Brühler Aktion 60+
       Zeit für Herzlichkeit

SZ 13.07.2014

Leseförderung: Gemeindebücherei und Aktion 60+ ziehen eine durchweg positive Zwischenbilanz des 100-Bücher-Projekts

„Ein Baustein der Entwicklung“

Von unserer Mitarbeiterin Jana Nassner

Freuen sich über den Erfolg des Projekts: Bürgermeister Dr. Ralf Göck (3.v.r.), Büchereileiter Joachim Klotz (3.v.l.), die Vertreter der Aktion 60+ mit Helmut Mehrer (2.v.l.) an der Spitze und die Erzieher und Lehrer der örtlichen Bildungseinrichtungen.

© Nassner

 Brühl. Die Chancen für Kinder aus sozial schwächeren und Migranten-Familien zu verbessern, ist nur ein Ziel der Aktion 60+. Die Initiative von Bürgern der Großelterngeneration liegt es am Herzen, sich sozial zu engagieren und vor allem jungen Menschen Orientierung zu bieten. Neben der ehrenamtlichen Arbeit mit Kindern an den Schulen, die zusätzliche Unterstützung benötigen, besteht dafür seit 2012 das 100-Bücher-Programm.

Lernerfolg durchs Lesen steigern

"Wir haben uns gefragt, wie kann man die Kinder mehr zum Lesen bringen und wie kann man vor allem auch den Rückstand bei vielen Migrantenkindern aufholen?", äußerte sich Helmut Mehrer, der die Aktion 60+, die mittlerweile auf 35 Mitglieder angewachsen ist, ins Leben gerufen hat. Eine Antwort auf diese Frage bildet die vor zwei Jahren entstandene Bücherwand in der Gemeindebücherei, die mit vielseitigen literarischen Angeboten für Kindergarten- und Schulkinder lockt.

Dass sich in Deutschland die soziale Herkunft sehr häufig im schulischen Erfolg der Kinder widerspiegelt, möchten die rüstigen Rentner der Aktion 60+ nicht so einfach hinnehmen. Mit dem 100-Bücher-Programm soll jeder Familie der Zugang zu Literatur und damit zu mehr Lernerfolg der Kinder offen stehen.

Im Mittelpunkt der Aktion stehen die Leseförderung und das Ziel, allen Kindern die bestmöglichen Chancen zu geben, sich geistig und persönlich entwickeln zu können. "Ab einer Zahl von 100 Büchern in einem Haushalt verbessern sich die Erfolgschancen der Kinder deutlich", erläuterte Mehrer. Unter dem Motto "schenken - leihen - tauschen - behalten" stehen den Kindern etliche Bücher zur freien Verfügung, die sie je nach Interesse und Leselust mitnehmen dürfen.

Die Idee kommt gut an

Gestern galt es nach zwei Jahren des Projektes, Bilanz zu ziehen. "Am Anfang lief es noch leicht schleppend, mittlerweile aber wird die Bücherwand viel genutzt und sehr dankbar angenommen", freute sich Büchereichef Joachim Klotz.

Seit Oktober seien rund 1200 Bücher gespendet worden. Doch lange verweilten diese meistens nicht in den Regalen: "Vor allem Erstlesebücher, Bilderbücher und Comics sind sofort weg." Auch die Gemeinde unterstützt das Leseförderprojekt. So wurden die modernen Bücherregale gespendet, die zu den Bibliotheksöffnungszeiten immer offen stehen.

"Mich freut es ganz besonders, dass diese Initiative auf fruchtbaren Boden gestoßen ist. Die Kinder nehmen das Angebot gerne an und wir können zu einer ganzheitlichen Bildung beitragen. Das ist super", äußerte sich Bürgermeister Dr. Ralf Göck.

Nach zwei Jahren immer noch begeistert vom 100-Bücher-Programm sind auch die örtlichen Kindergärten, die Jahnschule sowie die Schillerschule. "Diese Aktion ist klasse. Die Kinder haben immer eine große Auswahl an Lesestoff zur freien Verfügung. Jeder kann lesen, was er möchte und die Schüler werden so mehr an Bücher herangeführt", sagte Anne Fonje vom Sonnenscheinhort.

Lesen hat hohen Stellenwert

Nach knapp zwei Jahren eine Zwischenbilanz zu ziehen, sei sehr wichtig, betont Göck. Solch ein Projekt dürfe nicht einfach im Sand verlaufen, sondern es müsse sich weiterhin intensiv darum gekümmert werden.

Damit sei es der Aktion 60+ gelungen, den wichtigen Stellenwert des Lesens und Vorlesens in den Fokus zu rücken und einen Beitrag dazu zu leisten, die Anzahl der Bücher in bildungsfernen Familien zu erhöhen.

"Wir freuen uns über das, worauf wir zurückblicken können. Uns liegen die Kinder sehr am Herzen und es ist ein tolles Gefühl, sie so ein wenig auf ihrem Bildungsweg unterstützen zu können" hebt Helmut Mehrer hervor.

© Schwetzinger Zeitung, Freitag, 11.07.2014

Leseförderung: Gemeindebücherei und Aktion 60+ ziehen eine durchweg positive Zwischenbilanz des 100-Bücher-Projekts

„Ein Baustein der Entwicklung“

Von unserer Mitarbeiterin Jana Nassner

Sprachlernforscherin Prof. Ursula Horsch in der Brühler Festhalle

„In herzlicher und liebevoller Begegnung Glück erfahren“

Große Unterstützung für Aktion 60+ und breites Interesse

Erfreut begrüßte Dr. Ralf Göck am letzten Dienstag in der Festhalle Frau Prof. Dr. Ursula Horsch, die für ihren Vortrag aus Offenburg angereist war. Anerkennend registrierte der Bürgermeister auch das breite Interesse für das Thema Erziehung, namentlich die große Zahl der Vertreter der lokalen Institutionen: Aktion 60+ (Helmut Mehrer), Schulen (Anngret Fonje, Rektor Michael Körber), Kindergärten (Susanne Füllhase und Silvia Zobeley) sowie Gundula Sprenger von der Volkshochschule. 

„Was ist Bildung?“ So von Frau Prof. Horsch gefragt, zuckten die Zuhörer etwas zusammen – und hörten umso aufmerksamer die Antwort: „Bildung ist mehr als Wissen. Es schließt alles ein, was uns alle miteinander verbindet. Wir brauchen den Blickkontakt und müssen einander verstehen wollen. Zuhören ist die elementare Weisheit, und uralt ist auch die Erkenntnis Martin Bubers: ‚Der Mensch wird am Du zum Ich’.“

Wie frühkindliches Sprachlernen abläuft, zeigte die Referentin, assistiert von Tony Skrivens und Dittmar Köhler. Sprachaufnahmen koreanischer und chinesischer Mütter zeigten den Unterschied zwischen der Alltags- und der an das Kleinkind gerichteten Sprache. Filmsequenzen ließen die Konzentration und die Kreativität von Eltern bei Gesprächen mit ihren Winzlingen erkennen. Mit herzlicher Heiterkeit reagierten die Anwesenden auf die schauspielerische Phantasie eines Vaters, der seiner 13 Monate alten Lotte einen Ventilator erklärte.

Herzlichkeit, Vertrauen und Liebe sind zunächst die Basis eines gelingenden Zusammenlebens mit unseren Kleinen. Die frühen Erfahrungen werden in unserem Gehirn gespeichert und prägen die Menschen ein Leben lang. Dasselbe gilt aber auch für Aggressionen, die aus Unterdrückung und Angst entstehen, warnte die Forscherin.

Im folgenden Gespräch wurden zum einen viele Fragen zum Sprechen lernen gestellt. Prof. Horsch erklärte, mit zwei Sprachen aufzuwachsen, sei förderlich für den Geist, selbst wenn die Sprechfähigkeit sich etwas langsamer entwickle. Grundsätzlich riet sie zu Gelassenheit gegenüber Spätentwicklern. Darüber hinaus lobte sie das Brühler „100-Bücher Vorleseprojekt“ als Beitrag zur Förderung kulturell benachteiligter Kinder

Breiten Raum nahm auch die mit dem Heranwachsen der Kinder sich verändernde Aufgabe der Eltern ein. „Grenzen ziehen“, war die klare Ansage der Referentin. Achtung und Wertschätzung können nur gegenseitig sein. Erst wenn Eltern darauf achten, dass ihre oft lebensrettenden Gebote beachtet werden, kann ein Klima des gegenseitigen Respekts entstehen 

Frau Prof. Horsch schloss mit einem Appell: „Vertrauen und Liebe bringen wir instinktiv unseren Kleinkindern entgegen. Sie dürfen aber auch dann nicht fehlen, wenn die Kinder schwieriger werden. Sie müssen uns über das ganze Leben begleiten. Erst dadurch gelingt es wirklich.“

Weitere Informationen zum 100-Bücher-Projekt und zur Arbeit der Aktion 60+ auf der Homepage: bruehler-aktion-60-plus.de.                                         sr

Mamamamamma- wie Eltern mit ihren Säuglingen sprechen

SÜDWESTRUNDFUNK  SWR2 AULA – Abschrift eines Interviews

Ralf Caspary im Gespräch mit: Professor Ursula Horsch

Redaktion: Ralf Caspary, Sendung: Sonntag, 7. Oktober 2012, 8.30 Uhr, SWR 2

Ansage: Dialoge zwischen Eltern und Kind sind erstens wichtig für die Beziehung und zweitens auch für die kognitive Entwicklung, zum Beispiel für den Spracherwerb. Kinder üben in den ersten Lebensjahren nach und nach phonetische und auch schon grammatikalische Muster der Muttersprache ein, sie lernen zugleich Grundlegendes über die Objektwelt. Doch wie genau funktionieren die Dialoge, in denen das alles vermittelt wird, wie kommunizieren Eltern mit ihren Babys?

Das versuchen Professor Ursula Horsch, Säuglingsforscherin an der PH Heidelberg, und ihre Kollegen herauszufinden. In einem Langzeitprojekt haben sie Videofilme gesammelt, die Dialogsituationen zeigen, und zum größten Teil ausgewertet.

Ursula Horsch wird im Folgenden wichtige Forschungsergebnisse vorstellen, ich habe sie dazu besucht und mit ihr am Laptop ausgewählte Filmszenen angesehen und angehört.

Interview:

Horsch: Über 1.000 Video-Aufzeichnungen haben wir im Augenblick, es werden immer mehr. Wir analysieren diese Videos, zu sehen sind immer Kinder, die unter zwei Jahren sind. Wir versuchen, Babys zu bekommen ab der Geburt, um dann festzustellen, wie sich der Dialog zwischen Eltern und Kind gestaltet. Dafür hat sich bislang noch kein Forschungsteam interessiert. Jeder weiß, dass Eltern mit ihren Babys sprechen. Die Frage war, wie antworten die Babys darauf. Und warum antworten die Babys? Sind die Eltern in ihrem sprachlichen Verhalten ihren Babys gegenüber anders als Erwachsenen?

Caspary: Wir hören zunächst die Tonspur von einer chinesischen Erwachsenen, die mit einer Erwachsenen spricht. Und dann hören wir das Gegenstück, nämlich dieselbe chinesische Erwachsene, die mit ihrem Kind spricht.

Film-Einspieler, Tonspur

C

ialogische Interaktion deshalb, weil beide sich abwechseln: Einmal sagt der Vater etwas oder er tut etwas, und man merkt deutlich, das Baby wartet und geht dann darauf ein, es geht bei dem Dialog wirklich um einen Wechsel, einen Austausch zwischen beiden. Das ist ganz entscheidend für den Dialog, dass bereits Babys lernen „jetzt bin ich dran und dann bist du dran“.

Film-Einspieler

Caspary: Schauen wir uns den Film an: Der Vater trägt kurze Hosen, wahrscheinlich war es warm bei der Aufnahme, er sitzt im Wohnzimmersessel, auf seinen Beinen das kleine Kind. Er liebkost die nackten Füßchen von dem Baby, das Baby lacht; die beiden interagieren sehr stark, nämlich der Vater lacht und das Baby auch. Es geht ständig auf die Angebote ein, die der Vater macht.

Horsch: Was ich noch ganz entscheidend finde ist, dass der Vater immer wieder Blickkontakt zum Baby herstellt und auch das Baby versucht, den Papa anzuschauen. Wir sagen Blickkontakt, aber es ist mehr als nur ein Kontakt, es ist ein sich gegenseitiges Anschauen und sich Verständigen über die Augen, weil ja Sprache noch nicht verstanden werden kann vom Baby.

Caspary: Man hört, wie sich das Baby wohlfühlt, es macht Grunz- oder Lachlaute. Wir hören nochmal ganz kurz rein.

Film-Einspieler

Caspary: Was passiert denn da, Frau Horsch, wenn Sie das wissenschaftlich analysieren?

Horsch: Entscheidend ist für mich, dass

aspary: Ich verstehe natürlich inhaltlich überhaupt nichts, aber man merkt schon, dass die Stimme relativ gleichförmig ist, auch ein bisschen Ernsthaftigkeit transportiert. Jetzt hören wir mal dieselbe chinesische Frau mit einem Kind.

Horsch: Wichtig ist mir in dem Fall, dass Sie nichts verstehen von dem, was die Mutter sagt, weil genau dieses Weggehen von der Bedeutung hin auf das Hören das Element der Sprache ist, das beim Dialog mit Babys wichtig ist. Hier kommt die Mutter-Kind-Sprache in Chinesisch:   

Film-Einspieler

Caspary: Das war die Tonspur der Mutter, die mit ihrem Kind spricht. Also ich höre, dass die Tonlage erheblich höher ist. Sie transportiert Wärme, Zuneigung?

Horsch: Die Sprache ist ausgesprochen liebevoll, sie ist auch in der Intonation, in der Melodik deutlich ausgeprägter. So würde die Frau mit Erwachsenen nicht reden. Für das Kind ist diese Art des Sprechens selbstverständlich, sogar ein Muss, weil dadurch die Möglichkeiten des Hören-Lernens und des Lernens der Sprache gegeben sind.

Caspary: Das ist so ein ganz typischer Singsang. Der ist wahrscheinlich universell. Ich kann mir vorstellen, dass alle Eltern mit ihren Kleinstkindern so reden?

Horsch: Ja, da könnte ich Ihnen noch mehr Beispiele liefern: koreanische Eltern, japanische, natürlich auch deutsch Eltern, um einfach mal das Spektrum sichtbar zu machen. Wir haben das auf einem Weltkongress mal ausgetauscht, wie hört sich diese Sprache weltweit in unterschiedlichen Sprachen an und worin liegen die Unterschiede. Es sind immer wieder diejenigen universellen Elemente, die Sie jetzt selbst bei der chinesischen Mutter hören konnten.

Caspary: Jetzt gucken wir uns mal einen Film an, Frau Horsch, und zwar geht es da um einen Lachdialog.

Horsch: Ja, ein deutscher Vater aus meiner Forschung. Er ist mit seiner Tochter, die gerade 14 Wochen alt ist, in einer „dialogischen Interaktion“ – so nennen wir das. D

wir eine kurze Sequenz hatten, in der sogar das Baby mit seinen wenigen Wochen versucht hat, den Papa zu imitieren.

Caspary: Es hat versucht zu lachen wie er.

Horsch: Genau. Und für uns ist das schon der erste Versuch hin zu komplexen Spracherwerbsprozessen. Aber diese Spracherwerbsprozesse sind nie losgelöst von einem Miteinander. Was bei diesen beiden gut beobachtbar war, war dieses gegenseitige Sichanschauen, und immer wenn das Kind etwas unaufmerksamer wurde, hat der Papa „Grußmomente“ eingesetzt. Dieser Papa ist ein fantastischer Vater, was Grußmomente angeht, und zwar hat er ganz buschige Augenbrauen. Grußmomente bedeutet, er macht die Augen ganz groß auf, er zieht die Augenbrauen hoch und fängt dann wieder an, mit dem Kind zu reden, kleiner Lachfrosch sagt er einmal, oder er lacht einfach nur. Auf jeden Fall sind Grußmomente ganz entscheidende Elemente, die ermöglichen, dass das Baby dabei bleiben kann. Und dann ist der Körperkontakt entscheidend.

Caspary:Das wollte ich gerade sagen: die zärtlichen Gesten, das Abknutschen der Füße des Babys.

Horsch: Und der Händchen. Der Papa hat die Beinchen mal in der Hand und pustet drauf, er hält die Ärmchen und bewegt sie rhythmisch, und er folgt dabei auch den Bewegungen des Kindes. Also er nimmt nicht die Ärmchen und macht mit ihnen, was er will, sondern er versucht, das Strampeln des Babys aufzunehmen in die eigene Motorik, und das ist eben ein Element des frühen Dialogs, auch wenn noch keine Sprache dabei ist, das Baby kann ja noch nicht sprechen.

Caspary: Was haben Sie noch ausgewählt?

Horsch: Wir haben als nächsten Film das „Mama-Sagen-Können“. Wir machen jetzt einen großen Schritt zu einem Baby, das acht Monate alt ist und das bereits aus dieser Phase der frühen Imitation hinausgewachsen ist und in den Silbenbereich kommt. Wichtig ist, dass aus dem rein zufälligen „ma- ma-ma“, das wir gleich hören werden, für die Mama etwas Bedeutungsvolles resultiert, denn sie hört, dass das Kind das erste Mal „Mama“ sagt. Das ist eine sehr ergreifende Szene.

Caspary: Den Moment kennen ja ganz viele Eltern noch. – Der Film ist überschrieben mit „Erstes Mama“, und wir sehen ein Baby auf einem Fliesenboden.

Film-Einspieler

Caspary: Die Kleine sitzt auf dem Fliesenboden mit einem Frottee-Anzug und brabbelt vor sich hin. Die Mama läuft irgendwo geschäftig herum, man sieht nicht, wo sie ist. – Jetzt kommt die Mama und setzt sich zu dem Baby auf die Fliesen hin, nimmt es in den Arm. Jetzt kommt es zu einem richtigen Dialog zwischen den beiden. Die Mama zeigt auf sich und sagt „da ist die Mama“, und das Baby wiederholt das „ma-ma-ma“.

Horsch: Das war für mich das Entscheidende: weil das Kind die Intonationsstruktur der Mama übernommen hat und wohl auch das Emotionale begriffen hat: „Mama“ ist meine Bezugsperson.

Caspary: Die beiden hören gar nicht mehr auf, die sind völlig euphorisiert. Da ist jetzt auch der Papa.

Horsch: Der Papa nimmt die Szene mit der Kamera auf und sagt ganz zum Schluss: „Sag doch auch mal Papa“. Was für mich überraschend war und ein wichtiger Ausschnitt: Die Mama sagt „hier ist die Mama“, dann sagt das Kind „Mama?“, mit so einer fragenden Struktur, so als würde es nachfragen, bedeutet das genau das, was du für mich darstellst? Das ist natürlich ein gewaltiger Schritt, weil jetzt auf einmal die Lautäußerung mit einer Semantik verbunden wird und zwar mit einem ganz starken Beziehung stiftenden Element, nämlich der Mama. Das ist für die Mama wichtig, aber auch für das Kind. Ich finde, man hat das schon gespürt, die Mama hat geweint bei dem ersten „Mama“ und das Baby war auch eine kurze Zeit recht ergriffen. Das sind Momente, die sehr entscheidend sind, auf für die Beziehung zwischen den beiden.

Caspary: Die sind aber auch aus Ihrer Sicht entscheidend für den Spracherwerb?

Horsch: Natürlich, weil sie den Spracherwerb voranbringen. Das Baby kommt heraus aus diesem Silben-Plappern hin zu bedeutungsvollen ersten Wörtern. Wir sagen auch „Proto-Wörter“ dazu, das Kind merkt immer stärker, dass die Objekte seiner Umgebung einen Namen haben. Meist sind es dann Auto oder Wauwau oder auch Papa. Papa ist etwas schwieriger für die meisten Kinder, weil das „P“ ein schwieriger Laut ist, Wauwau ist wieder einfacher zu sagen. Es findet also diese Sinnstiftung statt 6 Mamamamamma – wie Eltern mit ihren Säuglingen sprechen Interview mit Professor Ursula Horsch SWR2 Aula vom 07.10.2012

zwischen dem, was das Kind lautlich produzieren kann und dem, was es von den Eltern hört.

Caspary: Der nächste Film ist der „Ventilator-Film“.

Horsch: Der Ventilator-Film, da sieht man den Papa und das kleine Mädchen, das wir eben gehört haben, sie heißt Lotte. Es wird dabei darum gehen, dass das Kind zum einen den Papa motorisch nachahmt, es geht aber auch darum, dass hier über Beziehung, über Nähe, über Vertrautheit, über gemeinsame Freude sehr viel sichtbar wird. Spracherwerb ist ohne diese Elemente der Nähe, der gemeinsamen Freude, der geteilten Aufmerksamkeit nicht denkbar.

Film-Einspieler

Caspary: Da bin jetzt mal gespannt. Überschrieben ist der Film mit „Lotte, 13 Monate“. Lotte sitzt mit ihrem Vater auf einer Spieldecke. Der Papa zeichnet mit dem Finger nach, wie sich ein Ventilator dreht, er ahmt die Geräusche nach, Lotte lacht und versucht, das mit ihren Ärmchen nachzumachen.

Horsch: Ja, die Lotte versucht, die Drehbewegungen des Ventilators, die der Vater ja mit der Hand macht, auch mit der Hand nachzuahmen. Das kann sie aber noch nicht, deshalb macht sie es mit ihren ganzen Ärmchen. Sie versucht es immer wieder.

Caspary: Er wiederholt die Drehbewegung, guckt kurz an die Decke – und sie guckt auch an die Decke.

Horsch: Jetzt hat sie versucht, den Papa zu imitieren, sein Lachen zu imitieren, sie hat auch den Mund aufgemacht und den Kopf versucht zu drehen. Auch das gelingt ihr nicht so perfekt, wie der Papa das kann. Was für mich hier wunderschön rüberkommt, ist die gemeinsame Freude an der gemeinsamen Aktivität, an dem Beobachten der Welt. Also die Dinge der Welt haben ja eine Funktion, und diese Funktion des Ventilators versucht der Papa dem Kind näher zu bringen, und das Kind leistet auch die ersten Schritte dazu, es wird noch lange nicht gelernt haben, dass der Ventilator das Element ist, das dreht und die Luft bewegt. Aber es hat zumindest gelernt, dass sich dieses Element dreht. Und es wird noch oft hören müssen, dass dieses Element Ventilator heißt. Das wird nicht in einer einmaligen Situation gelernt. Vieles spricht dafür, dass dieses Spiel der beiden vertraut war. Das ist ein „vertrautes Format“, so nennen wir das, das vom Kind initiiert wurde. Es ist wichtig, dass Kinder für Dinge, für die sie Interesse haben in der gemeinsamen Interaktion, Impulse setzen und die Eltern diese Impulse auch verstehen. Das Kind hat auf die Decke gezeigt.

Caspary: Weil der Vater mit den Fingern den Ventilator nachgemacht hat und immer auf die Decke gezeigt hat. Der Ventilator hängt oben, wollte er sagen.

Horsch: Ja, genau. Die Kleine hat zuerst mit dem Finger drauf gezeigt, der Papa hat das übernommen und gesagt „der Ventilator, der Ventilator“ und hat dann dieses Spiel erneut gespielt. Das ist ein Format, das den beiden sicherlich vertraut war.

Caspary: Wie wichtig ist dabei die Wiederholung?

Horsch: Ganz wichtig. Es ist wichtig, dass ein Kind Begrifflichkeiten sehr oft hört. Es wird nicht in einem einmaligen Akt gelernt, sondern das Kind muss die neuen Begriffe in mehrfachen Kontexten, in unterschiedlichen Intonationsstrukturen immer und immer wieder hören. Und der Papa muss bereit sein, dieses auch zu leisten, aber nicht monoton. Er könnte ja monoton sagen: „der Ventilator, der Ventilator“. Das macht er aber nicht, er ist mit seiner ganzen Person dabei. Es freut ihn, es ist Begeisterung in seiner Sprache hörbar. Und in dieser Sprache wird auch die Intonationsstruktur deutlich: „das ist ein Ventilator“. Dadurch wird für das Kind die Aufmerksamkeit auch vor allem auf die Phoneme gelenkt, vor allem wieder auf die Vokale. Das ist etwas, was Kinder sehr früh hören können, was ihre Aufmerksamkeit weiterhin fokussiert.

Caspary:

Ich würde sagen, das war auch ein typisches Papa-Spiel, weil es um Technik geht. Machen Mütter das anders?

Horsch: Ja. Das können wir zeigen anhand des Films mit dem Kästchen. Es ist dieselbe Familie, derselbe Vater, dieselbe Mutter, dasselbe Kind. Was macht der Papa mit dem Kästchen, was macht die Mama draus? Eine spannende Geschichte, die die Unterschiedlichkeit der elterlichen Sprache und Dialogstruktur versucht sichtbar zu machen. Dazu haben wir ja auch Forschung gemacht, wo wir das quantifiziert haben.

Film-Einspieler

Caspary: Wir sehen wieder Lotte, 14 Monate. Sie sitzt mit ihrer Mama auf einer Spieldecke im Spielzimmer, und die Mama holt aus einem Kasten Spielzeug heraus. Sie gibt es Lotte in die Hand, und Lotte soll es wieder einsortieren. Das ist ein Sortierspiel.

Horsch: Das ist ein Spiel, in dem vor allem soziale Routinen eingeübt werden. Das ist ganz typisch für mütterliches Verhalten, dieses „danke“ und „bitte“. Und jetzt zeigt sie – es geht ja um Wäscheklammern – dem Kind, was Wäscheklammern eigentlich tun, wie die Funktion der Wäscheklammern aussieht.

Caspary: Die Mutter hat eine Wäscheklammer herausgeholt und sie an der Hose von Lotte befestigt und Lotte soll das jetzt nachmachen.

Sie kann die Klammer nicht öffnen, sie schafft es noch nicht. Sie versucht es dann gleich nochmal, es klappt aber nicht. Jetzt versucht sie es mit Abreißen, vielleicht kriege ich es weg, könnte Lotte jetzt denken. Die Mama hat das verstanden und sagt „zieh“ – und bekommt es weg. Jetzt versucht es Lotte auch. Und sie bekommt es weg. Die Mutter klatscht in die Hände und lobt. Die Mutter lobt sehr viel für gelungene Leistungen.

Caspary: Ist das ein typisches Spiel von Frauen?

Horsch: Das ist typisch. Mütter sind eher daran interessiert, dem Kind die Welt, die Menschen vorzustellen.

Caspary: Und zwar schon kategorisierend. Die Mutter ist für die Ordnung zuständig, auch wenn das jetzt klischeehaft klingt.

Horsch: Ja, und es geht, wie erwähnt, um soziale Routinen. Also man sagt „Bitte“ und „Danke“, man begrüßt sich, man macht dies so und das anders. Dafür sind die Mütter zuständig. Die Väter haben in meinen Augen und aufgrund der vielen Videos, die wir haben, eher diesen Fun-Charakter. Es muss Spaß machen, und es muss gar nichts mit den Funktionen der Objekte zu tun haben.

Caspary: Schauen wir uns mal an, was der Vater macht. Er hat dasselbe Kästchen mit den Wäscheklammern, er schüttelt das erstmal.

Horsch: Er geht über das Hören, er weckt die Aufmerksamkeit.

Caspary: Lotte soll selbst gucken, was da drin ist. Sie nimmt das Kästchen in die Hand.

Horsch: Sie will es aufmachen, aber das ist noch zu schwierig. Papa macht es auf und gleich wieder zu. Er macht aber eine ganz andere Aktion daraus: Auf und zu, was ist das? Lotte holt auch wieder die Wäscheklammern raus. Aber im Gegensatz zur Mama lässt der Vater die Wäscheklammern springen. Es gibt so Frösche, die kann man springen lassen, das kann man mit Wäscheklammern auch tun. Lotte denkt, sie bekommt das auch hin, sie nimmt sie hoch, aber sie fallen ihr herunter. Daraus macht der Papa ein neues Spiel, und zwar ein Raketenspiel. Die Wäscheklammer ist jetzt eine Rakete.

Caspary: Er lässt die Rakete aufsteigen und dann wieder absinken.

Horsch: Das ist für das Kind ein wirklich lustvolles Spiel, es macht ihm viel Spaß.

Caspary: Das ist schon ein erheblicher Unterschied zu der Mama.

Horsch: Das ist einfach eine andere Qualität. Das Kind genießt diesen Spaß und dieses ganz andere Erleben, die Rakete, die hochsteigt und auf dem Bauch des Babys landet. Die Mama hat dagegen ganz funktional gearbeitet. Sie hat die Klammern so benutzt, wie man Klammern benutzt. Das tun Eltern in der Regel so. Wichtig ist, dass beides zusammen kommt, also dass der Vater durchaus dem Kind diese Elemente präsentiert, sie sind ein Teil dieser Welt, sie machen Spaß und Freude. Und die Mama zeigt, diese Welt ist auch ernsthafter, in dieser Welt lernen wir, in dieser Welt brauchen wir Dinge, die für uns hilfreich sind. Sie stellt diese Welt vor. Das klingt jetzt platt. Aber es zeigt eigentlich sehr schön, wie diese unterschiedlichen Aufgaben auf die Geschlechter verteilt sind und sich perfekt ergänzen.

Caspary: Stört Sie das überhaupt nicht, dass das die Klischees von Mann und Frau bestätigt?

Horsch: Es stört mich gar nicht, nein. Ich sehe das eben bei diesen vielen Vätern auf unseren über 1.000 Videos, und die Väter sind diejenigen, die eher die lustigen Dinge mit den Kindern machen. Und die Kinder warten auch drauf.

Caspary: Was ist für Sie das Wichtige an dieser Art Forschung?

Horsch: Für mich war am Beginn der Forschung wichtig zu fragen: Wie funktioniert dieser Dialog zwischen Eltern und Kind. Und darauf kann ich jetzt eine Antwort geben. Es ist eben so, dass auch dann, wenn nicht gesprochen wird, ein Dialog stattfindet, weil es Dialog-Elemente gibt, die außerhalb oder parallel zur Sprache liegen. Dazu gehört das sich gegenseitige Anschauen, dazu gehören die Grußmomente, dazu gehören zärtliche Gesten, natürlich auch die Sprachmelodie. Und wir analysieren, wie oft verwenden Babys bestimmte Elemente wie Lachen und Anschauen, wie oft verwenden das beispielsweise Väter und wie oft die Mütter? Und gibt es Gemeinsamkeiten? Nach Auswertung der Videos können wir jetzt dazu Konkretes sagen. Interessant ist dann natürlich auch herauszufinden, wie diese Dialog-Elemente zusammenhängen, wann sie in welchem Kontext auftreten, denn sie sind ja nicht zufällig, sondern haben einen bestimmte Sinn und eine bestimmte Funktion. Aber unsere Forschung geht ja weiter, wir wollen auch wissen, sind diese Dialog-Elemente bildungsrelevant. Das sind sie. Wir konnten in Langzeitstudien nachweisen, dass Kinder, die sehr viel Dialoge erfahren, in standardisierten Testverfahren deutlich bessere Ergebnisse haben. Das heißt, Kinder profitieren auch in ihrem intellektuellen Bereich, sie profitieren im Bereich der Bildung davon. Das ist für uns als Pädagogen natürlich eine ganz wichtige Aussage.

Prof. Dr. paed. Ursula Horsch lehrt und forscht am Institut für Sonderpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Aktuell forscht sie an frühkindlicher Bildung, an frühkindlichen Dialogen und Bildungsprozessen bei behinderten und nicht behinderten Kindern. Homepage: www.ursula-horsch.de

1. Gespräche sicher führen - Verbindlichkeiten herstellen

2. Kommunikationsprobleme überwinden: ,,....ich höre was, was du nicht sagst."

3. Was ist „Soziale Kompetenz"? Kann man das lernen?

4. Vorurteile: Möglichkeiten zur Änderung j ^i'`` f —

5. Ergebnisorientiertes Anleiten: Anleiten ohne zu erdrücken oder Widerstand zu provozieren

6. Körperkult - Schein und Sein. Jugendsprache, Körper und Kleidung: Die Botschafte

7. Gewalt als Konfliktlösungsmodell ersetzenr

Prof.Dr.Ursula Horsch
Pädagogik der Hörgeschädigten
Frühpädagogik
Fakultät I / Pädagogische Hochschule Heidelberg
Zeppelinstraße 3
69121

100-Bücher-Programm in der Gemeinde Brühl, Baden

Alle Eltern sollen Ihren Kindern vorlesen

1. Unser Anliegen

Es wurde festgestellt, dass in Deutschland die soziale Herkunft in  Deutschland im schulischen Erfolg der Kinder stärker widerspiegelt als in allen Industriestaaten (OECD, PISA). Das ist ein Skandal. Er wurde von Soziologen weiter untersucht, die entdeckten, dass

> der Anteil der Eltern, die ihren Kindern vorlesen, sich zwischen 78% und 23% bewegt,

> die Zahl der in den Haushalten vorhandenen Bücher extrem unterschiedlich ist und

> ab einer Zahl von 100 Büchern in einem Haushalt die Erfolgschancen sich deutlich verbessern.

2. Unsere Ziele

Eine demokratische Gesellschaft muss alles tun, um allen Kindern die bestmöglichen Chancen zu geben, sich geistig und persönlich zu entwickeln.

Daran müssen alle Eltern mitwirken. Sie können es, indem sie ihren Kindern von klein auf vorlesen.

-                       Vorlesen hilft Kindern und Eltern

-                       Vorlesen macht Kinder klug

-                       Vorlesen stärkt den Zusammenhalt

-                       Vorlesen schafft eine erfreuliche Atmosphäre

-                       Kinder brauchen Vorlesen

3. Ihr Beitrag

Sie, Eltern großer Kinder

Bringen Sie gute Kinderbücher, die Sie nicht mehr brauchen, aus denen Sie Ihren Kindern gerne vorgelesen haben in die Gemeindebücherei..

Sie Eltern kleiner Kinder

Nutzen Sie die geschenkten Bücher. Sie müssen sie nicht zurück bringen, können es aber. Vor allem: Lesen Sie Ihren Kindern vor.

 4. Eröffnung der Bücherwand unseres Programms:

 Donnerstag, 20.9. 2012, 17 Uhr, Gemeindebibliothek

 Die Bücherwand ist eröffnet:

5. Beteiligte Institutionen

Kindergärten unserer Gemeinde, Jahnschule, Schillerschule, Gemeindebücherei, Bücherinsel, Aktion 60+

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