieh‘ Allah ist verzeihend und barmherzig“ [3]

Ismael  Ja, Mohammed, danke. Ihr habt Verzeihung verkündet. Ihr kennt aber auch die Scharia, das Rechtsbuch Eurer Nachfolger. Seine Strafen  wecken nicht nur Angst, sie widersprechen auch Gottes Gebot, einander kein Leid zuzufügen. Wie konnten sie sich trotz des Korans durchsetzen?

Isaak Bruder, ich sehe nur eine Erklärung: Die Angst vor den Dämonen der Rache, des Zorns und des Hasses haben das Leben der alten Völker bestimmt. Auch der Araber. Ihr, Mohammed und Euer Koran, wart stark genug, den Gottesglauben durchzusetzen. Angst und Hass lebten aber weiter.

***

Ismael Bruder, das ist die eine Seite. Und die andere: Die Menschen ahnen nicht, dass sie sich aus solchen Zwängen lösen können. Ja, dass sie sich befreien müssen, um die Zeit der Morde und Kriege zu beenden.  

Mohammed Danke, Ihr Söhne Abrahams, für Eure Offenheit und Euer Verständnis mit meinen Muslimen. Aber nun sprecht Ihr von „befreien“. Das macht mich nachdenklich. Die „Freiheit der Kinder Gottes“ nicht im Koran, wohl aber bei Jesus.

Isaak Richtig, Paulus[4] hat sie verkündet. Doch die Araber in Damaskus mit ihrem Verständnis von Ehre und Recht haben sich gegen seine Predigt gesperrt. Doch Ihr, Mohammed, habt Sie für den Einen Gott gewonnen.

Ismael Mohammed. Ich bin stolz auf die Araber. Sie betrachten mich als ihren Urvater. Aber wenn ich heute auf sie schaue, leide ich unter ihrer Unfreiheit. In vielen Staaten werden sie unterdrückt. Der Frieden aber braucht Freiheit.

Mohammed Sohn Abrahams, die muslimischen Völker wollen sich weiter-entwickeln. Aber auf welchem Weg? Als einst in Europa geistiges Dunkel herrschte, hat bei ihnen das Licht des Geistes geleuchtet. Sie waren führend. In der Mathematik, der Philosophie und der Dichtung. Ja, der Koran  fordert keine Freiheit, aber den Fortschritt hemmt er keinesfalls.

Isaak (wendet sich an Ismael) Bruder, wir wollen unseren Gast nicht in die Enge treiben.

Mohammed Danke, Sohn Abrahams für Euer Mitgefühl. Aber im Augenblick sprechen wir offen miteinander sprechen… und in freundlichem Ton.

Ismael (verneigt sich) Danke, Prophet. Darf ich weiter fragen? Wollen nicht auch die Menschen in den arabischen Ländern frei sein? 2011 haben sich Tunesier, Libyer, Ägypter und Syrer erhoben. In fast allen ihren Staaten herrschen heute wieder Diktatur oder Bürgerkrieg.

Isaak Ja, dazu habe ich eine Vermutung: Islam heißt „Ergebung in den Willen Gottes“. Das lässt doch an Unterwerfung denken? Muslime sind beeindruckend fromm. Doch sie begnügen sich zu beten, den Koran zu meditieren und zu rezitieren. Sie wollen ihn nicht wissenschaftlich erforschen, wie die Christen ihre Bibel.

Mohammed Danke, Isaak, dass Ihr die Frömmigkeit meiner Muslime lobt. Aber ich frage zurück: Gibt es Wichtigeres im Leben eines Menschen, als Gott zu loben? Wer betet am meisten, Juden, Christen oder Muslime?

Ismael (zeigt Isaak, dass er antworten will) Gott ist unser Schöpfer und Vater. Wir verehren ihn und danken ihm.

Isaak Prophet, erlaubt mir weiter zu fragen. Was sagt der Heilige Koran zur Liebe, dem wichtigsten Gebot der Bibel. Für Juden und Christen gilt: „Du sollst den Herrn, Deinen Gott lieben und Deinen Nächsten wie Dich selbst“. Wenn sie wie Abraham ein „Segen“ sein wollen, müssen sie einander lieben.                                      

Mohammed Danke, Ihr Söhne Abrahams, für Euer Verständnis. Ich spüre, dass Ihr meine Muslime begreifen wollt. Ja, Die Liebe ist ein unverzichtbares Band zwischen den Menschen. Doch der Heilige Koran legt den Schwerpunkt auf Barmherzigkeit.

Ismael Prophet,  seht Ihr einen Unterschied zwischen Barmherzigkeit und Liebe. Sie sind doch Schwestern!

Mohammed  Sohn der Sarah, Ihr müsst genauer hinsehen: „Barmherzigkeit“ findet Ihr im Koran 350 Mal[5]. Vor allem: Sie steht in den Einleitungsversen der Suren: „Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen“. Sie ist also eine Eigenschaft Gottes. „Liebe“ kommt nur 22 Mal vor.

Isaak Vater des Islam, ist das verstehe ich nicht: Jesu Ideal der Nächstenliebe ist doch der „barmherzige“ Samariter.

Ismael (nach einem Blick auf Isaak) Prophet, wir sind sicher, dass auch die Barmherzigkeit Gottes Segen weitergibt. Wer barmherzig ist, nutzt seine Stärke nicht gegen andere aus. Er hilft den Schwachen. Er schützt sie, er wird dadurch zum Vorbild und zum Segen für seine Mitmenschen.

Mohammed Brüder, ich sehe es so: Barmherzigkeit kommt von einer Person. Im Ursprung von Gott. Liebe aber schafft Gemeinschaft. Barmherzigkeit führt nicht immer zur Liebe. Der Samariter etwa hat für den Überfallenen gesorgt, aber nicht verlangt, ihm wieder zu begegnen.

Isaak Also geht es im Koran weniger um die Beziehungen der Menschen  als um die Annahme und Weitergabe der Barmherzigkeit Gottes?

Mohammed Ja, Isaak. Allah ist über alles erhaben. Die erste Aufgabe eines Muslims ist, ihn zu ehren, ihn ehrfürchtig anzubeten. Für Christen hat   die Nächstenliebe denselben Rang wie die Gottesliebe.

Isaak Ja, Christen haben ein starkes Bedürfnis nach Gemeinschaft. Es fördert die unverzichtbare Annäherung der Religionen und Konfessionen. Nur zusammen mit der Gottesverehrung führt die Nächstenliebe zum „Reich Gottes“.

Ismael Darf ich wieder eine Frage stellen? Ihr leidet und freut Euch mit Euren Gläubigen, und sie verehren Euch. Ist das nicht eine Liebesbeziehung? Wurde Sie Euch nicht von Gott geschenkt, um die Dämonen Arabiens zu besiegen und die Menschen in ein friedliches und liebevolles Leben zu führen.  

Mohammed Sohn Abrahams. Richtig! Die Liebe ist ein wahrlich wertvolles Ideal, sie sollte das Leben aller Menschen prägen und niemanden ausschließen. Doch die Ehre Gottes ist das Wichtigste.

Isaak Großer Prophet. Setzt Ihr Euch damit nicht von Abrahams christlichen Nachkommen ab? Ismael und ich wollen eine Brücke bauen zwischen den Religionen, damit alle vertrauensvoll miteinander leben können. 

Ismael Bruder! Du deutest es an: Über Nächsten- und Gottesliebe zu diskutieren, lenkt uns nur von der Aufgabe ab, ein Segen zu sein. Unsere Nachfahren müssen das Einverständnis suchen und einander ertragen. Nur so werden sie dereinst guten Gewissens vor Gottes Gericht stehen können.

Mohammed Ja, Söhne Abrahams, Gott entscheidet! Und er hilft unseren Kindern mit seinen Geboten. Sie sollen ein Segen sein, das Leben schützen, einander lieben und nie vergessen, dass er für alle da ist.

Ismael Prophet, danke, alle Gläubigen sollen in ihrem tiefen Inneren verstehen, dass sie als Kinder Gottes und Geschwister sind.

Isaak Und das kann ihnen helfen, die Abstoßung und die Anziehung zu befrieden, die in ihnen wohnen.

Mohammed Söhne Abrahams, zumindest wir sind uns einig. Ich verlasse Euch nun. Geben wir den Menschen ein gutes Beispiel und umarmen wir uns: Salam Aleikum..

Isaak, Ismael Aleikum Salam. Der Friede sei mit Euch und allen

 

[1] Sure 2,127


[2] Alexander Flores, Zivilisation oder Barbarei, Der Islam im historischen Kontext, Verlag der Weltreligionen im Inselverlag: Berlin 2011, S. 179 zitiert David Cook, Understanding Djihad, University of California Press: Berkeley 2009, S. 35


[3] Der Koran, 5.42 und 5.43, aus dem Arabischen von Max Henning, Reclam: Stuttgart, 1960, S. 117


[4] Römerbrief 8,1,: Jesus hat dich frei gemacht vom Gesetz der Sünde und des Todes


[5] Google, Stichwort „Koran online“, www.theology.de/schriften/koran/index.php, 5.2. 2011