Brühler Aktion 60+
       Zeit für Herzlichkeit

8. Lesung

1.Ort - Das morastige, mit Wasserflächen übersäte Lager Idomeni an der griechisch- mazedonischen Grenze – 12. März 2016

Isaak (breitet seine Arme aus) Was für ein Elend! Ständig Regen! Wasser überall. Die durchfeuchteten Zelte bieten keinen Schutz mehr. Schmutzige Brühe läuft in die Schuhe, Kinder husten, und ihre Mütter werden krank.

Mohammed (zeigt nach rechts und links) Riesige Pfützen! Auf durchweichten Inseln, drängen sich die Zelte zusammen. Wie in Schatila. Aber dort stehen jetzt im Frühling keine Pfützen mehr. Und wärmer ist es auch.

Ismael Und als ob das nicht ausreichte, macht die griechische Regierung auch noch Druck auf die Menschen. Sie kürzt die Versorgung mit Lebensmitteln, damit sie sich ins Landesinnere umsiedeln lassen.

Isaak Das ist seelische Grausamkeit. Wer es bis hierher geschafft hat, will weiter nach Norden: Über Mazedonien Richtung Deutschland. Und die Griechen sind unsicher. Sie bringen es nicht übers Herz, vor den Augen der Welt die Flüchtlinge zurückzutreiben.

Ismael Was auch immer sie tun, sie kriegen Vorwürfe: Von den Einen, weil sie ihre Grenze nicht schützen und das Lager nicht mit Gewalt räumen. Von den Anderen, weil sie mit der Kürzung der Essensrationen Druck ausüben. 

Mohammed Und Idomeni bekommt eine traurige Berühmtheit. Weil es an der Bahnstrecke nach Mazedonien liegt. Weit und breit keine Stadt wie Beirut. Dort könnten Flüchtlinge etwas Geld verdienen und sich versorgen.

Isaak Prophet, ja, Idomeni ist winzig und ohne Zukunft. Hier leben nur al-te Menschen. 300 etwa. Vor einem halben Jahrhundert waren es noch fast 1000. Es dauert nicht mehr lange, und die Region ist menschenleer.

Ismael Hm, vielleicht ist naiv, was ich denke. Ich frage trotzdem: Wäre es keine gute Idee, ein paar Hundert von den 12 bis 15 Tausend Flüchtlingen hier in die verfallenden Häuser einziehen zu lassen? Obwohl sie fremd sind?

Mohammed …Hm, nein, mir gefällt Eure Idee. Ein halb zerfallenes Haus schützt gegen den Regen besser als ein Zelt. Aber damit Euer Plan gelingt, müsste die griechische Regierung den Flüchtlingen ein Angebot machen.

Isaak Was sollte sie anbieten, Prophet?

Mohammed Als Erstes: Die Wahrheit. Der bisher offene Weg in die Indu-striestaaten ist blockiert. Die Flüchtlinge sitzen in einer Falle. Deutschland, das lange Zeit viele aufgenommen hat, holt sie nicht heraus.

Isaak Es kriegt aber prompt Spott zu hören: Es solle die Flüchtlinge doch per Flugzeug holen. Derzeit schlagen ihnen aber mazedonische Grenzer die Köpfe blutig. … Griechenland schaut zu. Kann es überhaupt etwas tun?

Mohammed Ja, aktiv werden. Das Drama spielt sich auf griechischem Boden ab. Ich denke wie Ihr, Ismael, die Regierung sollte den Flüchtlingen gestatten, in die leeren Häuser einzuziehen und sie zu renovieren.  

Ismael Danke, Prophet, aber mir sind inzwischen selbst Zweifel gekom-men: Es könnte neue Probleme geben, wenn die Erben der früheren Besitzer ihre Häuser zurückfordern. Was dann?

Isaak Richtig. Das müssten die Griechen per Gesetz ausschließen…

Ismael Vergiss nicht, die Altbesitzer haben zumindest Anspruch auf Entschädigung. Und dann, nach halben Jahrhundert Zerfall wird der Aufbau teuer. Das Land braucht Geld. Woher soll es kommen? Von der EU?  

 Mohammed … Ja, Ismael, Euer Einwand klingt vernünftig.

Isaak Vergesst, bitte, auch die Syrer nicht. Sie müssten sich völlig umstel-len und erklären, dass sie nicht nach Deutschland oder Schweden weiter ziehen wollen, sondern hier bleiben.  

Mohammed Das klingt vernünftig: Griechenland und Syrien liegen beide am Mittelmeer. Das Klima, die Pflanzen- und die Tierwelt ähneln sich. Die Syrer müssten sich hier wohlfühlen! Und vor allem: Idomeni hat Platz!

Ismael Das ganze Land hat Platz. Die Bevölkerungsdichte liegt unter dem EU-Schnitt. Zudem erlebt es eine Landflucht. Jeder zweite Grieche wohnt schon in Athen und seinem Umland. Das ruft nach neuen Menschen mit Ideen … und Energie, den Fähigkeiten der Flüchtlinge.

Isaak Richtig: Die. Warum redet niemand davon? Überall gelten sie als Belastung. Ein Erfolgreiche weckt Hoffnungen. Andere Länder haben ähnliche Probleme. Man sollte es versuchen. Als Modell. Gefördert von der EU.

Ismael Bruder, ein Aufschwung, der von Griechenland ausgeht? Aus diesem kleinen Staat mit knapp 3% der Bevölkerungszahl Europas und des Volkseinkommens? Das wäre ein Wunder!

Mohammed (wendet sich an Isaak) Nein, Ismael, Euer Bruder denkt anders. In erster Linie geht es ihm nicht um Zahlen, um Leistung, sondern um die Tatkraft der Flüchtlinge und ein gutes Beispiel, das ausstrahlt.

Isaak Danke, Prophet, ja, ohne einen neuen Geist gelingt sowieso nichts. Aber lasst mich, bitte, erklären, wie ich auf meine Idee gekommen bin.

Mohammed (verbeugt sich) Verzeiht, aber ich habe Euch doch richtig verstanden!?    

Isaak Danke, ja! Also: Die Alten in Idomeni sind allein, sie kommen mir verlassen und unglücklich vor. Ihr Dorf stirbt. Ihre Kinder und Enkel leben weit weg und kommen selten zu Besuch. Viele nicht einmal in den Ferien.  

Mohammed Isaak, ja, die Alten suchen Kontakt. Ich denke da an eine alte Frau aus Idomeni. Sie hat eine junge syrische Mutter und ihr Baby immer wieder eingeladen. Wie schön wäre es, wenn hier neues Leben entstünde.

Ismael Seid Ihr da nicht zu optimistisch? Wollen die Flüchtlinge wirklich bleiben und die Häuser instand setzen? Dann müssen auch die Erben zustimmen. Ohne oder mit Entschädigung. 

Isaak Selbstverständlich: mit. Auf jeden Fall müsste die Regierung handeln. Sie scheint mir freundlicher als die mazedonische und österreichische. Die lehnen Flüchtlinge ja ab. Ich bezweifle aber, dass die Griechen diesen Schritt wagen.

Mohammed Aber es steht die Zukunft ihres Lands auf dem Spiel. Denkt nur an die Landflucht: In den Olivenhainen wuchern Büsche, in den Weinbergen Unkraut, der Wald breitet sich aus, Weideland für die Schafe geht verloren, am Ende sinkt der Export von Feta und, und, und … 

Ismael Ja, ich verstehe: Wenn dieser Plan gelingt, haben die Flüchtlinge eine Perspektive. Können sie die aber nutzen, und wollen sie es auch? Unter ihnen gibt es doch nur wenige Bauern.

Isak Das kommt darauf an, wie weit Ihr in die Vergangenheit zurückgeht. Irgendwann waren alle ihre Vorfahren Bauern oder Hirten. Und dann: Kein Syrer hat die Garantie, dass er in seinen Beruf zurückkehren kann.

Isaak Bruder, vorhin habe ich gezögert, Dir zuzustimmen. Jetzt finde ich den Plan toll. Wenn er gelingt, wirkt er wie ein Signal. In Griechenland, ja in ganz Europa kann eine offene Gastfreundschaft entstehen.  

Mohammed Wenn das gelänge!!! Aber zu wenige Staaten sind bereit, Flüchtlinge aufzunehmen. Und der EU fehlt der Mut, sie auf die Mitglieder zu verteilen. 

Isaak Prophet, eine freiwillige Ansiedlung wäre wirklich die bessere Lösung. Auf jeden Fall für die Flüchtlinge: Der für sie unangenehme Aufenthalt in den Lagern würde verkürzt.                              

Ismael Und dann ist Griechenland zwar ärmer als andere europäische Staaten, aber reicher als die Herkunftsländer. Trotz der Schulden! Für die Flüchtlinge wäre ein Ansiedlung ein sozialer Aufstieg.

Isaak Und ich zweifle keine Sekunde daran, dass die EU die Ansiedlung finanziell unterstützen würde. Das könnte die Geldsorgen Griechenlands verringern. 

Mohammed Ja, Ihr Söhne Abrahams. Vergesst auch nicht die Ideale Europas. Es hätte eine super Chance, sich menschlich zu zeigen. Wenn dieses Projekt gelingt, würde das auch weniger reiche EU-Länder bewegen, sich den Flüchtlingen zu öffnen.

Ismael Aber im Augenblick scheint alles blockiert. Und ich denke, viele Europäer halten sich zurück. Die unschönen Bilder aus Griechenland motivieren viele Fluchtbereite, in der Türkei zu bleiben.

Isaak Was geschehen wird, weiß niemand. Ich schlage vor, dass wir in zwei Monaten wieder hierher kommen.

Ismael, Mohammed (nicken) Einverstanden

Die Drei erheben sich von ihren Stühlen, drehen eine Rund und setzen sich wieder.

* * *

Ismael Oh, jetzt sind die Flüchtlinge weg. Der Platz ist leer, der Boden platt gewalzt. Jetzt ist wohl auch die Hoffnung auf eine Ansiedlung tot.

Isaak Denk‘ ich auch. Sie wäre ein Erfolg geworden!

Mohammed Leider ist kein Grieche auf unsere Idee gekommen. Sie ist aber auch nicht abgelehnt worden. Vielleicht werden die Griechen ihre Landwirtschaft und die Pflege der Umwelt doch noch den Flüchtlingen anvertrauen?

Isaak Dass die Arbeit der Flüchtlinge sinnvoll ist, hätte man hier sehen können. Vielleicht hätte es auch manchen Nationalisten überzeugt. Und die EU: Sie will doch Kultur-, Natur- und Erholungslandschaften erhalten.

Ismael Ja, und gewiss hätten die reicheren Staaten zugstimmt. Für einen Flüchtling gibt Deutschland pro Jahr 10.000.- € aus. Griechenland und andere Mitglieder brauchen viel weniger. Deine Idee hätte allen geholfen.

Mohammed Söhne Abrahams, an Euren Zahlen zweifle ich nicht an. Aber Euer Vater hat bei der Gastfreundschaft nie von Kosten gesprochen! Als ihn drei Männer besuchten, hat er sie als Boten Gottes begrüßt und reich bewirtet.

Ismael Stimmt, er hat in ihnen Boten Gottes gesehen. 

Mohammed Schön! Aber Flüchtlinge sind doch auch „Kinder Gottes“. Und die Griechen als Gastgeber sind doch Millionen. Die müssten doch ein paar zigtausend unterbringen können. Die würden doch arbeiten. 

Ismael Prophet, Eure Worte ehren unseren Vater. Euch aber auch. Ich befürchte, dass nur wenige Christen in den Flüchtlingen Kinder Gottes sehen.

Mohammed Sie bringen jedenfalls eine Botschaft. Eigentlich sind sie die Botschaft selbst. Ihre Flucht vor Tod und Not ist auch eine Chance, Mitgefühl zu empfinden und ein Segen für sie zu werden. 

Ismael Wenn die Europäer dies begreifen würden, sähe die Welt bald besser aus. Aber unaufhörlich liest und hört man, Flüchtlinge seien Schmarotzer und würden kommen, um sich durchfüttern zu lassen.

Isaak (schüttelt den Kopf) Menschenverachtung pur! Aber das Schlimmste: Es wirkt wie eine Gehirnwäsche. Einer kotzt – Entschuldigung - seinen Neid und Hass aus, andere reden es nach, und am Ende glauben es alle. Zum Glück…

Ismael (fällt ihm ins Wort) … aber das führt doch ins Unglück! …

Isaak (stutzt) Hm! Ich war noch nicht fertig, Bruder. Zum Glück übertönen sie die Nächstenliebe der Freiwilligen und ihrer Freunde nicht. Ich meine, die Welt müsste ihnen danken. 

Ismael Richtig, die Griechen hatten die Chance, Flüchtlinge zu integrieren. Auf die Dauer hätten sie nicht nur auf dem Land, sondern überall gezeigt, wie brauchbar sie sind.

Mohammed Ja, das hat Deutschland nach dem 2. Weltkrieg erlebt. Damals waren 12 Millionen Vertriebene aufzunehmen. Carlo Schmid hat sie begrüßt: „Zwei Hände können mehr schaffen, als ein Mund verzehren kann.[1]

Ismael Flüchtlinge wollen sich beweisen und anderen zeigen, dass sie nützlich sein können.

Mohammed Ja, anzuerkennen, was sie tun, fördert das gute Zusammenleben. Sobald sich aber Hass eingefressen hat, weckt das Gute Neid, dann heißt es: „Die nehmen unseren Jungen die Plätze weg.“ 

Ismael Und dann sind Gewalttaten nicht mehr weit. Die aber werden allenfalls durch die Gefahr einer Entdeckung und Bestrafung eingedämmt... wenn überhaupt! So viele werden nicht aufgeklärt.

Isaak War ich selbst einst schwach? In meinem irdischen Leben war ich großzügig. Aber wie oft habe ich gezögert und mich gefragt, ob ich mich ausnutzen lasse! Solche Zweifel haben Rechtsradikale und IS-Kämpfer vermutlich nicht.

Mohammed Isaak, Eure Ehrlichkeit beeindruckt mich…wie Eure Großzügigkeit. Sie findet man nicht bei allen Menschen. Gottes Güte aber ist unendlich. Denkt nur an seine Begegnung mit Mose im brennenden Busch, der nicht verbrannte.

Isaak Danke, Prophet. Über dieses Zeichen grenzenloser göttlicher Liebe haben wir schon gesprochen. Und die Israeliten, die darauf vertraut haben, wurden mit der Rettung aus der Sklaverei belohnt.

Mohammed Und was schickt uns Gott heute als Zeichen seiner Liebe? 

Isaak … Keine Zeichen, es sind Menschen! Die Freiwilligen. Ob sie an Gott glauben oder nicht, sie spüren seine Liebe in sich und wollen sie weitergeben. 

Mohammed Ihr habt Recht. Es ist gleichgültig, ob die Menschen sich als Staatsbürger oder als Kinder Gottes sehen. Die Liebe oder Barmherzigkeit lebt in allen. Und jede neue Generation darf und muss herausfinden, wie sie diesen Auftrag erfüllen kann.  

Isaak Richtig, hinzu kommt, dass Jesus den Anbruch des Reiches Gottes verkündet hat. Wer ihm nachfolgen will, ist aufgerufen, an ihm mitzuwirken. 

Ismael Bruder, verzeih. Wenn ich diesen Appell höre, frage ich mich unwillkürlich, ob Du einen Fortschritt siehst. Ist die Welt seit der Zeit Jesu besser geworden?

Isaak Verzeihung gewährt, Ismael. Doch Jesu Worte sehe ich nicht als Prophezeiung, sondern als einen Auftrag.

Mohammed Sehr klug, Isaak. Und Euch, Ismael, erkläre ich: Ja, ich sehe Fortschritte. Trotz der Unterschiede zwischen Bibel und Koran sprechen Gläubige aller Religionen heute miteinander und suchen nach dem Weg zu Gott.

Isaak Nicht nur! Sie helfen sich auch. Noch nie haben so zahlreiche und so vielfältige christliche Gruppen muslimischen Flüchtlingen so selbstlos geholfen wie derzeit. Bruder (wendet sich zu Ismael), vorhin hast Du nach ihrer Mitarbeit in Europa gefragt.  

Ismael Stimmt, aber dann war ich froh, dass Ihr darauf nicht eingegangen seid. Wir sind uns wohl einig: Europa wird von Gefühlen beherrscht, einer unentwirrbaren Mischung von Neid und Großzügigkeit. Wie soll man da antworten?

Isaak Deiner Frage, Bruder, sollen wir nicht ausweichen. Also: Ob Kriegs- oder Elendsflüchtling, wer nach Europa kommt, will sich einbringen. Und viele sagen es auch. Sie wollen Deutschland für die Aufnahme danken. Und dann: Je höher sie qualifiziert sind, desto dringender braucht man sie.

Ismael So erlebe ich es auch. Sie haben große Gefahren auf sich genommen und wollen nun ihre Zeit nicht vertrödeln, sondern erwarten, dass man sie zur Mitarbeit aufruft. Ihr Vertrauen in die Freiwilligen ist da grenzenlos. 

Mohammed Das ist aber nicht einfach, es braucht Zeit und Geduld. Aufnahmebereite Staaten wie Deutschland geben ihnen zunächst Sprachkurse, damit sie sich rasch im Land integrieren können.

Ismael  Aber Sprachelernen braucht Zeit. Unternehmer würden Flüchtlinge gerne sehr rasch einstellen. Aber Arbeitsagenturen verlangen, den Bewerbern von Anfang an Mindestlöhne zu zahlen, auch wenn sie nicht voll einsetzbar sind, weil sie kaum Deutsch sprechen.

Isaak Aber sie sind voll Kreativität und Tatendrang. Und ihre Initiative wird gebremst. Wer sie einstellen will, sollte so wenig wie möglich gegängelt werden. Es muss aber auch darauf geachtet werden, dass er sie nicht ausbeutet. 

Mohammed Söhne Abrahams. Ich finde, wir stehen hier vor einer grundsätzlichen Frage: Arbeiten zu dürfen und eine Ausbildung zu erhalten, sind Menschenrechte. Und wer ihnen Steine in den Weg legt, verstößt da-gegen.

Isaak Ja, aber es gibt noch einen zweiten Punkt. Flüchtlinge werden als arbeitsscheue Schmarotzer beleidigt. So frisst sich eine fremdenfeindliche Atmosphäre in die öffentliche Meinung hinein.

Ismael Sprich ruhig den Namen dieser Leute. Sie nennen sich europäische Patrioten und behaupten, sie würden das „Abendland“ schützen. Wer andere verächtlich macht, verletzt ihre Menschenwürde.

Isaak Was für eine Verirrung! Ein hasserfülltes, herzloses Geschrei, das die Grundrechte mit Füßen tritt und trotzdem massenhaft Gehör findet!

Ismael Ja, alles zerfällt, was die Kultur der Menschheit ausmacht. Die Nächstenliebe und Barmherzigkeit der Religionen wie die Vernunft. Sie sind die Kennzeichen des Abendlands und Wurzeln der Menschenrechte. 

Mohammed Söhne Abrahams. Wer den Segen Gottes durch Euren Vater geschenkt bekam, hat keine Wahl. Er muss jedem energisch entgegentreten, der andere hasst und verachtet.

Isaak Hass, ja, Was für ein Niedergang! Jahrhunderte war das „Abendland“ die Heimat der Christenheit. Mit dem Kerngebot Jesu: „Was Ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt Ihr mir getan.[2]

Mohammed Richtig! Mit diesem Wort aus dem Matthäus-Evangelium fordert Jesus zum Schutz aller Menschen auf. Das heißt heute: Wer ein Flüchtlingsquartier anzündet, oder einen anderen dazu anstiftet, handelt gegen Gottes Wort.

Ismael Prophet, ja! Aber was bringen Anklagen? Sie beeindrucken weder die Brandstifter noch die, die ihnen applaudieren. Nur die Gefahr, entdeckt und bestraft zu werden, kann etwas bewirken. Aber die ist gering.

Isaak Und wer will sich schon auf das Strafrecht verlassen. Wenn es zu häufig eingesetzt wird, verliert es seine Schärfe. Erfreuliche Erfahrungen wirken nachhaltiger. Vertrauen wir doch auf die Tüchtigkeit der Flüchtlinge. Haben Sie Erfolg, profitieren alle. 

Ismael Bruder, in Deutschland würdest Du schon Zustimmung für diesen Satz bekommen. Trotz aller Ablehnung. In der EU sieht es freilich anders aus. Der Dublin-Vertrag bürdet derzeit den Mittelmeerstaaten die schwersten Lasten auf.

Mohammed Richtig, und die haben ihm 1990 zugestimmt, wie alle anderen Mitglied. Und er besagt, dass für Flüchtlinge das Land verantwortlich ist, wo sie ankommen.

Isaak Wenn sie ankommen, Prophet! Wer e schafft, landet und bleibt in Italien und Griechenland. 

Mohammed Aber die sind überfordert. Und die anderen EU-Mitglieder stellen sich gegenüber den Flüchtlingen genauso taub und blind wie viele Deutsche zu Beginn der Krise. Unkameradschaftlicher geht es wirklich nicht! Mich macht das wütend! Verzeiht mir.

 

Ismael Ihr habt Recht. Jede Gruppe braucht diese Kameradschaft. Wer sich nicht daran hält, zerstört den Geist der Mitverantwortung, verbittert die Alleingelassenen und ruiniert die Gruppe.

 

Isaak Eigentlich hätte die EU das Problem zu lösen gehabt, aber ihren Präsidenten hört niemand zu. Erst das „Wir schaffen es“ der deutschen Kanzlerin hat den Druck abgebaut… ihr aber viel Ärger eingebracht!

Ismael Ja, und immer noch fehlt es an Solidarität in Europa. Nichts hat sich geändert. Bei allen, Politikern und Bürgern.

Isaak Mir ist der Grund klar: Es fehlt am Willen, Verantwortung zu übernehmen. Und die EU wird abgelehnt, sobald sie etwas fordert. Einzelne Länder wollen sogar austreten. Vor allem reiche. England war das erste. 

Ismael Bruder, woran liegt das? Du hast vorhin die Präsidenten genannt. Wo aber sind die Regierungschefs? In der Finanzkrise hat Merkel Europa gerettet. 2015 ein zweites Mal. Ein drittes wird es nicht geben. Wie wird es aber jetzt weitergehen?

Mohammed Eines scheint mir sicher: Europa bleibt ein Magnet für arbeitsuchende Männer. Gut oder weniger gut gebildete. Der Weg für Asiaten durch die Türkei ist derzeit blockiert. Deshalb kommen mehr Afrikaner.

Ismael Nach einem alten ökonomischen Gesetz strebt der Boden zum besten Wirt. Heute ist der Boden die Kraft der jungen Männer: Sie suchen gute Arbeitsplätze. Etwa eine Million, heißt es, würden in Libyen darauf warten, nach Europa überzusetzen.

I saak Und die Europäer sind gespalten. Aus einigen Ländern kommen Schiffe an die libysche Küste, um Flüchtlinge zu retten und nach Italien zu bringen. Andere aber lehnen sogar ab, sich an der Aufnahme zu beteiligen.

Isaak Wenn das stimmt, müssten die deutschen Freiwilligen zornig werden. Ihr Ziel ist doch eine Willkommenskultur, eine Brücke über alle Unterschiede hinweg. Ein erfreuliches Zusammenleben. Besser zumindest als in den Herkunftsländern.

Mohammed Söhne Abrahams, die Situation scheint mir ausweglos. Wir drehen uns im Kreise. Vielleicht finden die Europäer selbst eine Lösung. Ich schlage Euch vor, wir treffen uns in drei Monaten wieder.

Isaak, Ismael (mit hilflosen Handbewegungen) Wir wissen es nicht besser. Treffen wir uns also in drei Monaten wieder.

Die drei erheben sich von ihren Stühlen, drehen eine Runde und setzen sich wieder

***

Mohammed Was für eine Veränderung. Wohin man schaut – alles ist leer. Die Flüchtlinge sind weg. Ich habe gehört, sie haben sich in andere Lager transportieren lassen.

Isaak Freunde, den Tod unserer Idee, bedauern wir wirklich alle. Kein Mensch ist auf darauf gekommen, den Flüchtlingen in dieser menschenleeren Gegend eine Ansiedlung anzubieten.

Ismael Wir können das nur beklagen. Das Land verkommt. Es schreit nach Menschen. Vielleicht hätte es nicht für alle 10.000 gereicht, aber so viele hätten ohnehin nicht Bauern werden können … oder wollen.

Mohammed Aber 1.000 könnten sicher ihr Auskommen finden. Und wenn nur 300 sich angesiedelt und Familien gegründet hätten. Der Aufschwung wäre sicher gekommen: Olivenöl, Feta, Lammfleisch, Wein…

Ismael Ein Jammer! Aber nun ist es so. Möglicherweise sind die Griechen überfordert gewesen. Sie haben ja zahllose und schwere Sorgen. Ihre Schulden sind ja erdrückend.

Isaak Aber Bruder. Sie Griechen waren nicht allein. Aus Deutschland sind hunderte Freiwillige gekommen. Mit Lebensmitteln. Sogar ein prominenter früherer Minister hat sich für die Flüchtlinge eingesetzt.

Ismael Ja, Norbert Blüms Engagement ging mir auch zu Herzen. Aber die Deutschen sollten sich fragen, wie es wirkt, wenn sie immer vorne stehen – auch bei der Nächstenliebe.

Isaak Bruder, findest Du, dass solche Worte fair sind. Du hast doch gewiss die innere Spaltung in Deutschland wahrgenommen, den Gegenwind, der den Freiwilligen und der Kanzlerin ins Gesicht bläst.

Mohammed (mit einer dämpfenden Geste) Ihr Brüder! Es mag ja durchaus sein, dass die Deutschen mit ihrer Grenzöffnung den anderen ein schlechtes Gewissen gemacht haben, aber der Koran und die Bibel sind doch voll von Aufrufen zur Barmherzigkeit.

Isaak Prophet, danke. Aber ich halte unser „Nachkarten“ dennoch für sinnvoll. Vielen Europäern muss das Schauspiel hier in Idomeni an die Nieren gegangen sein. So wie den Deutschen der Besuch des Papstes in Lam-pedusa.

Ismael Meinst Du, sie fragen sich, ob sie an der Stelle der Griechen anders gehandelt hätten?

Mohammed Söhne Abrahams! Ihr seid prima! Wenn das Erlebnis von Idomeni nachwirken würde, hätte es am Ende doch einen Sinn gehabt. Es wäre ein Schritt auf dem Weg des Segens.

Ismael Für ähnliche Projekte bieten sich in etlichen europäischen Ländern Regionen mit geringer Besiedlung an, in Frankreich und Spanien etwa.

Isaak Freunde, zu unseren Erkenntnissen gehört, dass wir die Zukunft nicht vorhersagen können. Aber da wir dies nicht können, dürfen wir vertrauen, dass alles, was geschieht, weiterlebt und Nachwirkungen hat.

Mohammed Hoffen wir darauf, dass Gott den Menschen so viel Güte gegeben hat, dass sie ein weiteres Idomeni verhindern werden.  

 


[1] Carlo Schmid, Erinnerungen, Scherz: Bern, München, Wien, 1979, S. 244


[2] Matthäus, 25,40