Brühler Aktion 60+
       Zeit für Herzlichkeit

5. Lesung     28. September 2015

Mohammed, Ismael und Isaak sitzen vor einer ehemaligen Kaserne in der Nähe einer süddeutschen Stadt. 

Mohammed Oh, Söhne Abrahams! Wie schön ist es hier! Große steinerne Gebäude. Schiefergedeckt, wie die Schlösser an der Loire. Dazwischen Bäumen und Wiesen. Im Norden ein Wald. Hier hätte ich in meiner Erdenzeit gerne gelebt.

Ismael Oh, Prophet. Ihr erinnert Euch wohl an den Koran: Es fehlt nur ein kleiner Bach, dann wären wir im Paradies. Richtig? Dazu noch saubere, schöne, feste Straßen. Und alles für Flüchtlinge aus unserer Heimat.

Isaak Ja, mir gefällt es hier auch. Ein Garten Gottes. Im Grünen. Prophet, das ist Eure Farbe. Sie erfreut mein Auge und gibt mir innere Ruhe.

Ismael Was für ein Unterschied zum Staub und den Steinen Arabiens…

Isaak Hier sollen Flüchtlinge untergebracht werden. Wer hier eine Bleibe findet, ist gesegnet… 

Mohammed  Auch wenn die Bauten früher Kasernen waren?

Ismael Jedenfalls lebt man hier besser als in türkischen oder jordanischen Zeltlagern oder in deutschen Riesenhallen, neben Tausenden, wie Sardinen in Büchsen! Zudem wurden die Gebäude vollständig für Familien eingerichtet! 

Mohammed Ja, Freunde. Ich hoffe, dass alle Schutzsuchenden hier innere Ruhe finden. Nach den Tragödien, die über sie hereingebrochen sind! Gefahren, Ängste und Schmerzen haben die Hälfte der Syrer aus ihrer Heimat vertrieben. Jeder Vierte ist sogar ins Ausland geflohen! Und für fast 1000 Menschen ist hier ein Zuhause vorbereitet worden.

Ismael Ein Zuhause, sagt Ihr? Meint Ihr damit „Heimat“? Ich fürchte, die Syrer werden sich nirgendwo mehr daheim fühlen können? Was sie erlebt haben, muss sie seelisch tief verwundet haben. Traumatisiert. In ihrem Land herrschen Mörder.

Isaak Und in Europa leben sie unter Fremden und können nicht heimkehren. Das belastet sie doppelt! (zu Mohammed) Mohammed, Ihr habt eben von Angst, Schmerzen und Gefahren gesprochen. Werden die Flüchtlinge ihre Wunden je vergessen? Können die überhaupt heilen?

Mohammed Danke, Isaak, für Euer Mitgefühl. Eigentlich ist alles schlimmer: Nicht nur einzelne, das ganze Volk ist verunsichert und enttäuscht,. 

Ismael Verunsichert… enttäuscht? Worüber? Doch nicht über das Verhalten ihres Präsidenten Assad?

Mohammed Doch, genau das! 2011, im „arabischen Frühling“ haben sie friedlich demonstriert und so etwas wie Gespräche mit Assad erwartet. Seine Reaktion kennt Ihr: Streubomben. Sie kämpften gegen seine Truppen. Und dann ist noch der IS eingedrungen. 

Ismael Die Syrer waren eigentlich gewarnt. Assads Vater hatte doch 1982 den Aufstand Muslimbrüder blutig unterdrückt.

Mohammed Ja, aber dieses Mal haben sie ganz friedlich mit Glaubensbrüdern in den Nachbarländern ihre Bitte um Freiheit vorgetragen haben.  

Ismael Ganz sicher haben sie nicht geahnt, dass Assad so rasch und so brutal über sie herfallen würde. Wer sich diese Illusion gemacht hat, weiß es nun besser. Ihr Mut hat mich jedenfalls beeindruckt. Trotz ihres Irrtums.

Isaak Da warst Du nicht allein! Die Christenheit, ach, was sag‘ ich, die gesamte westliche Welt hat im Frühling 2011 mit den Aufständischen gefiebert und für sie gebetet. 

Mohammed  Auch Tunesier, Libyer und Ägypter haben für die demokra-tischen Grundrechte demonstriert. Deshalb haben manche Syrer Hilfe aus Europa und Amerika erwartet… 

Ismael … und nicht bekommen. Was für eine Enttäuschung, Prophet. Vor 70 Jahren schon hat die UNO verkündet, dass Menschen Anspruch auf Freiheit haben. Und jetzt haben meine Araber sie gefordert.   

Mohammed Und die waren im Recht. Alle vier „Frühlings“-Staaten hatten die UN-Grundrechte anerkannt - und ständig dagegen verstoßen. Auch gegen die Barmherzigkeit des Koran. Assad ist verantwortlich für den Tod Hunderttausender.  

Ismael Prophet, ich verstehe Eure Empörung, aber in der demokratischen Welt hält man den Muslimen vor, die Grundrechte einzugrenzen, vor allem die Freiheit der Meinung und der Religion oder an die eingeschränkten Rechte der Frauen. Das stimmt doch?

Mohammed Darüber haben wir schon einmal gesprochen. Erinnert Ihr Euch? Was mir Gott in Mekka offenbarte, war nicht dasselbe wie in Medina. Das verstehe ich so: Gott ist Barmherzigkeit, was sie genau bedeutet, muss – muss! – sich ändern.

Isaak (lächelt) Prophet, Eure Worte passen zu einer Welt der Grundrechte und der Menschenwürde. Erste muslimische Theologen in den demokratischen Ländern vertreten Eure Ansicht auch.  

Ismael Bruder, ich bin da zwiegespalten. Für mich als Sohn Abrahams steht der Glaube an Gott an der ersten Stelle, und nicht die Menschenrechte. Andererseits hat die starre Auslegung der Religion zu Kriegen und Unterdrückung geführt.

Mohammed Ismael, danke. Ich bin unsicher wie Ihr. Gott, der Schöpfer, „ist größer als alles, was sich Menschen vorstellen können.“ Seine Würde ist uns wichtiger als alles.

Isaak Und die Menschenrechte, Prophet? Vorhin habt Ihr doch den Dikta-toren vorgeworfen, sie würden durch ihre Unterdrückung gegen die Barmherzigkeit des Korans verstoßen. Ich halte die Freiheit für eine Bedingung des Glaubens an Gott.  

Mohammed Isaak, Ihr habt zum Teil Recht. Unterdrückung, Gewalt und Krieg verstoßen gegen das Gebot der Barmherzigkeit. Da die Diktatoren Macht besitzen, sind sie vor Gott verantwortlich für ihre Taten.

Isaak Und wer überprüft das?

Mohammed  Sie selbst, mit ihrem Gewissen. Sie müssen ein Segen sein.

Ismael Prophet, die Sache wird klarer: Menschenrechte und Barmherzigkeit unterscheiden sich nur in ihrem Ursprung. Die Barmherzigkeit kommt von Gott, und die Menschenrechte entwickelten sich geschichtlich.

Ismael Damit verstößt alles, was in Syrien geschieht, nicht nur gegen die Grundrechte, sondern auch gegen den Willen Gottes. Das betrifft alle Beteiligter, den IS, die Rebellengruppen, Assad, aber auch die intervenierenden Kräfte. 

Mohammed Da mache ich schon einen Unterschied: Obama, der Präsident der USA, hat nur zögernd eingegriffen und auch nur, um den Krieg zu beenden. Im Einklang mit dem Auftrag Gottes: Frieden, Freiheit von Unterdrückung … Angst, Schmerzen und Gefahren.

Isaak Die Ehrlichkeit verlangt aber, den Grund dieses Zögerns hinzuweisen. Russland, die zweite Großmacht, unterstützt Assad… Und was denkt Ihr? Was will Gott, und wie lässt sich sein Wille verwirklichen?

Mohammed Sohn Abrahams, Eines ist klar: Der Krieg ist das Böse. Er muss beendet werden. Aber den Weg dorthin, müssen die Menschen selbst finden. Dafür bekamen sie ihren Verstand geschenkt.

Ismael Ja, aber wie kann man sich mit Assad einigen? Einem Verbrecher! Die ganze freie Welt prangert seine Taten prangert. Mit seinen Bomben legt ganze Städte in Schutt und Asche und vertreibt ihre friedlichen Bürger. Das verstößt doch gegen alle Gebote Gottes! 

Mohammed Richtig. Er führt einen Krieg gegen sein Volk. Das verstößt nicht nur gegen Gottes Barmherzigkeit. Der Koran verurteilt es sogar ausdrücklich! Als „fitna“, als eine „schwere Prüfung“, die zum Glaubensabfall führen kann[1].

Isaak Prophet, danke für diese Erklärung. Bruder (wendet sich zu Isma-el), wir sollten sie nicht vergessen. Der Koran verurteilt damit auch die Salafisten. Sie schicken dem IS junge Europäer als Kämpfer nach Syrien.

Ismael Keine Frage. Aber als der IS nach Syrien vorgedrungen ist, war der Bürgerkrieg schon im Gang. Das entlastet ihn vielleicht, aber er muss hinnehmen, dass durch ihn Hass und Grausamkeit ins Unermessliche gewachsen sind.

Isaak Im Sinn des Koran wäre gewesen, sich um ein Ende des Kriegs zu bemühen. So wie die USA. Doch der IS und Assad haben ihn ausgeweitet. Ihnen sind also die Millionen Flüchtlinge anzulasten. Können wir nach Syrien gehen, um uns ein Bild von den Folgen dieser „Prüfung“ zu machen?

Mohammed Das ist sehr bedrückend. Der IS und Assad haben blutige Spuren durch das Land gezogen. Die Menschen sind in alle Himmelsrichtungen geflohen hat, und in vielen Städten wird gekämpft.

Isaak Klar, Prophet, wir können nicht das ganze Land besuchen. Ich habe einen Vorschlag: Besuchen wir das Flüchtlingslager Schatila. Ich war vor einiger Zeit dort. Es liegt mitten in Beirut, der Hauptstadt des Libanon.

Mohammed Einverstanden, danke. Ja, in Schatila spiegelt sich die traurige Geschichte Palästinas. Nach seiner Gründung, 1948, hat Israel die Araber besiegt. 3000 von ihnen sind hierher geflohen in der Hoffnung, sie dürften bald wieder heimkehren.

Ismael (seufzt) Aber ach, es folgten weitere Kriege. Und mit jedem ist ih- re Zahl gewachsen. Heute hausen dort 20.000 Flüchtlinge, die Hälfte Syrer. 

***

Lager Schatila, Beirut

Isaak Was für ein Meer von Zelten! Wie soll man sich da zurechtfinden? Können sich die Leute hier überhaupt bewegen?

Ismael Ja, Bruder. Wenn Du genau hinschaust, findest Du Pfade, auf denen sie durchstolpern. Aber Du hast Recht, sie müssen fast übereinander weg steigen. Was für ein Unterschied zur deutschen Kaserne im Grünen! Wie konnte so ein Chaos entstehen?

Mohammed Brüder, ich bin verwundert wie Ihr. Schon 1949 nach der ersten Flüchtlingswelle wurde über Platzmangel geklagt. Der aber war beabsichtigt: Die Flüchtlinge sollten dazu gebracht werden, gegen Israel Krieg zu führen und ihre Heimat zurückzuerobern

Ismael Sie sind aber geblieben und haben lieber die Enge ertragen, als ihr Leben aufs Spiel zu setzen.  

Mohammed ja, aber weitere Kriege folgten und neue Flüchtlinge kamen. Das Durcheinander ist heute fast undurchdringlich. Doch immerhin: Es gibt Elektrizität, wenn auch der Strom durch ein totales Kabelgewirr fließt, dazu ein paar Wasserpumpen und Latrinen. Das ist aber schon alles. 

Isaak Frieden hat es immer nur für kurze Zeit gegeben. Die Region ist ein Pulverfass. Im Libanon haben Christen und Muslime um die Führung gekämpft, beide hielten sich bewaffnete Verbände, es gab blutige Massaker. Ach: Verbrechen ohne Ende.

Ismael Dazu noch der Aufstand der Muslimbrüder, 1982, den der Vater des heutigen Präsidenten niedergeschlagen hat. Damals wurden 10.000 Menschen getötet. Nur! Heute das zig-fache! Dann die Flüchtlinge, und auch noch der IS. Er tötet Frauen und zwingt die Männer zum Mitkämpfen.

Mohammed Ihr habt recht. Aber im Augenblick wirkt Schatila friedlich. Trotz der neuen Flüchtlinge. Es scheint nicht, dass sie abgelehnt werden wie in Teilen Europas. 

Ismael Ich sehe es wie Ihr und frage mich, warum? Spüren die Alteingesessenen die Not und das Elend in Syrien? Hoffen die wirklich auf eine Ende des Bürgerkriegs und Rückkehr der neu Angekommenen?

Mohammed Danke, für Euer Feingefühl. Es ist ein schöner Ausdruck der muslimischen Barmherzigkeit. Doch mit jedem Tag steigt die Zahl der Opfer. Ich bezweifle, dass Assad, Russland, der Iran und Saudi-Arabien den Krieg je beenden werden.

Ismael Und das Leben hier wird immer schlimmer. Der UN fehlt Geld, sie kürzt die Essensrationen. Das erschwert die Lage, vor allem der Syrer. Sie zweifeln nicht nur an einer baldigen Rückkehr, sondern spüren auch die leise Missgunst der Alteingesessenen.

Mohammed Ja, Unterernährung und Enge drücken auf die Stimmung. Der Zusammenhalt im Lager geht verloren. Wenn sich Menschen überfordert oder nicht mehr anerkannt fühlen, werden sie mürbe. Sie verlieren ihre Liebe und die Kraft, freundlich miteinander umzugehen.

Isaak Prophet, ja, und dann verlieren sie auch das Vertrauen auf Gott. Wie wichtig es sein kann zeigt mir Mose‘ Begegnung mit Gott in einem Dornbusch, als Flamme, die „brennt, aber nicht verbrennt.“[2] Im Lager scheint mir aber, dass das Holz verbrennt und die Flamme erlischt.

Mohammed Danke, Sohn Abrahams, für Eure stärkenden Worte. Ihr gebt den Segen Gottes an Euren Vater weiter. Auch ich bemühe mich, Segen zu spenden. Wenn ich spüre, dass es gelingt, gibt es mir neue Kraft.

Isaak Danke, Prophet. Ja, ich denke Gott gibt den Menschen damit ein Ziel. Er traut, ja, er mutet ihnen etwas zu. Daraus kann die Motivation entstehen, eine Welt zu schaffen, in der sie gerne leben würden.

Ismael Bruder, Gottes Segen hat unseren Vater auch beschenkt. Und dann hast Du vom brennenden Dornbusch gesprochen. Zu ihm gehört auch Gottes Name: Ich bin der ich bin … für Euch Menschen in Eurer Not. 

Mohammed Ja, Sohn Abrahams. Und den scheinen zunehmend mehr Christen zu vergessen. Sie entfernen sich von Gott, während IS und Terroristen bei ihren Verbrechen „Gott ist groß“ schreien. Was für eine Not!

Ismael Und unter ihr leiden besonders die Syrer. Sie wirken auf mich, als würden sie in einer Mühle zerrieben. Vom IS, von Assad … und den eingreifenden Staaten. Sie fliehen. Wer aber Schatila erreicht, sitzt in einer Falle.  

Isaak In einer Falle? Meinst Du damit, dass das Lager so eng ist?

Ismael Ich höre immer wieder ihre Gespräche. Sie finden ihre Lage ausweglos. erscheint. Die Menschen hier sind vor Krieg und Hass geflohen. Doch mit jedem Tag schwindet ihre Hoffnung auf Frieden und rasche Heimkehr.

Mohammed Und dann fehlen auch Lebensmittel. Schon die alten Lagerbewohner hatten nicht genug zu essen. Und jetzt kommen noch die Syrer. Das überfordert die Gastfreundschaft.

Isaak Ich verstehe. Ein wirklich bedrückendes Gefühl. Wenn ich mir die geographische Lage anschaue, finde ich noch mehr Schwierigkeiten.

Ismael (seufzt) Noch mehr? Das ist doch jetzt schon genug! Hunger, wenig Wasser, Enge!  

Isaak Der ganze Staat Libanon ist so eingeklemmt, wie die Leute im Lager. Im Norden liegt Syrien, da herrscht Krieg, im Süden, das feindliche Israel, da fühlen sich die Araber abgelehnt. Beide versperren den Flucht-weg.

Mohammed Ja, das sieht wirklich aus wie eine Falle. Die Syrer sind wohl hineingeraten, weil sie in der Nähe ihrer Heimat bleiben wollten.

Ismael Aber hatten sie überhaupt eine Alternative? 

Mohammed Das hängt vom Ziel ab. Wer nicht in dieser Region bleiben will, muss nach Europa. Und dorthin führen zwei Wege: Der eine nach Süden über das feindliche Israel, dann Ägypten, Libyen, das Mittelmeer nach Italien. 

Ismael Aber die Mittelmeer-Überquerung ist mörderisch.

Mohammed Isaak, Ihr habt zum zweiten Mal vom „feindlichen“ Israel gesprochen. Immerhin herrscht derzeit eine Art Waffenruhe dort. Sie wird zwar oft gebrochen. Trotzdem: Israel ist eine Demokratie inmitten von Diktaturen.

Isaak Danke, Prophet. Ihr lobt meine Kinder in Israel. Doch sie schüren Neid und Zorn unter den Arabern, machen sie zu Bürgern zweiter Klasse, gründen Siedlungen in Palästina, und ihre Verfassung schützt die Menschenrechte nicht. 

Ismael Ja, sie schotten sich nach innen und außen ab. Davon geht kein Segen aus. Würden sie Abraham folgen, hätte die Sympathie eine Chance. Und die könnte, hoffe ich, auf ganze Region ausstrahlen. 

Mohammed Ja, Ismael: Sympathie wäre der Schlüssel. Israel könnte ein Vorbild für die ganze Region werden: ein Schutzraum für Flüchtlinge und eine Brücke zu Europa. Als Erstes aber müsste es aufhören, seine Araber zu unterdrücken. 

Isaak Ach, wenn sie das schafften! Im Augenblick aber scheint mir die Abstoßung so stark, dass dort niemand an den Segen Abrahams denkt.  

Mohammed Isaak, Entschuldigung, Ihr redet wie ein Glaubensloser, als hättet Ihr kein Vertrauen zu Gott. Die Anziehung wird wieder wachsen, da bin ich ganz sicher. Wer soll sich auf die Kraft und Liebe Gottes verlassen, wenn nicht wir?!

Ismael Prophet, im Grundsatz stimme ich Euch zu. Erinnert Euch an Jesu Geschichte vom Reichen und Abraham. Sie zeigt, dass Lebende fähig sind, dasselbe zu denken und zu fühlen wie wir Jenseitigen.

Isaak Klar, Gott hat uns vom Neid und den Begierden unserer Erdentage befreit. Damals haben wir mit den Kräften der Materie gelebt. Das aber liegt nun hinter uns. 

Mohammed Ja, richtig. Es gibt noch einen Unterschied: Die Menschen heute sind stärker als wir einst auf den Frieden angewiesen. Sie steht in der Gefahr, sich selbst auszulöschen. Das ist ein großes Argument für die Friedensfreunde. 

Isaak Prophet, vielleicht bin ich zu pessimistisch. Aber Ihr bringt mich auf einen Gedanken: Die Flüchtlinge haben die Gefahren erlebt, sie werden in Europa gut aufgenommen. Sie lernen die Grundrechte kennen und ich hoffe, dass sie nach ihrer Rückkehr einen demokratischen Staat aufbauen.

Mohammed Ach, wenn es doch schon so weit wäre! Dann könnte Syrien dort anknüpfen, wo es 2011 vor dem Bürgerkrieg stand. Dann könnten die drei Schwestern Menschenrechte, Nächstenliebe und Barmherzigkeit, zum Ende der Gewalt und zu einem dauerhaften Frieden führen.  

Ismael Oh, Prophet! Wie wünsche ich, dass Eure Worte Wirklichkeit werden. Und Israel? Da hoffe ich, dass die seit dem Tod Yitzhak Rabins unterbrochenen Gespräche mit den Arabern wieder aufgenommen werden.

Isaak Richtig: Neben der demokratischen Ordnung wäre das Kriegsende der zweite Pfeiler. Er würde auch die jüdisch-arabischen Friedensgruppen stärken. Die sind merkwürdig still. Und ihr Land bleibt abgeschottet. 

Mohammed Söhne Abrahams! Der Segen Eures Vaters fordert als Bedingung den Frieden. Da sind wir uns wohl einig. Aber wie soll er zustande kommen. Ich meine, Europa müsste mitwirken. Aber wie? 

Isaak Also erst einmal: Europa, der Nachbar, ist wie eine Mutter des Vorderen Orients. Wie oft hat es, als Insel des Friedens, die Schäden in Gaza repariert, wenn die Hamas Granaten auf Israel schoss, das dann den Gazastreifen so zerstörte wie Assad sein eigenes Land. 

Ismael Ein schönes Bild „Mutter Europa“! Es klingt selbstlos und aufopferungsbereit. Täuscht es aber auch nicht? Steht die reiche Mutter wirklich auf der Seite ihrer armen Kinder? Nicht nur Afrikaner, auch Araber sind schon im Mittelmeer ertrunken! 

Mohammed (schüttelt den Kopf) Es ist deprimierend, an diesen grässlichen Tod auch nur zu denken. Die hohe Lebensgefahr ist wohl der Grund, weshalb Syrer inzwischen nach Norden fliehen, dann über die Türkei nach Griechenland. Wie haben sie diesen Weg nur gefunden.

Ismael Das habe ich mitbekommen. Als die ersten in Europa waren, haben sie ihre Freunde informiert, und jetzt wissen es alle.

Isaak Klar, die Inseln der Ägäis liegen nahe an der türkischen Küste. Als ich vom neuen Weg hörte, habe ich aufgeatmet: Nicht mehr so viele müssen ertrinken. Und gleichzeitig erreichen mehr Flüchtlinge den ersehnten Kontinent.

Ismael Mir ist wie Dir gegangen. Aber dann treffen dort nicht mehr nur Hunderte, sondern Tausende ein. Tag für Tag. Allerdings haben sie den mühsamen Marsch durch die Balkanstaaten noch vor sich. Und sie berichten auf ihren Handys, dass sie beleidigt und geschlagen werden.

Isaak Ja, Bruder, der schöne Traum trübt sich ein. Es ist, als wollte man sie abhalten, nach Österreich, Deutschland und Schweden zu ziehen.

Mohammed Isaak, verurteilen wir niemanden. Was der IS den Menschen antut, ahnt Ihr nur. Doch die Misshandlungen in Europa werden bekannt. Sie wecken Abscheu, aber auch Hilfsbereitschaft. Niemand vergisst die Re-porterin, die einen Vater mit dem Kind auf dem Arm zum Stürzen brachte.

Isaak Oh, Prophet! Wie fair seid Ihr zu meinen christlichen Kindern. Wie habe ich mit den Flüchtlingen gelitten: Schlagstöcke, Wasserwerfer, Tränengas! Überall, auf Straßen, an Bahnhöfen und Grenzposten. Sie wurden schlimmer behandelt als Verbrecher.

Ismael Wie ungerecht. Alle dürfen doch erwarten, dass ihr Anspruch auf Asyl oder den Schutz der Kriegsflüchtlinge überprüft wird!

Mohammed Brüder, noch einmal Fairness! Gewiss, Polizisten haben geprügelt, das ist nicht zu leugnen. Es hat aber auch Frauen gegeben, die den Vorbeiziehenden Kuchen, Obst und Getränke angeboten.

Isaak Ja, es waren viele Zeichen der Nächstenliebe zu sehen. Und wie sieht es bei den Flüchtlingen aus, die inzwischen in der Kaserne der süddeutschen Kleinstadt angekommen sind?

Mohammed Isaak, sehr gerne würde ich mich zuerst einmal meinen Kindern widmen.

Ismael Vater des Islam, ich kann euch gut verstehen, ich möchte aber nach unserem Gespräch Euch und Isaak einladen, die Gedanken unsere s Gesprächs vorzutragen, die Euch besonders beeindruckt haben.

(Beide nicken)

 

 

Ich schlage vor, dass jeder von uns zum Abschluss unserer Begegnung benennt, was er besonders sympathisch gefunden hat.

(Beide nicken)

***

Ismael Meine Mutter und ich wurden durch einen Engel vor dem Verdursten gerettet. Deshalb beeindruckt mich besonders die Fürsorge: In der süddeutschen Kleinstadt, in Schatila, zumindest am Beginn, und bei den Frauen auf dem Balkan.

Isaak Einen größeren Gegensatz als zwischen Schatila und der süddeutschen Stadt kann ich mir nicht vorstellen. Unser Vater war ein großer Gastgeber. Er hat einst mit Freude, Stolz und Würde die drei Engel empfangen. Und das steht auch der kleinen Stadt gut an.

Mohammed Wir haben viel über Kriege und über den Segen für Euren Vater gesprochen. Ich bekenne mich dazu: Ich habe Kriege geführt, aber ich habe auch Vertrauen gesucht, mit Zuverlässigkeit, Sympathie und mit Barmherzigkeit mit den Menschen. Ich denke wir waren dem Segen nahe.

Einverstanden?

Die drei reichen sich die Hand.
   

[1] Das arabische Wort ‏فتنة‎ / fitna (pl. fitan) taucht im Koran mehrmals auf in der Bedeutung „schwere Prüfung“ bzw. „Versuchung durch Gott“. Gemeint ist eine Prüfung oder Versuchung, die so schwer ist, dass der Glaube (insbesondere der „Glaubensschwachen“) gefährdet ist. –http://de.wikipedia.org.wiki/Fitna; www.eslam.de/begriffe/z/zwietracht.htm
  

[2] Exodus 3,2

Vor dem Rathaus einer Nachbargemeinde der Kleinstadt, 1. Mai 2016

Ismael Freunde, das Interesse an Flüchtlingen ist hier riesig. Letzte Woche sind hier die ersten Flüchtlinge eingetroffen. Doch vor einem Jahr schonschon haben Bürger im Rathaus gefragt, wann sie Migranten „bekämen“ und gebeten, in eine Helferliste aufgenommen zu werden.

Isaak Aber das verpflichtete sie doch zu nichts.

Ismael Stimmt. Aber das Sozialamt musste sie bremsen. Als einige Monate später das evangelische Dekanat über die Gründung eines ökumenischen, also evangelisch-katholischen, Asylkreises informierte, war das Gemeindezentrum zum Brechen gefüllt.

Isaak Das kann Neugier gewesen sein.

Ismael Gewiss. Nur ein Drittel der Anwesenden hat sich in eine Interes-siertenliste eingetragen. Dennoch: Ihre Zahl war größer als die der angekündigten Asylbewerber. Sie haben eine Website gegründet und wollen sich bei einer Senioren-Initiative über Sprachunterricht informieren.

Mohammed Ismael, vor diesem Eifer zieh‘ ich den Hut. Aber wer weiß, wie weitergeht. Eine Bürgerinitiative mit einer ökumenischen Aktion zu verbinden, wirkt aber vielversprechend.

Isaak Ich bin noch skeptisch, aber Du, Bruder, scheinst optimistisch.  

Ismael Bruder, grundsätzlich wünsche ich allen Erfolg, die Flüchtlingen helfen. Und ich kenne auch den Leitspruch der Senioren: „Zeit für Herzlichkeit“. Wenn die Freiwilligen so viel Herzlichkeit zurückbekommen, wie sie einbringen, nennen die Ökonomen das eine win-win-Situation.

Mohammed Das wünsche ich allen, der Gemeinde, den Flüchtlingen und allen Deutschen von ganzem Herzen. Die meisten sind ihrer Willkommens-kultur treu geblieben. Wie Abraham geben sie Gottes Segen weiter.

Isaak Und die Bürgerrechtler, für die „Segen“ ein Fremdwort ist?

Mohammed Aber Isaak, wir sind uns doch einig: Nächstenliebe und Menschenwürde führen doch zum gleichen Verhalten,  Und das fügt sich in den Segen Abrahams ein. Es fördert den Frieden und die Rettung des Klimas.

Isaak Prophet, ohne Frage. Dennoch hat bei den Wahlen in Baden-Würt-temberg beinahe jeder Sechste für die nationalistische Partei gestimmt.

Ismael Da geht etwas auseinander. Die Nationalisten sprechen den Flüchtlingen die Menschenrechte ab. Gleichzeitig steigt die Zahl der Freiwilligen, hier und in den Nachbarorten. Deutschland spaltet sich.

Mohammed Ja, Sohn Abrahams. In den Einen lebt die Güte Gottes. In den anderen das Böse.  

Isaak  Prophet, ja. Die Liebe wurde umsonst geschenkt. Sie könnte zu einer Welt der Sympathie führen. Aber die Mauer gegen sie wächst.  

Mohammed  Wie dankbar Flüchtlinge und wie glücklich Helfer sein können, habe ich miterlebt. Ankommende und Helfer haben sich angestrahlt, als wären sie Weltmeister geworden. Und da entstand die „Willkommenskultur“.

Isaak (nachdenklich) Und inzwischen muss man fürchten, dass sich dieser Zauber verflüchtigt. Wird er verlorengehen? Bilder offener Freude der Angekommenen zeigen die Fernsehberichte nur noch selten.

Ismael Mag sein! Möglicherweise ist manches zu Routine geworden. Aber es wird auch hart gearbeitet. Die Nationalisten loben zwar die Freiwilligen nicht, erklären aber, die Beamten wären überlastet. Das beeindruckt die Helfer nicht. Sie bleiben. Wie selbstverständlich.  

Mohammed Söhne Abrahams. Ich fürchte diese Motivation wird nicht ausreichen. Die Gegner werden lauter und ihre Wahlergebnisse besser. Gewiss, die Flüchtlinge sind dankbar, das dringt aber nicht nach außen.  Wer Gutes tut, handelt im Stillen.

Ismael Prophet, den Helfern werden keine Pflichten auferlegt, sie engagieren sich aus eigenem Antrieb. Einige werden müde, das ist menschlich. Doch sie erwerben auch Erfahrung. Das erleichtert ihr Engagement.  

Isaak Da fällt mir Brechts Begriff „Mühen der Ebene“ ein. Freude kann sich abschleifen. Und in der Gesellschaft wächst die Ablehnung. Was lässt sich dagegen tun?

 Ismael Ich sehe nur Eines: Verantwortungsbewusstsein. Von Anfang an sind neben den Flüchtlingen und Helfern Beamte gestanden. Die waren  zuständig für Fingerabdrücke, etwa. Sie waren vor allem. Doch die Stimmung war nie unfreundlich. Ich meine, dank der Freiwilligen.

Mohammed Auf jeden Fall aber haben sie das gute Klima aufrecht erhalten. Als Ende September die Abende  kühler wurden, haben Polizisten Verstärkung gefordert, damit die Ankommenden nicht in der Kälte warten müssten und krank würden.

Isaak  Mohammed, Prophet. Meint Ihr immer noch, dass der Geist dieser ersten Begegnungen schwindet? Auf den Freiwilligen ruht doch Gottes Segen!

Mohammed Danke, kaum ein Wort gebraucht Ihr häufiger! Unter den Helfern unterschiedlichsten Menschen. Aber alle waren verständnisvoll und freundlich. Sie haben den Fremden offen in die Augen geschaut. Sie haben sich mit ihren Blicken gesegnet.

Isaak Ja, Prophet. In Tat und Wahrheit: Alle sind Kinder Gottes. Ob sie an ihn glauben oder nicht. Das spielt keine Rolle. Sie verhalten sich wie gute Gastgeber, die Freunde umsorgen, entgegenkommend und einfühlsam.

Ismael Prophet, Bruder. Das klingt ja wie eine Lobeshymne. Übertreibt Ihr da nicht?

Isaak Wäre das schlimm? Und dann: Das Gute muss man doch anerkennen. Selbst wenn das Lob nicht in die Öffentlichkeit dringt, die Helfer erfahren viel Ermutigung, trotz oder gerade wegen Pegida und so.

Mohammed Ja, die Freiwilligen erleben, dass sie mit ihrem Einsatz und ihrer Freundlichkeit Sympathie wecken. Dann noch etwas ganz Anderes: Ihr Engagement färbt auf die Hauptamtlichen ab. Die Securities fühlen sich geehrt, wenn sie unterstützt werden. Von Menschen, die in der Gesellschaft anerkannt sind.

Isaak Die Beamten und Sozialarbeiter auch. Die klagen zwar wegen unbezahlter Überstunden, bleiben aber an ihren Plätzen. Sonst würde ja alles zusammenbrechen. 

Ismael Seltsam: Der Geist der Freiwilligen hat einen möglichen Kollaps an den deutschen Grenzen verhindert. Was wäre wohl ohne ihre Hilfe geworden? Und wie würde es in dieser Gemeinde aussehen, der dritten und vorläufig letzten Station der Flüchtlinge.