Brühler Aktion 60+
       Zeit für Herzlichkeit

 

6. Lesung – 15.10. 2015

Ismael, Isaak, Mohammed vor der Kaserne der süddeutschen Kleinstadt 

Mohammed Schaut mal, Freunde, seht Ihr auf der Bank da drüben links eine Familie? Eltern und drei Kinder. Den Vater kenne ich. Aus Homs in Syrien. Er ist Arzt und heißt Yassir Altacq.

Isaak Was für einen weiten Weg hat der hinter sich. Und was er erlebt hat, kön-nen wir nur ahnen. Homs war eine der ersten Städte, die der Diktator Assad bombardiert hat. Wie reagiert da ein Arzt? Er wäre wohl gern bei seinen Patienten geblieben! Wurde sein Haus zerstört? Oder geschah ähnlich Furchtbares? 

Mohammed Er ist in die Türkei geflohen und in einem Lager gelandet. In einem Zelt. Zu heiß im Sommer und zu kalt im Winter. Keine Arbeit, keine Schule für die Kinder. Und der Krieg wollte nicht enden. Also ist er mit Frau und Kindern weitergezogen: „Überall ist es besser als hier!“ So haben viele gedacht.

Ismael Immerhin hat er sein Leben und seine Familie gerettet! Und in der Türkei war er zumindest vor Assads Bomben und dem IS geschützt.

Isaak Aber die Urkäfte wirkten auch in den Lagern. Von der Abstoßung hatten die Syrer genug erfahren, dem Hass Assads und det Grausamkeit des „Islamischen Staats“. Und nun hofften sie, dass in Europa die Anziehung und die Liebe stärker wären.  

Mohammed Was für ein Irrtum! Ich würde sagen, die Staaten Europas haben ihnen zuerst die kalte Schulter gezeigt und sie sich selbst überlassen. So als gingen sie ihre Pflichten aus der Genfer Konvention nichts an. Was wäre geworden ohne mitleidige Touristen und Inselbewohner!

Isaak Ja, nur wenige haben Mitgefühl gezeigt. Der Mehrheit waren die Flüchtlinge lästig. Internationale Verträge enthalten keine Bestimmungen über die Aufnahme. Sie zu erfüllen ist eine Sache der nationalen Würde. Da lässt sich kaum etwas erzwingen.

Ismael Ja, in Griechenland und auf dem Balkan gibt es viel Armut. Aber auch Hilfsbereitschaft. Ich habe Touristen gesehen, die Autos voller Lebensmittel in die Lager gebracht haben. Aber den Staaten waren die eigenen Bürger wichtiger. 

Mohammed Das kann ich nachvollziehen. Und das war schlimm für die Al-tacqs. Sogar an der EU-Grenze wurde ihnen der Weg versperrt. Tage- und vor allem Nächtelang haben sie in Schlamm, und Kälte gefroren. Von Protesten der Bürger gegen diese Grausamkeit habe ich nichts gehört. Ihr?   

Isaak Ich auch nicht, Mitgefühl gab es aber auch. Frauen haben zu Essen und zu Trinken angeboten. doch. Vielleicht haben sich die Balkanvölker nicht angesprochen gefühlt? Die Flüchtlinge wollten ja nach Deutschland und Schweden.

Ismael (legt Isaak die Hand auf Isaaks Schulter) Und ich frage mich, was eine Demonstration etwa in Ungarn bewirkt hätte. Und dann kam mir der verrückte Gedanke (tippt sich an den Kopf) wie Europas Tierschützer reagiert hätten, wären die Flüchtlinge, sagen wir ‘mal: Schafe, gewesen.

Mohammed (lächelt) Söhne Abrahams, erlaubt mir, diesen Sommer eine Herausforderung Europas zu nennen. Zuerst haben die Grenzbeamten, auch in Österreich und Deutschland, die Flüchtlinge warten lassen, als wären sie Einzelpersonen und keine große Menge…

Ismael … und sie den Grenzen lange und unnötig frieren lassen. Sie haben sich gegenseitig Vorwürfe gemacht, anstatt die Flüchtlinge zu den freiwilligen Helfern zu leiten, die sie erwartet haben! Lange vergeblich!

Isaak Vielleicht waren die Grenzer überfordert? Doch ich habe auch gehört, man wollte die in der Türkei wartenden Flüchtlinge mit schlimmen Fernsehbildern abschrecken. Am Ende haben die Regierungen Österreichs und Deutschlands ihr Vorgehen abgestimmt. Vielleicht wegen des Protests der Freiwilligen.

Ismael Diese Tage waren kein Ruhmesblatt für Europa. Und die Altacqs mussten das per Handy mitbekommen. Sie hatten auf Gastfreundlichkeit, Respekt und Achtung gehofft. Stattdessen sahen sie Gummiknüppel und Wasserwerfer. Wie hat das wohl auf sie gewirkt? Was meint Ihr, Mohammed?

Mohammed Seien wir fair: Geprügelt wurde selten. Eigentlich nur, wenn Polizisten oder Soldaten Flüchtlinge von Grenzen wegdrängen mussten. Und zu Euch, Ismael: Ja, die Flüchtlinge informierten einander. Also wussten sie, dass sie einen großen Treck bildeten, der die kleinen Balkanstaaten überforderte.

Ismael Überfordert kamen mir besonders die Regierungschefs vor. Sie blafften sich an, statt miteinander zu reden, Sogar vor laufenden Kameras. Die Reporter kommentierten: „Die Nerven liegen blank“. Mein Eindruck war, sie wollten mit möglichst wenig Aufwand möglichst viele Flüchtlinge loswerden. 

Isaak Das ist wohl nicht falsch, es hat aber das Klima zwischen den Regierungen vergiftet und die freiwillig Hilfsbereiten verstört und verunsichert. Am meisten aber wohl die Flüchtlinge. Sie fühlten sich weggestoßen.

Mohammed  Am Ende zog ein Riss durch Europa. Sympathie und Mitleid ver-hinderten ihn nicht. In den früher christlich geprägten Staaten der EU haben Fremden- und Islamfeinde die Wohlmeinenden verspottet und verunsichert. Und in Deutschland haben sie sich zur „PEGIDA“ zusammengeschlossen.  

Ismael Ja, Prophet, aber was ist das verglichen mit der Hölle der Flüchtlinge! Wie oft wurden sie unfreundlich behandelt und behindert! Bis, ja bis, am 5. September 2015 die Flüchtlinge in Ungarn so brutal angriffen, die deutsche Kanzlerin und ihr österreichischer Kollege anboten, sie aufzunehmen.

Mohammed Ja, mit dem legendären Satz: „Wir schaffen das!“ 

Isaak War das kein emotionaler Schnellschuss? Wenn ich den Ärger sehe, den sie bald danach mit dem CSU-Ministerpräsidenten Bayerns bekam. Seehofer fühlte sich übergangen.

Ismael Bruder, dieses Hin und Her stammt aus den beiden Kräften im Menschen. Schweden war als erstes Land zur Aufnahme bereit, schließt und öffnet aber immer wieder seine Grenzen. Wie lange Deutschland einer moralisch vertretbaren Haltung treu bleiben wird, kann niemand vorhersagen. 

Isaak  Dass eine „christliche“ Partei von der Nächstenliebe entfernt, sehe ich als Einknicken vor den Flüchtlingsgegnern. Und das gibt denen Aufwind. Ihre Partei, die AFD, wird stärker. Doch die deutschen Freiwilligen stehen zu ihrer Willkommenskultur. Aus tiefer Überzeugung. 

Mohammed So hat Gott uns Menschen auch geschaffen: Wenn wir Gutes tun, durchfluten uns Glücksgefühle Aber wird sich das Gute auch durchsetzen? Die Freiwilligen erleben und wecken Sympathie. Sie sind Vorbilder für ihr Land… Ach was: für die ganze Menschheit…

Isaak … sie sollen es besonders für die Verunsicherten sein. Aber es gibt nicht genug Selbstvertrauen. Noch wächst die Zahl der Fremdenfeinde. Und die greifen Flüchtlinge an, legen Brände, beleidigen Abgeordnete, Minister und die Presse … 

Ismael Ja, Bruder, auch die Politiker sind verunsichert. Ihre Wähler lassen sich von den Rechten, Nationalisten und Populisten einfangen, nenn sie, wie Du willst, sie appellieren an Ängste und Gefühle. Ich hoffe, dass Vernunft und Moral wieder Boden gewinnen. 

 Mohammed Ja, die Ankunft von Flüchtlingen stellt die Demokratien auf die Probe: Verstand gegen den Instinkt. Sie verteidigen das Land wie ein Hund seine Hütte. Aber erstens können Fremde eine Bereicherung sein, und zweitens macht die Vernunft offen für Wandel, neue Ideen und Engagement.  

 Ismael Das klingt erfreulich, Ihr habt Recht: Die Völker brauchen Mut zum moralischen Handeln. Inzwischen heißt es, die „Flüchtlingskrise“ sei die größte Herausforderung Europas seit 1989, seit dem Ende des Kommunismus.

Isaak Bruder, ja, und danach folgte eine große Wanderung. Über zwei Millionen Deutschstämmige siedelten aus der früheren UdSSR in die Bundesrepublik um.

Mohammed Söhne Abrahams. Kein Land Europas hat mehr Menschen aufgenommen als Deutschland. Nach 1945 haben 12 Millionen Deutsche aus Osteuropa dazu beigetragen, das zerstörte Land aufzubauen. Vor allem seine Industrie. Sie waren also ein Segen.

Isaak Prophet, wir sind uns einig. Europa muss die Flüchtlinge aufnehmen. Wenn es aufrichtig ist und eine gerechte Welt errichten will, hat es keine Wahl. Die Genfer Konventionen und die UN-Menschenrechte verpflichten es dazu. 

Ismael (schüttelt den Kopf ) Aber Ihr seht doch den Streit. Das Völkerrecht lässt sich nur schwer einklagen. Nach 1945 und 1989 zog es Deutsche „nach Hause“! Jetzt aber kommen Fremde, mit anderen Sprachen … Religionen…

Isaak Na, ja. 1945 waren viele Alteingesessene skeptisch bis ablehnend gegen-über den Ankommenden. Doch wirtschaftlich haben sie Deutschland vorangebracht. Warum sollte es diesmal anders gehen! Aber wer darf ein Scheitern aus-schließen?

 Mohammed Scheitern? Bei diesem Engagement der Freiwilligen! Nie! Auf 1945 und 1989 folgten Jahre des Aufstiegs.

Ismael Mohammed, ich gebe Euch recht. Aber Einwanderer kosten viel Geld. Deutschland beherbergt und ernährt sie. Und Wohnraum in den Städten ist teuer. Die „schweigende Mehrheit“, die so denkt, applaudiert gleichzeitig den Rechtsextremen, die Notunterkünfte, nicht gerade billige, anzünden. Das ist Heuchelei.

 

Isaak Wisst Ihr, die Rechtsextremen erinnern mich an Hitler. Der terrorisierte mit der SA die Bürger und warf dann der Regierung vor, sie sei unfähig, für Ordnung zu sorgen. Am Ende standen 70 Millionen Tote! Tolle Aussichten!

Ismael Natürlich hört die „schweigende Mehrheit“ gerne zu, wenn sie bemit-leidet wird. Wegen materieller Nachteile, höherer Schulden und weniger Wohnungen ... was weiß ich! Das ist Abstoßung - Neid und Missgunst pur! 

Mohammed Eigentlich sind die Populisten zu bedauern. Ihnen fehlt die Freude, die uns die Liebe schenkt. Die Freiwilligen dagegen sind zu beglückwünschen. Ich habe in den Lagern dieser Stadt gesehen, wie herzlich sie begrüßt werden.

Isaak Ja, Prophet: Verständnis und Freundlichkeit sind ein Segen, ein wertvolles geistiges Kapital. Die Kraft der Anziehung, Bruder… Aber ich will von 

Ismael Na ja, den Wert von Flüchtlingen erkennen nicht alle. Zahlen aber überzeugen mehr. Mit ihnen sollten die Freiwilligen an die Öffentlichkeit gehen. Wegen der niedrigen Geburtenrate sinkt Deutschlands Bevölkerung seit Jahrzehnten. Dank der Flüchtlinge steigt sie wieder.   

Isaak Auch die Unternehmer reagieren erfreut. Die „Wirtschaftsweisen“ begrüßen den Zuzug Es gibt mehr als eine halbe Million offene Stellen. Niemand kennt die Kompetenzen der Migranten. Nicht alle sind Ärzte.

Mohammed Aber das Problem der Qualifikation ist doch lösbar. Über Praktika lernen Betriebe ihre Kandidaten kennen. Wenn ich all das überdenke, arbeiten die Gegner der Flüchtlinge mit Scheinargumenten. Ihr Hass und ihr Neid hindern sie, das Positive zu sehen.

Isaak Leider. Die Zahl der Leute wächst, die sich der Realität verweigern. Sie lehnen Neues ab, Fremdes sowieso, verschließen die Ohren vor Hilferufen und nennen das „Patriotismus“. Umso wertvoller ist die Liebe der Helfer. Warum bringen nur so wenige europäische Regierungen den Mut auf, ihnen zu folgen?

Ismael Dein Dauerproblem, Bruder! Ich denke, sie wagen nicht, ihrem Volk zu erklären, dass die Grundrechte auch für Flüchtlinge gelten. Außerdem achten sie noch nicht einmal ihre Zusagen. Sie hatten beschlossen, 160.000 Schutzsuchen-de aufzunehmen. Ein halbes Jahr später waren gerade ein paar 100 verteilt.  

Mohammed Sohn Abrahams, darf ich etwas Persönliches sagen? Ihr verurteilt niemanden tadelt hier nur allgemein die Inkonsequenz. Ich finde Euch freundlich und geduldig. Habt Ihr diese Einstellung in Eurer Erdenzeit erworben? 

Ismael (verbeugt sich) Danke, Prophet. Geduld ist hilfreich, Freundlichkeit ebenfalls, Wachsamkeit aber auch. Und jetzt tadle ich die Europäer. Sie haben sich in Syrien nicht um ein Ende des Bürgerkriegs bemüht. Die Folgen bleiben schwer: Jeder Tod weckt Rachegelüste und behindert den Weg zum Frieden. 

Isaak Als Griechenland und Italien schon Flüchtlinge aufnahmen, Deutschland ihnen aber nicht half, haben mitfühlende Bürger ihrer Regierung eine Vogel-Strauß-Politik vorgeworfen. 

Mohammed Ja, ich habe darin eine Realitätsverweigerung gesehen. Dafür büßen jetzt alle! In diesem Herbst die moralisch besonders überforderten Balkanstaaten. Grundrechte wollen sie nur ihrem Volk, aber nicht den Fremden gewähren. Die haben sie sich selbst und mitleidigen Bürgern überlassen.  

Isaak Prophet, Ihr steht da auf einer Linie mit Papst Franziskus. Aber schauen wir in die Zukunft. Wie die USA werden Europäer die Einwanderung nie voll stoppen können. Das sollten sie sich nicht vorwerfen, sondern ihrer Union ver-trauen. Ihre 500 Millionen Bürger werden das Flüchtlingsproblem lösen! 

Ismael Ja, viel Vertrauen ist verloren gegangen. Wie gewinnt man es zurück?

Isaak Der erste Schritt: Gestehen, dass man unsicher ist. Aber wer wagt das? Ich meine, das sollte Deutschland machen. Es ist das Ziel der meisten Flüchtlinge und hat auch mehr aufgenommen als alle anderen zusammen. In etwa. 

Mohammed Aber es hat sich lange der Realität verweigert. Seine meisten Bürger konnten denken, das werde so bleiben. Sie müssen umlernen, das fällt nicht leicht. Sie könnten ihre Politiker tadeln, denn die rücken erst in der letzten Minute mit der Wahrheit heraus. Sie haben ihre Grenzen … wie alle.

Isaak Prophet, wenn ich Euch richtig verstehe, bittet Ihr um Mitleid mit den Politikern. Brauchen das nicht eher die Flüchtlinge? 

Mohammed Entschuldigung, Isaak, ja! Auf dem Balkan werden sie zurückgestoßen. Doch immerhin, es herrscht Frieden. Und noch haben sie Hoffnung. Auf Deutschland. Ich denke wegen der Freiwilligen. Von denen werden sie erwartet. Die Politiker sollten sich an ihnen ein Beispiel nehmen. 

Ismael  Super-Idee: Ein paar Stunden in einem Lager! Da könnten Populisten erleben, wie armselig Flüchtlinge untergebracht sind. Wenn sie ihre Meinung ändern, bräuchten sich die Freiwilligen nicht für sie schämen. So wie Ihr, Mohammed, für die Salafisten.   

Mohammed Ihr habt Recht. Aber wie stark sind diese Randgruppen?

Isaak Ungleicheres findet Ihr kaum. Salafisten gibt es in Deutschland einige Tausend. Aber die Rechtspopulisten zählen nach Millionen. Die AfD wächst von einer Landtagswahl zur anderen. Beide halte ich aber für gleich bedrohlich.  

Mohammed Und wie aggressiv sind sie?

Ismael Die Salafisten werben junge Deutsche an, die auf der Seite des IS kämpfen. Die deutsche Justiz verfolgt das als „Unterstützung einer terroristischen Vereinigung“.

Isaak Dabei ist sie kaum erfolgreich, zumindest nicht auf erkennbar abschreckende Weise. Die Brandstiftungen und versuchten Morde der Rechtsextremisten wiegen ebenfalls schwer. Und auch da wurden bisher nur wenige Urheber ermittelt, 

Mohammed Was beide Gruppen betreiben, sehe ich als Verschwörung gegen Deutschland. Sie wollen Macht zeigen, Angst verbreiten und Nachahmer gewinnen. Und die Schutz Suchenden zweifeln an der Demokratie. 

Isaak Ja, Prophet, ihnen fehlt jedes Mitgefühl, sie wollen nur Angst erzeugen.

Mohammed Wie stark sind sie aber? Wenn ich die Parteien der Populisten ansehe, ihre bürgerliche Fassade, sehe ich weniger Anhänger als in den Nachbarstaaten.   

Isaak Mir ist wichtig, dass sie nicht so zahlreich sind wie die freiwilligen Helfer, die im Stillen für mehr Sympathie arbeiten. Die sind für mich die wahren Christen. Gleichgültig, ob sie einer Religion angehören!  

Ismael Ob kirchlich gebunden oder nicht, viele waren schon zuvor für Menschenrechte und Nächstenliebe engagiert, für Entwicklung, Gerechtigkeit oder Menschenrechte, zur Unterstützung Gefangener, Verfolgter und … Ihr versteht, wen ich meine.  

Mohammed Das ist der erfreuliche, der helle Teil der deutschen Gesellschaft. Er verbindet religiöse mit bürgerrechtlichen Zielen. Barmherzigkeit und Menschenrechte, so wie sie die Muslime im arabischen Frühling gefordert haben.

Isaak Es ist also möglich, Brücken zwischen den Religionen zu bauen. Und da denke ich an eine zweite, den Deutsch-Iraner Navid Kermani. Er ist fasziniert von Jesus, besonders von seinem Wort: „Niemand kommt zum Vater als durch den Sohn“[1]. Er meint, es hebe das Christentum aus allen Religionen heraus.

Mohammed Er hat Recht. Jesus ist das Licht Gottes, beauftragt, diese Liebe auf der Erde vorzuleben. Und das Böse lässt sich nur durch Gottes Liebe überwinden. Wenn der Muslim Kermani die Christen an dieses Wort erinnert, erkennen vielleicht beide Religionen, dass sie den Weg zur Liebe zu Gott finden sollen.

Isaak Prophet, sie müssen diesen Weg finden, wollen sie die Menschheit retten.

Ismael  Vor Kriegen und Selbstzerstörung! Und dann wissen viele Christen inzwischen, dass Jesus im Koran oft und mit Ehrfurcht genannt wird. Werden aber alle, die den Satz (Spricht Wort für Wort) „Niemand… kommt …zum …Vater… als… durch… den… Sohn“ hören, ihn auch verstehen? 

Mohammed (wedelt mit der rechten Hand) Weder der Koran noch die Bibel verbieten, Anregungen bei anderen Religionen zu suchen, um Gott zu verstehen. 

Isaak  Ja, Prophet, die Menschheit steht vor vielen Rätseln. Denkt nur an das Wort „Sohn“. Den Hebräerbrief haben wir schon zitiert: Jesus war den Menschen gleich, außer der Sünde. Und seine Lehre gibt den Geist Gottes wieder, wie er in seinem Volk erkannt werden konnte.

Ismael Ja, Bruder, ihm nachzustreben, macht ihr Leben bewusst und reich.

Mohammed Und was meint Ihr: Werden Juden, Christen und Muslime sich jemals auf eine Lehre einigen? Dem stehen doch die Unterschiede zwischen ihren Religionen entgegen? Eine Ökumene gibt es bislang nur unter Christen, aber noch nicht mit Juden und Muslimen. Entschuldigt meinen Zweifel.

Isaak Prophet, geben wir es zu: alle Offenbarungen, auch Eure, sind Gotteswort in menschlicher Sprache. Nehmt Jesu Taten hinzu. Er ist auf alle Menschen zugegangen. Sein vielleicht längstes Gespräch hat er mit einer Kanaanäerin geführt[2]

Ismael Und als Und als er die Tochter einer anderen Kanaanäerin[3] heilte, hat er erkannt, dass er nicht nur zu „den Kindern Israels gesandt“ war. Von da an hat er auch Andersgläubigen geholfen, einer Syrophönizierin etwa und dem Diener eines römischen Hauptmanns.

Mohammed Das sind schöne Beispiele: In allen Fällen ging es um Nächstenliebe, Barmherzigkeit. Ein Problem bleibt freilich: Für Juden und Christen sind die Menschen- und Gottesliebe gleichrangig. Muslime verehren Gott. Werden sie sich auch an Jesus orientieren können? Wie Kermani? Ich zweifle schon wieder. 

Isaak Aber wenn ich es recht bedenke, ergänzen sich Gottes- und Menschenliebe. Ich freue mich, wenn ich andere glücklich mache. Wie die Freiwilligen In sympathischen Begegnungen spüre ich, dass Gott in mein Leben hinein strahlt. 

Ismael Ja, der Segen Abrahams hat uns bereit gemacht, seine Liebe wahrzuneh-men. Wir haben sie weitergegeben und sind dabei, zu einem Volk zu werden. Zahllos, wie der Sand am Meer. 

Mohammed  Das Bild aus der Bibel erfreut mich jedes Mal, und jetzt bezieht Ihr es auf die Gemeinschaft der Gläubigen und Kirchenfernen. Aber noch stoßen sie auf Widersprüche: Die Staaten im Osten versperren den Flüchtlingen den Weg, verletzen die Menschenwürde und beschneiden die Rechte ihrer Bürger.   

Isaak Von den Zielen her sind wir diesem Ideal näher denn je. Und wir sehen, wie eng die Gebote der Bibel zu den Grundrechten der Demokratie passen.. 

Ismael Der Staat schützt die Freiheit und motiviert die Bürger, ihre Würde zu verteidigen. Nehmt die Freiwilligen. Ohne ihre Liebe hätte das „Wir schaffen es“ zu einer Katastrophe geführt.

 Isaak Es gäbe aber auch die Kehrseite nicht: den Neid der Flüchtlingsgegner.

Mohammed Richtig! Die Populisten sind Schmarotzer. Sie genießen die Grundrechte, sprechen aber den Hilfsbedürftigen ihre Würde ab, verurteilen den Islam als uneuropäisch und verstoßen damit krachend gegen die Religionsfreiheit.  

Ismael Einige gehen in ihrer Verblendung und der mitleidlosen Abstoßung in ihrem Herzen sogar noch weiter. Sie machen die Religionen für die Kriege und Gott für das verantwortlich. 

Isaak Bruder, ich frage mich wie man Flüchtlinge - Kriegsopfer! - vor diesen Leuten schützen kann. Kriege sind schwere Verbrechen gegen die Menschenwürde. Als Europa 2012 den Friedensnobelpreis erhielt, hätte es sein Ansehen nutzen und den Bürgerkrieg verurteilen müssen.

Mohammed Sohn der Sara, aber mit der Abweisung der Flüchtlinge verspielt es derzeit alles. Aber noch ist nicht alles verloren. Mit seiner Grenzöffnung und seinen Freiwilligen gilt Deutschland als Ausnahme und Vorbild. Ob sie aus bür-gerschaftlicher Solidarität oder aus christlicher Nächstenliebe heraus handeln.

Isaak Ja, sie sind ein Schatz des guten Willens, und ihre Arbeit eine Investition in die Zukunft. Dass in einer Fragestunde des Bundestags der Innenminister nicht wusste, wie viele Flüchtlinge es im Land gibt, war schade Für schlimmer halte ich aber, dass niemand fragt, wie viele Freiwillige sich engagieren.

Ismael Bruder, Dein Optimismus ist nicht zu übertreffen. Aber ich bezweifle, dass sich die Rechtsextremen und ihre Anhänger beeinflussen lassen. Und auf deren Wahlstimmen werden die Politiker nicht aufhören zu schielen, statt an ihr Gewissen zu appellieren. 

Mohammed Ismael, es gibt Gründe für Hoffnung. Als Euer Vater Ur verließ, hat er nicht gefragt, was seine Nachbarn denken. Und unterwegs hat er vermutlich Ähnliches erlebt wie unsere Flüchtlinge. Er hat aber auf Gottes Segen vertraut. So wie heute die Syrer und ihre Helfer.

Isaak Prophet, es wäre schön, wenn Ihr Recht hättet. Aber wie gewinnen wir die Welt für unser Ziel? Die Helfer gehen nicht in die Öffentlichkeit. Sie tun nichts Spektakuläres, laden keine Politiker ein, Vertreter der Flüchtlingsgegner etwa. Das wäre doch was!

Mohammed Wer Flüchtlinge zum Besuch seines Unterrichts motivieren kann,  müsste auch fähig sein, Bürgermeister und Gemeinderäte für Projekte zu gewin-nen!   

Ismael Fähig schon. Aber sie nehmen ihren Einsatz ernst und geben ihr Bestes und Letztes und verausgaben sich. Die Rechtspopulisten tun nichts, außer in den Medien das Volk gegen die Flüchtlinge aufzuhetzen.

Isaak Bruder, sie wecken aber auch Widerspruch.

Mohammed Stopp! Verzetteln wir uns nicht: Politiker dürfen Beschlüsse fassen, die andere ausführen. Die Freiwilligen machen aber alles selbst. Woraus ziehen sie ihre Kraft? Aus der Anerkennung ihres Umgangs mit Flüchtlingen?

Ismael Prophet, das kann gut sein. Und bei den Populisten ist es Selbstmitleid.

Isaak Aber darauf sind die Deutschen schon einmal hereingefallen, als die Nazis ihnen 1933 eingeblasen haben: „Unsere letzte Hoffnung, Hitler.“ … Ich denke, dass ihre Beteiligung an den darauf folgenden Verbrechen ihnen einen lange wirkenden Schock versetzt haben.

Mohammed Ja, Isaak, ich kenne ihren Spruch: „Wir wollen alles tun, dass sich so etwas nicht noch einmal wiederholt.“

Ismael Dazu sind sie bereit, aber schaffen sie es allein?

Isaak Sie sind nicht allein! Ich denke an einen Muslim unter ihnen, Navid Kermani, einen Iraner, dem sie ihren Friedenspreis verliehen haben.

Mohammed Richtig. Er ist eine Brücke zwischen den Religionen. Aber unter den Christen hat er mehr Anhänger als unter den Muslimen. Aber die Populisten nehmen ihn nicht wahr. Weit eher die Freiwilligen. 

Isaak Mag sein! Aber ich hoffe, dass es ihm gelingt, Christen und Muslime zusammenzuführen. Mit Gott als einigendem Band.

Mohammed  Warum nicht. Vielleicht erwarten wir zu viel? Aber Mose hat einst, allein mit dem Namen Gottes, die Israeliten dazu gebracht, ihm zu folgen.

Isaak Prophet (umarmt ihn)! Ihr habt Recht. Die Freiwilligen sind offen für das Gute im Islam. Werden sie die Menschen aus der schweigenden Mehrheit zu sich hinüber zu ziehen?

Ismael Bruder, erlaub‘ mir die Frage zurückzugeben: Was hältst Du überhaupt für erreichbar?

Isaak Ganz einfach: Alle, sozial Engagierten sollten es für gut und notwendig halten, den Flüchtlingen helfen. Zur Not mit Spenden? Am besten aber durch Mitarbeit. Sie brauchen ständig neue Mitstreiter. 

Mohammed Warum nicht Spenden? Auch sie bringen guten Willen zum Ausdruck. Aber Gemeinschaft entsteht erst durch Zusammenarbeit. Wie bei den ersten Christen. Von ihnen heißt es: „Sie lobten Gott und waren … beliebt. Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten.[4]“ 

Ismael „Gerettet“, Prophet, das bezog sich auf die Seelen. Heute geht es um das Überleben. Wenn ich weiter denke, geht es um die Zukunft der Menschheit. Sie wird ausgelöscht, wenn sie den Temperaturanstieg nicht bremst.

Mohammed Richtig, wenn ich das sehe, fühle ich mich in einem Wettrennen. Gelingt es den Staaten, ihre Kriege und sonstigen Konflikte so rasch zu beenden, dass sie sich auf die wirklich weltweite Herausforderung konzentrieren können?

Isaak Das hoffe ich auch. Aber die Gefahr ist hoch. Was schlagt Ihr vor?

Mohammed Gehen wir zum Anfang der Religionen zurück. Zu Eurem Vater. Als Gott ihn segnete, hat er von „Geschlechtern der Erde“[5] gesprochen. Damit hat er Leben aller Menschen mit der Erde, das heißt: der Natur, verbunden.

Ismael Aber ein Syrer, der nach Europa flieht, denkt doch nicht an die Erde und das Weltklima. Er will doch als Erstes sein Leben retten und Aufnahme finden.  

Isaak Bruder, stimmt schon. Aber die Helfer sprechen doch über ihre Motive. So wie wir: Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Schutz der Menschenwürde... die auch für die zukünftigen Generationen gelten sollen. Denen wollen sie doch eine intakte Umwelt hinterlassen!

Mohammed Ismael, für unsere Hoffnung gibt es noch einen zweiten Grund. Wir sind in Deutschland. Mit Helfern. Viele von ihnen kommen aus Eine-Welt-Gruppen. Die sehen die Welt als eine große Einheit, in der alle für alles verantwortlich sind. Die Flüchtlinge können gar nicht anders, als das zu übernehmen.  

Ismael Erwarten wir da nicht ein bisschen viel? Die Syrer haben sich doch mit ganz anderen Dingen vertraut zu machen: Beruf, Sprache, Demokratie Gleichstellung der Frauen …? Und dann leben viele in Hallen, zum Teil mit 100 und mehr anderen. Die haben doch keinen Kopf für die Umwelt?

Mohammed (schaut zu Isaak) Ismael, Euren Einwand kann ich verstehen. Demokratie zu lernen ist eine gewaltige Aufgabe. Riesenhallen taugen nicht dafür, und Bücher reichen nicht. Man braucht Gespräche, wie wir in kleinen Gruppen.

Ismael Und Zeit braucht man auch. Wenn die Syrer nur ein paar Monate bleiben, genügt das nicht, um sie für Kultur, Demokratie und Umweltbewusstsein zu gewinnen. Und ein baldiges Kriegsende muss man ihnen doch wünschen!

Mohammed Das wäre doch in Ordnung! Kehren die Flüchtlinge heim, dürfen die Deutschen aufatmen. Insgesamt haben sie ihre Aufgabe gut gemeistert und die Hoffnungen erfüllt, mit denen die Syrer zu ihnen gekommen sind. 

Isaak Auch ich hoffe auf ein baldiges Kriegsende. Aber nach allen Erfahrungen finden Kriege mit muslimischen Extremisten kein Ende. Denkt nur an Afghanistan und den Irak … Praktisch kein Konflikt der letzten Jahrzehnte ist friedlich zu Ende gegangen.

Mohammed In Tunesien doch. Aber Ihr habt Recht. Friedensverträge und Waffenstillstände hat es schon viele gegeben, aber selten einen dauerhaften Frieden.

Isaak Ja, warum nicht? … Die Menschen wollen doch Frieden und Demokratie. Und das stimmt doch auch mit den „Schwestern“, muslimischer Barmherzigkeit und christlicher Nächstenliebe überein. Warum sollte es da den Gläubigen und den Bürgerrechtlern nicht gelingen, ihre Gäste für Toleranz zu gewinnen?

Ismael Bruder, diese Aufgabe ist nicht einfach. Ich erinnere Dich an den amerikanischen Präsidenten Bush. Der meinte, ein militärischer Sieg und danach eine demokratische Verfassung würden im Irak den Frieden garantieren. Welch ein Spott würde über ihn ausgegossen! Den hat noch niemand vergessen.

Isaak Ja, Bruder, an den Folgen dieser unentschuldbaren Naivität leidet heute die ganze Welt. Die Syrer heute erleben in Europa aber die Demokratie selbst. Sie haben sich auch am arabischen Frühling beteiligt. All das gab es nicht, als Bush die Iraker überfallen hat.

Mohammed  Brüder, ich denke, der amerikanische Präsident hat an Deutschland 1945 gedacht. Da haben die USA Hitlers Soldaten in Lagern interniert, bald aber freigelassen und damit betraut, eine „Graswurzeldemokratie“ aufzubauen.

Isaak Und so ist die Bundesrepublik entstanden: Gemeinderäte, Bürgermeister, Kreistage, Landtage, bis nach vier Jahren der erste Bundestag gewählt wurde.

Ismael Wollt Ihr dasselbe mit einer Million Syrer veranstalten? Einen Exilstaat unter 80 Millionen Deutschen?

Isaak Bruder, nein, keinen syrischen Staat auf deutschem Boden! Nur die Vorstufe: Die Flüchtlinge sollen Sprecher wählen, die dann mit den Freiwilligen zusammenarbeiten. Und zwar überall, wo mindestens 20 Flüchtlinge wohnen.

Mohammed Das entspricht auch der Bibel. Beim Zug durch die Wüste hat Mose auf Rat seines Schwiegervaters Vorsteher eingesetzt[6], die als Richter Kampffälle schlichten und ihn als Führer entlasten sollten.

Isaak  Im Augenblick scheint die Arbeit gewaltig. Aber wenn die Flüchtlinge die Lager mitgestalten und sich gemeinsam an die Gemeinden wenden, erleichtert das die Verwaltung und am Ende auch den Aufbau einer Demokratie in Syrien.                                                                                                                         Ismael Gestern sind 200 Flüchtlinge in einer Turnhalle gelandet, Geh’n wir hin? Mohammed, Isaak (gemeinsam, umarmen sich) Aber klar.

 

 

 


[1] Navid Kermani, Ungläubigs Staunen, C.H. Beck: München, 2015, S. 170, Kermani zitiert Johannes 14,6 und Matthäus 11,27


[2] Johannes 4, 4-42


[3] Kanaanäerin: Matthäus 15,21-28; Syrophönizierin und römischer Diener: Markus 7, 24-30 und 7, 31-37


[4] Apostelgeschichte 2,47


[5] Genesis 12,3 „Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen.“


[6] Exodus 18,21