Brühler Aktion 60+
       Zeit für Herzlichkeit

 

7. Lesung

Frühere Sporthalle, in der 200 Männer untergebracht sind; 1.12. 2015

Ismael Ist das ein trüber Ort! Kaum Tageslicht! 30 auf 30 Meter, 900 Quadratmeter für 200 Männer. Zieht man die Wege ab, sind das keine 3m² pro Mann. Für Häftlinge gelten in Deutschland 5 m² als Untergrenze der Menschenwürde. Und diese Leute hier haben nichts verbrochen.

Ismael: Lieber Bruder, Du hast Recht. Vermutlich noch mehr als Du denkst. In einer Gefängniszelle stehen nicht nur ein Bett, sondern auch ein Stuhl und sogar ein Tisch. In dieser Halle: Nichts.

Ismael Richtig, keine Möglichkeit, sich handwerklich oder geistig zu betätigen. Sie können nicht einmal etwas schreiben. 

Mohammed Söhne Abrahams! Meint Ihr, Ihr seid gerecht? Was ist die Alternative? Zelte wie im Libanon oder der Türkei? In diesem Jahr sind schon fast eine Million Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Davon hat diese Kleinstadt 2000 aufgenommen. 10% ihrer Einwohnerzahl. Unglaublich!

Isaak In der Tat, ja, es gibt Verständnis für die Flüchtlinge, aber nicht in allen christlichen und demokratischen Ländern. In Deutschland aber mehr als in anderen.

Ismael Der Libanon ist bettelarm, und bei ihm sind 30% der Bewohner Flüchtlinge, und auch die Türkei hat weit mehr aufgenommen als Deutschland, obwohl das Einkommen weit niedriger ist als hier.

Mohammed Aber es geht um mehr als Geld. Dänemark ist etwa so reich wie Deutschland und steckt die Flüchtlinge in Zelte, um sie abzuschrecken. So hat es die „Integrationsministerin“ gerade erklärt. Deutschland hat sich mit Österreich für die Aufnahme entschieden, aber Österreich rückt jetzt davon ab.

Ismael Prophet, ja. Auch das reiche Bayern trägt ständig Einwände vor. Und die meisten europäischen Staaten lehnen es ab, die Kosten und ihren Bürgern die emotionalen Lasten von Aufnahmen zuzumuten. Wir aber sind uns einig: Die Menschenwürde verbietet, Flüchtlinge abzuweisen.

Isaak „nicht zumuten“ – das passt. Die Europäer sind mut- und kraftlos. Aber die nennen sich doch Demokraten! Menschenwürde ist ein Grundrecht. Und dann

Ismael Na ja, zunächst kosten Flüchtlinge Geld. Aber sie bereichern auch die Gastgeber … kulturell … menschlich. Haben die Europäer Angst vor ihnen? Oder Sind sie herzlos…?

Isaak Wahrscheinlich gottlos, obwohl ihr Kontinent als christlich gilt. Und für Christen sind alle Menschen Geschwister, Kinder Gottes. Folglich müssten sie gegen die Abschottung protestieren. Warum tun sie es nicht? Versteh‘ ich nicht.

Mohammed Isaak, Ihr seht, dass auch die große Mehrheit meiner Muslime sich nicht offensiv den Extremisten entgegenstellt. Ich denke, die großen Mehrheit schreckt vor der rabiaten Minderheit zurück.  

Isaak … und stärkt deren Selbstbewusstsein. Flüchtlingsgegner behaupten, ihr Land würde überfremdet, und schüren so ein aggressives Selbstmitleid, nach dem Muster: „Wie Deutschen sind immer die Dummen …“ und zünden die Heime der Flüchtlinge an.

Mohammed Söhne Abrahams, diese Aufteilung haben wir ja schon besprochen. Da geht es doch um Abstoßung und Anziehung.

Isaak Ja, Prophet, jetzt sind wir aber zusätzlich bei einem Gegensatz im Verhalten. Ist es hart - brutal oder schonend- mitfühlend?

Ismael Und der verbindet sich in den demokratischen Gesellschaften mit der Vorstellung von Gott und den Religionen. Ihre Gegner machen die den Einen Gott verehrenden Religionen für die Verbrechen verantwortlich.

Mohammed Was? Das soll verstehen, wer will! Gott, Allah, unser Schöpfer gebietet doch allen Menschen die Nächsten zu lieben und barmherzig zu sein! Wie viel bösen Willen braucht man, um in ihm den Ursprung von Verbrechen zu sehen!

Ismael Prophet, Euren Zorn verstehe ich sehr gut. Wer so denkt blendet die Liebe zu den Menschen. Er sieht in ihnen nur eifersüchtige Konkurren-ten um die Gnade Gottes. Und er wacht ebenso eifersüchtig, dass er allein verehrt wird. 

Mohammed Die eine Liebe ohne die andere, verfälscht alles.

Ismael Richtig, aber es geht noch weiter. Die Verfechter dieser Einseitigkeit behaupten auch, dass der Mensch von seinen Genen her eigensüchtig ist.

Isaak Wenn das stimmte, wäre die Welt eine Fehlkonstruktion. Gut, Egoismus gibt es, er ist sogar notwendig. Aber die Bereitschaft, sich um andere zu kümmern, gibt es auch. Woher kämen sonst die Freiwilligen!

Ismael Bruder, ja, wir sind uns einig. Und jetzt ein großer Sprung: Die überzeugendste Erklärung für die Existenz der beiden Gruppen liefert die Biologie.

Mohammed Die ist mein Lieblingsfach geworden mit den Birken, den Birkenpilzen und so weiter.

Ismael (lächelt) Danke, Prophet, hier ist es die Mikrobiologie, die sich mit Hormonen befasst, in unserem Fall mit solchen, die das Gehirn ausschüttet.

Isaak Von Menschen?

Ismael Nein, auch von Tieren?

Isaak Weil man mit denen Experimente machen kann, die bei Menschen nicht erlaubt sind?

Ismael (nickt) Richtig, so genannte „Kuschel-“ und Stresshormone gibt es auch bei Tieren. Die einen belohnen Taten, die aus dem Bedürfnis der Menschen stammen, im Einklang miteinander zu leben. Sie schaffen ein Wohlgefühl. Sie wirken wie eine Belohnung.

Isaak Ich würde sie Segens-Hormone nennen. Ich gehe von mir aus: Wenn ich mich freue, will ich, dass auch die anderen sich freuen.

Ismael Ja, (nickt) Und mit den Stresshormonen reagiert das Gehirn, wenn dieses Bedürfnis enttäuscht wird. Wenn Kinder zum Beispiel geschlagen werden, wenn man selbst oder wenn andere Menschen verletzt werden. Sie beschädigen die Fähigkeit, einander zu vertrauen…

Mohammed Dass Menschen im Einklang miteinander leben wollen, heißt, dass sie auf Vertrauen angewiesen sind. Wenn das fehlt, können sie sich nicht aneinander binden. Das ist schlimm.

Isaak So hat der Hass leichtes Spiel. Und die Bereitschaft, sich für andere einzusetzen, geht verloren. Denkt an unseren Vater, er wollte sogar die Sünder Sodoms retten. Er hat Verantwortung übernommen! Wie die Freiwilligen heute!

Mohammed Ja, Ismael! Diese Menschen sind ein Segen. Und ihr Lohn ist Glück. Sie haben eine erfreuliche Atmosphäre geschaffen. Und die wirkt ansteckend.

Ismael Die ist aber bedroht. Vergessen wir nicht die Flüchtlingsgegner bis hin zu den Brandstiftern und die Mehrheit der Bürger. Sie ist passiv, unterstützt zwar nicht die Flüchtlingsgegner, aber auch nicht die Freiwilligen. 

Isaak Nochmals Vorsicht! Tadle sie lieber nicht. Du riskierst, sie in das Lager der Gegner zu treiben. Sinnvoller scheint mir, die Freiwilligen zu stärken. Alles spricht für sie: Gottes Gebote, die Nächstenliebe und die „Segens-Hormone“.

Mohammed Und die weltweite Notwendigkeit, Flüchtlingen zu helfen. Sogar der UN-Generalsekretär Ban ki-Moon hat die Bundesregierung und ausdrücklich die Freiwilligen gelobt.

Ismael Das sind schöne Worte. Sie zeigen aber auch die Schwäche der UNO. Sie ist auf den guten Willen der Staaten und ihrer Bürger angewiesen. Und dann Ban ki-Moon ist schwach. Er wird keine zweite Amtszeit bekommen. 

Mohammed (nickt) Ismael, Ihr habt Recht. Die UNO hat keine Macht, sie ist auf die Mitgliedsstaaten angewiesen. Doch die unterstützen sie kaum. Aber die Moral ist nicht von der Macht abhängig. Die Freiwilligen haben allen Grund, sich vom Lob des Generalsekretärs bestätigt zu fühlen.

Isaak Ja, Prophet, das sollten sie. Die Moral muss in den Menschen leiten und soll sie nicht unter Druck setzen. So wie es der Papst anstrebt!

Ismael Das finde ich auch. Der Generalsekretär und der Papst stärken das Band zwischen Bürgerrechtlern und Christen. Sie kennen und schätzen sich. Und die Welt braucht beide.

Mohammed Ismael, dass die beiden getrennt waren, habe ich immer für ein Unding gehalten. Menschenwürde und Nächstenliebe ergänzen sich doch. Sie müssen ganz einfach zum gleichen Verhalten führen! 

Isaak Das stimmt schon, Prophet. Dennoch hätten die sie vermutlich ohne die plötzliche Ankunft so vieler Flüchtlinge weiterhin nebeneinander her gelebt. Meine ich, wenigstens.    

Mohammed Und was hat sich daran geändert? Wie arbeiten sie heute? 

Isaak Gehen wir doch in das Sportcenter unserer kleinen Stadt. Ismael, Du hast vorhin es vorhin gesagt: 30 auf 30 Meter für 200 Männer. 

Ismael Richtig. Isaak, an Dich habe ich aber jetzt die Frage: Wie sind die Freiwilligen zusammengewachsen und zu einer Gruppe geworden? 

Isaak Gerne. Das begann mit dem Eintreffen der Flüchtlinge. Also, das Center liegt auf ehemaligem Fabrikgelände. Gegenüber wohnen Familien. Die kennen die Halle und wollten nicht ertragen, dass Menschen, „in dieser dunklen Höhle abgekippt“ wurden.

Mohammed Sie hätten beim Oberbürgermeister oder beim Stadtrat protestieren können.

Isaak Richtig, Prophet. Sie wussten aber, dass in ihrer Stadt bereits 1800 Flüchtlinge lebten: 1.200 in und neben der ehemaligen Kaserne. Erinnert Ihr Euch? Dann über 500 in einem nahen Hotel. 10% der Einwohner waren Flüchtlinge und der letzte Quadratzentimeter war belegt.

Ismael Ein Protest war also ziemlich aussichtslos. Also haben sich 15 von ihnen als mündige Bürger verhalten, eine Initiative gegründet und öffentlich zum ersten Treffen eingeladen.

Mohammed Die haben aber Mut! 15 Engagierte für 200 Flüchtlinge, reichten die? Und dann brauchten sie doch auch sachkundige Menschen.

Isaak Genau. Deshalb haben sie verdiente Mitglieder anderer Gruppen um Information gebeten. Gekommen ist auch ein „Flüchtlingsbeauftragte“ der Stadtverwaltung. Der hat alle ermutigt: „Macht nur das, was Ihr wirklich wollt und könnt. Aber: Überfordert Euch nicht.“

Mohammed Ich staune; Wie energisch! Isaak: Ihr habt vorhin gesagt, dass 500 Flüchtlinge ganz in der Nähe untergebracht waren, in einem Hotel. Um die sorgten sich doch auch Freiwillige! Waren da noch neue zu finden?

Isaak Richtig: Die Lage war angespannt. Zwei hauptamtliche Sozialarbeiter für das Hotel und das Center. Dazu noch Wachleute. Aber 700 Flüchtlinge an zwei benachbarten Orten? Das schrie geradezu nach Ehrenamt-lern… 

Mohammed … „Ehrenamtler!“, das klingt nach einer Besonderheit der deutschen Kultur. Ein unbezahlter Dienst für die Stadt wird als „Ehre“ bezeichnet, um ihn den Menschen schmackhaft zu machen.

Ismael Prophet, ganz so war es aber nicht. Die Menschen haben ihre Initiative vor dem ersten Aufruf der Stadt gegründet. Nicht irgendeiner Ehre wegen: Sie haben die Not gesehen. Und ihr Herz hat ihnen befohlen zu helfen. 

Isaak Ja, so erkläre ich es mir auch. Die bestehenden Kreise zum Beispielhatten gespendete Kleidung und Möbel in „Kammern“ gesammelt. Dort durften sich die Neuankömmlinge versorgen … Wie selbstverständlich.

Mohammed Solche Menschen kann ich nicht genug loben…aber ich frage mich, ob in ihrem Engagement nicht auch eine Kritik an ihrem Staat steckt? Er hat die Grenzen geöffnet, aber die Schutzsuchenden nicht ausreichend versorgt.

Isaak Prophet, ja. Bitte, ich will Euch nicht belehren, aber ich vermute, dass, wer so denkt, die Freiwilligen nicht versteht. Sie sehen die Not, wollen anpacken und ihre Zeit nicht mit Debatten „vergeuden“. 

Mohammed Versteh‘ ich, Isaak. Anderer Punkt: Ihr sprecht von den Frei-willigen, als wären sie Einzelpersonen. Sie haben aber doch auch Familien. Waren die Eltern, Lebenspartner und Kinder einverstanden?

Isaak Zunächst: Ja. Das gilt für die meisten. Aber, was wollt Ihr damit sagen? Befürchtet Ihr, dass sie sich überfordern und am Ende resignieren. Diese Gefahr besteht. Doch ich denke, die Gruppe schützt sie. Mit ihrem Geist.

Ismael (nickt) Ja, das Gefühl, zusammen zu gehören? Das ist wie bei Mose und seinen Israeliten. Er hat mit ihnen gelitten und in Gott einen Rück-halt gegen den Pharao das Zaudern seines Volkes gefunden. Und den schaffen sich die Freiwilligen gegen die Nationalisten.

Mohammed Und was heißt das heute?

Isaak Über Angriffe hat die Gruppe lange diskutiert und beschlossen, bei verbalen Angriffen einfach weiterzugehen. Allenfalls will man erklären: „Wir machen keine Politik, wir helfen Menschen“.

Mohammed (nachdenklich) Gut, Isaak. Ähnliches habe ich einst auch erlebt. Meine Kämpfer sind durch Angriffe stärker geworden. Sie haben Gott, seiner Barmherzigkeit und sich selbst vertraut. Nicht wenige Syrer setzen ihre Hoffnung auch auf die Demokratie.

Ismael Auf ein weltweites Netz der Menschenrechte? Ich wage kaum davon zu träumen.

Isaak Bruder, ich bin da optimistischer. Die Freiwilligen stricken schon daran. Sie bleiben der Würde aller Menschen treu, obwohl im Augenblick eine Anti-Flüchtlings-Partei immer breitere Zustimmung findet. 

Ismael Ich frage mich, ob und wie man sich offensiv und nicht nur defensiv für Menschenrechte einsetzen kann. Die friedlichen Freiwilligen lehnen Auseinandersetzungen ab. Wie können sie erreichen, dass alle Menschen sich verantwortlich füreinander fühlen?

Isaak Bruder, das wünsche ich mir gelegentlich auch. Warum sind die Guten so brav und zurückhaltend? Sie lassen sich sogar verspotten. Als „Gutmenschen“! 

Mohammed Christen sollten ihren Namen als Ehrentitel ansehen. Aber viele bekennen sich in der Öffentlichkeit noch nicht einmal zur Nächstenliebe und zu ihrem Wunsch, ein Segen zu sein. Die Bürgerrechtler scheinen mir da mutiger.

Ismael (nachdenklich) Da ist was dran. Aber bei ihrem Einsatz, unterscheiden sich beide nicht. Alle wollen Hunger, Krieg und Ungerechtigkeit bekämpfen. Doch Christen kommen mir etwas bescheidener vor. Demütiger.

Isaak Richtig. Wenn sie ihre Arbeit verteilen, siehst Du aber keine Unterschiede. Genauso wenig bei den Meetings. Ich habe immer das Gefühl, dass sie die Sitzungen „herrschaftsfrei“ gestalten wollen.

Mohammed „Herrschaftsfrei“, was für ein Begriff. Wer will denn über Freiwillige herrschen.

Ismael Prophet, ja. Ihr trefft den Punkt genau. „Herrschaftsfrei“ heißt, dass alle sich vollkommen frei fühlen sollen. Und niemand den Eindruck haben darf, beeinflusst oder manipuliert zu werden.

Mohammed Gibt es da keinen Sitzungsleiter oder Sprecher?

Isaak Doch, aber der koordiniert nur und protokollieren alles auf  einem „Flip-Chart“. Und das noch nicht einmal immer. Ab und zu macht ein Anderer. Dabei achten alle darauf, dass am Ende jeder weiß, wer welche Aufgabe übernommen hat.

Mohammed Und was für Aufgaben sind das?

Isaak (wartet etwas) Die ändern sich ständig. Am Anfang ging es um Formulare, die auszufüllen waren, des Bundesamts für Migration, Bamf, der Jobagentur, der Ärzte. Man musste sie begleiten, übersetzen und lange warten…

Ismael Jobagentur? Haben sie gleich Arbeit gesucht.

Isaak Nicht sofort. Aber sehr bald hat die Gruppe „ihre“ Flüchtlinge mit Bewerbungsunterlagen ausgestattet, Lebensläufe geschrieben, Fahrräder besorgt. Und sowie ein Arbeits- oder Ausbildungsplatz, auch nur ein Praktikum frei schien, haben die Mitglieder nachgefragt.

Mohammed Die betrachten die Flüchtlinge wohl als ihre Familie! 

Isaak So ähnlich, sie werden Papa oder Mama genannt. Aber diese Namen verdienen sie auch, sie geben Unterricht, suchen Lehrer, organisieren Feste, Lauftreffs, Fußballtraining, Stadtspaziergänge, und was weiß ich…

Ismael Das ist schon wichtig. Selbst in den kleinen Städten.

Isaak Gut, dass Du das ansprichst. Sie schaffen Orte der Begegnung mit der Bevölkerung: Kochkurse und Cafés für Flüchtlinge und Deutsche. Und wer eine Ausbildung gefunden hat, bleibt nicht auf sich gestellt. Er wird immer wieder besucht.

Mohammed Isaak, ich bin ehrlich beeindruckt. Aber was geschieht, wenn mehrere Betreuer nötig sind, zum Beispiel bei Sportstunden, Kochkursen oder Festen?

Isaak Es läuft immer gleich ab. Wenn, sagen wir, fünf Leute gebraucht werden, nimmt der Sprecher den Druck weg. Er sagt: „Das muss nicht gemacht werden, auf keinen Fall sofort, wer es übernimmt, kann sich Mitstreiter suchen …“ 

Mohammed Richtig, die Menge der Arbeit! Wenn ich das höre, muss ich wieder fragen, ob sich die Freiwilligen nicht überfordern. Werden sie nie müde? Sie haben doch auch Berufe! 

Ismael Prophet, ich glaube, die Antwort liegt in der Freiheit. Wenn ich ein-mal von mir spreche: Mich hätte Sara überfordert, wenn sie mir Kollegen vorgeschrieben hätte, anstatt mich selbst suchen zu lassen. (wendet sich zu Isaak) Bruder, werden Aufgabe auch abgelehnt?

Isaak Das kommt gewiss vor, ich habe es bisher nur nicht erlebt. Einmal hat ein Mitglied zuerst Nein gesagt, dann aber die Aufgabe übernommen. Wie der zweite der ungleichen Söhne im Gleichnis Jesu[1]. Den Vorschlag, sich vor einem Ja erst Mithelfer zu suchen, höre ich am häufigsten. 

Mohammed, (zieht die Luft hörbar ein, zweifelnd) Wie gelingt das? Bei einem Flüchtlingsanteil von 10% in dieser Stadt? Das grenzt ja an ein Wunder. Ich denke zum Beispiel an die Praktika. Findet Ihr da genug für die Flüchtlinge.

Isaak Wunder? Zum Glück kommen auch Freiwillige aus den Nachbargemeinden, die Angebote mitbringen.

Ismael Und wie läuft die Arbeitssuche ab?

Isaak Am Anfang steht immer die Motivation. Den Flüchtlingen wird erklärt, dass Ihre Zukunft vom Beruf abhängt, und dass jeder ein Pionier für andere und eine Art Botschafter für alle ist.

Mohammed Sohn der Sara: Genial. Also, wenn er einen guten Eindruck macht, spricht sich das herum. Umgekehrt aber auch. Wie kommen die Freiwilligen immer wieder auf so tolle Ideen!

Isaak Ja, da sind wir wieder bei der Motivation. Und für die sorgt die Freiheit, der sympathische Umgang miteinander, die freundliche Atmosphäre…

Ismael Bruder, eben hast Du von Freiwilligen aus den Nachbargemeinden gesprochen. Wie werden die gewonnen?

Isaak (nickt) Da gibt es nur die Presse. Das reicht schon für Menschen, die ähnlich „ticken“ wie die bereits aktiven. Sie erfahren in der Zeitung, wann die Gruppe sich trifft, kommen, stellen sich vor und erklären, was sie her-gebracht hat. 

Mohammed Und warum kommen sie?

Isaak Na ja. 2015 ist die Zahl der Flüchtlinge mächtig gestiegen. Anfangs waren sie in Riesenlagern. Jetzt sind sie auch in Kleinstädten. Und es ist bekannt, dass sie anschließend in noch kleineren Orten untergebracht werden.

Ismael Und die „Städter“ freuen sich.

Isaak Ja über die neuen Mitstreiter und irgendwann auf die Entlastung.

Mohammed Mir ginge es ähnlich. Je mehr Menschen mitarbeiten, desto mehr Ideen kommen, und desto besser kann man sie verwirklichen oder Neues in Angriff nehmen. Was die Zukunft bringt, weiß aber keiner.

Isaak Ich denk ‘mal an die Neuen. Wenn die den Geist spüren und anneh-men, fühlen sich die alten Mitglieder bestätigt und ermutigt. Am Ende freuen sich alle. 

Ismael Das versteh‘ ich. Aber die Neuen wollen sich möglicherweise auf die dritte Etappe vorbereiten, wenn die Flüchtlinge bei ihnen eintreffen.

Isaak Oh, ja. Von dem Zeitpunkt an, kann es Lücken in den Asylgruppen geben. Das Sportcenter hätte auf einen Schlag weniger Unterstützer. 

Mohammed Klar, aber was die Nachbarn aber geleistet haben, bleibt bestehen. Und für ihre Gemeinden werden sie ein Gewinn sein.

Isaak Die Städter aber brauchen neue Helfer, wenn die Zahl der zu Betreuenden gleich bleibt. Vielleicht sinkt aber beides.

Ismael Das nehme ich auch an. Wenn die Flüchtlinge Deutsch lernen, werden sie bald auf eigenen Füßen stehen. Aber Eines frag‘ ich mich … Warum gibt es in Deutschland so viele und so ausdauernde Helfer?

Mohammed Eine wichtige Frage. Isaak, Ihr habt schon einmal auf den Besuch von Papst Franziskus in Lampedusa am 8. Juli 2013 hingewiesen,

Isaak Ja, er hat der Flüchtlinge gedacht, und viele Deutsche haben ihre Mitschuld am Tod der Ertrunkenen begriffen. Bis dahin haben sie weggesehen. Wie ihre Großeltern beim Massenmord an ihren jüdischen Mitbürgern.

Mohammed Söhne Abrahams. Sollen wir wirklich dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte ansprechen? Wo seine Freiwilligen sich so vorbildlich verhalten.

Ismael Verzeiht, Prophet, ich glaube, diese Wunde in der deutschen Seele hat ihre Bedeutung.

Mohammed Wir waren uns einig. In der Generation ist niemand schuldig an den einstigen Verbrechen.

Ismael Sie sind aber bekannt, und jeder ist aufgerufen sie in Zukunft zu verhindern.

Isaak Lange Zeit hat das Mittelmeer Flüchtlinge abgeschreckt. Dann aber ist ihre Zahl gestiegen … die der Ertrunkenen auch. Mit grausamen Bildern. Das brachte die Deutschen in einen Zwiespalt. Sie lasen: „Wir wollen nicht, dass sie ertrinken … [und] dass sie kommen[2].“

Mohammed (atmet tief) Irgendwo ist das verständlich. Aber es wäre eine Heuchelei.

Isaak Nein, es ist der Widerspruch von Abstoßung und Anziehung. Und die ehrlichen Deutschenkonnten begreifen, wie unehrlich viele andere sind.  

Ismael Ja, Bruder, geht es um Moral, um Ehrlichkeit. Seit 2013 haben alle Europäer Grund für ein schlechtes Gewissen. Keiner hat den tausendfachen Tod verhindert. Doch jetzt haben sie die Möglichkeit, Solidarität zu zeigen.

Mohammed Und diese Chance, gerecht zu handeln, hat eine große Zahl Deutscher genutzt.

Ismael Prophet, „gerecht“ wollen doch eigentlich alle leben. Und alle haben gesehen, in welche Gefahren die Flüchtlinge sich stürzen mussten, um ihrem Elend zu entfliehen.

Isaak Ja, und das wird Bürgerauch kleiner deutscher Gemeinden die Gelegenheit kommen, Güte und Mitgefühl zu zeigen.

Mohammed Sohn der Sara. Güte und Mitgefühl. Wie schön! Aber meint Ihr das wirklich? Und für alle. Ich zweifle. Die Rechtsextremen gewinnen immer mehr Zustimmung. 

Ismael Prophet, die Zahl ihrer heimlichen Sympathisanten wächst bestimmt mit. Aber wie werden sich die Freiwilligen verhalten? Treffen wir uns in vier Monaten wieder! Nach der Landtagswahl.

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[1] Matthäus, 21,28-31: Der erste sagt ja, tut erfüllt die Aufgabe nicht, der zweite lehnt ab, erfüllt sie aber


[2] : Die Zeit, Nr 17, 23. 04., 2015, S. 1