Brühler Aktion 60+
       Zeit für Herzlichkeit

 

9. Lesung

Isaak, Ismael und Mohammed stehen auf dem Istanbuler Taksim-Platz, vor der Statue Kemal Atatürks – 1. August 2016

Mohammed Schön hier. [hebt die Arme, atmet auf] Gut gekleidete, stolze Menschen, glaubenstreue Muslime. Ihr Staat will als demokratisch gelten. Er hat viele syrische Flüchtlinge aufgenommen. Eigentlich sieht alles erfreulich aus…

Ismael Ja, Prophet. Aber „eigentlich“ heißt nicht wirklich. Zu Recht! Das Land steckt in vielen Konflikten: ein Teil seiner Armee hat geputscht, es hat den Notstand verkündet, es unterdrückt die Medien, erlebt aber immer wieder Attentate …

Isaak Das stimmt Bruder. Mir scheint, dass der Putsch und die Attentate, ich meine vor allem vom IS, zum Ausdruck bringen, dass das Land innerlich unsicher ist. Vor allem gegenüber den Kurden.

Mohammed: Da habt Ihr Recht. Ich halte die Probleme der Kurden für nicht lösbar. Kurden leben in der Türkei, in Syrien, im Iran und dem Irak, wollen aber in einem eigenen Staat vereint leben.

Ismael Prophet, da muss ich Euch zustimmen. Ich sehe für die Kurden und für die vier Staaten, in denen sie leben, sehe ich auch keinen Weg, diese Spannungen zu beenden. Sie scheinen mir derzeit so unlösbar wie der Konflikt der Sunniten und Schiiten.

Isaak So sehe ich es auch, Bruder. Nur, der eine Streit ist politisch, der andere religiös. Aber beim politischen sehe ich einen Ansatz: Kurden bekämpfen den IS, die Türken auch. Sie haben also den gleichen Feind und müssten dann doch Freunde sein können.

Mohammed Oh, Sohn Abrahams! Das ist eine wirklich lange Geschichte. Der Wunsch der Kurden ist uralt. Aber nach dem 1. Weltkrieg wurden sie aufgeteilt Würden sie oder einer der vier Staaten nachgeben, wäre das für jeden ein unverzeihlicher Gesichtsverlust.

Ismael (schlägt die Hände vors Gesicht) Meine Güte. Wie viele tausend Menschenleben hat dieses Gesicht schon gekostet, das niemand verlieren will! Jeder Tod verlangt Rache. Und am Ende steht der nächste Krieg.  

Isaak Ach, wenn es nur diesen einen Streit gäbe! Aber es brennt doch überall in der muslimischen Welt, von Asien bis Afrika. Sunniten bekämpfen Schiiten, beide zusammen die Christen. In dieser Welt voll Tod und Verbrechen geht der Kurdenkonflikt beinahe unter.

Ismael [mit besänftigender Handbewegung] Bruder, merkst Du nicht, dass Du in Mohammeds Wunde bohrst?

Isaak Ich bitte um Nachsicht, Prophet, aber Ihr wisst sicher, dass auch wir beide (fasst nach Ismaels Arm) mit den Opfern leiden. Sie sind doch auch unsere Kinder.

Mohammed [lächelt] Schon verziehen, Sohn Abrahams. Gott will den Segen. Und die schlimmsten Verbrecher behaupten, ich hätte ihre Morde gestattet, ja sogar gefordert. 

Ismael Prophet, ich denke, Ihr sprecht von den Propagandisten des Islamischen Staats. Wenn die aber bei ihren Verbrechen rufen „Gott ist groß“, widerspricht ihnen niemand. Zumindest nicht hörbar.

Mohammed Ich verstehe, was Ihr fordert. Aber die meisten meiner Kinder begnügen sich, still mit ihrem Handeln zu beweisen, dass sie Gottes Geboten treu sind.

Isaak Das darf ihnen niemand vorwerfen. Sie haben schon viel erreicht, wenn jeder für sich die in ihm wirkenden Kräfte, Anziehung und Abstoßung, beherrscht. Aber sie haben auch den Verstand bekommen. Und mit jedem Geschenk verbindet Gott einen Auftrag.

Ismael: Ja Bruder, mit dem Verstand und der Freiheit des Geistes macht Gott seine Geschöpfe verantwortlich für Welt und die Menschheit auf ihr! Sie müssen sich fragen, was das für ihr Handeln bedeutet, um vor ihm und ihrem Gewissen zu bestehen.

Mohammed: Richtig! Das heißt, die Menschen sind zuständig füreinander und für die Erde. Sie entwickeln sich ständig und erweitern ihre Grenzen. Damit wandelt sich Gottes Auftrag, ein Segen zu sein, ständig.  

Isaak: Ja, sie sollen sich als Beauftragte Gottes verstehen..

Mohammed … um Frieden zu schaffen, damit sie sie die Umwelt und vor allem das Klima erhalten können.

Ismael Schon der Frieden ist fast unerreichbar. Denken wir an die Syrer und die Kurden. Die Einen wollten in Freiheit leben, die anderen in Frieden und Einheit. Und beide stecken in schweren Kriegen.

Isaak Es ist unrealistisch, in der aktuellen Situation, von den Türken zu erwarten, sie sollen auf einen Teil ihres Staatsgebiets zu verzichten. Anders ist es bei Assad. Sein Krieg gegen das eigene Volk ist ungerechtfertigt. Nun unterstützt ihn aber Russland, da fühlt er sich sicher.

Mohammed Es steht schlecht um meine Muslime. Das liegt aber nicht am Glauben. Sie bringen ihn aber in Verruf. Als im Mittelalter Kaiser und Papst sich bis aufs Blut bekriegten, war der Islam ein Hort des Friedens. Sultan Saladin hat den Christen gestattet, das Heilige Land zu besuchen. 

Ismael: Wir können es nur wiederholen. Der Glaube ist schuldlos an der Gewalt. Aber hilft er auch denen, die den Frieden suchen?

Isaak Den Kurden etwa? Wie können die sich mit Türken, Iranern, Irakern und Syrern einigen?

Mohammed: Ismael, der Koran hat dafür kein Rezept. Aber eine Grundlinie, die Barmherzigkeit. Ohne sie gibt es keinen dauerhaften Frieden. Menschen sollen einander helfen und füreinander sorgen. So hat auch Jesus gepredigt … und gehandelt.

Isaak: Ja, Prophet, aber die meisten islamischen Völker werden unter-drückt. Und im arabischen Frühling haben sie gezeigt, dass sie frei leben wollen.  

Mohammed: Ich hoffe, dass ihnen dieser Wunsch erhalten bleibt. Die Muslime in Deutschland und den USA leben ihnen vor, dass politische Freiheit und Islam vereinbar sind. Und sein Geist blühte in der Zeit Saladins, als Europa noch im Dunkel des Mittelalters steckte. 

Isaak: Prophet, ja, gewiss: Islam und Freiheit widersprechen einander nicht grundsätzlich. Für Syrer und Iraker geht es im Augenblick aber um viel Bescheideneres, die Freiheit von Bomben und Hunger.

Ismael: Ja, das Volk leidet. Und ich mit ihm. Ihr doch auch? (Mohammed und Ismael heben zustimmend die Hand). Mich quält die Frage, ob der Krieg und seine Not je ein Ende haben werden.

Mohammed: Sohn Abrahams, ich kann Euch verstehen. Wie oft wurden schon Waffenstillstände verkündet und freie Zonen für die Lieferung von Lebensmittel beschlossen. Mehr als ein Tag wurde nichts gehalten.

Isaak Wie düster muss den Syrern ihre Zukunft erscheinen, wenn schon wir drei schwarz sehen, Und was denken die Europäer?

Isaak: Sie empfinden wie wir. Syrien ist im Würgegriff des Präsidenten Assad, Russlands und des IS. Der greift gleichzeitig mit gelenkten Attentätern auch Europa an. Als Folge sinkt dort die Bereitschaft Flüchtlinge aufzunehmen. Man weist sie ab wie die geflohenen Juden in der NS-Zeit.

Ismael: Dazu hätte auch Deutschland Grund. Im Wahlkampf vor seinem Referendum hat der ungarische Ministerpräsident Orban den IS als Urheber der Attentate in Ansbach und Würzburg bezeichnet. 

Isaak: Was da geschehen ist, beweist gerade das Gegenteil, meine ich.

Ismael Bitte? Aber da kamen doch Menschen ums Leben!

Isaak: Ja, zwei Menschen, die unglücklichen Attentäter selbst. Dank der Willkommenskultur galten sie als gut integriert. Der IS hat es aber geschafft, sie umzudrehen.

Ismael Aber die beiden waren doch allein!

Isaak Ja, aber sie haben ständig telefoniert. Sie mussten ihren Auftraggebern gehorchen. Ihre Familien konnten vom IS jederzeit ermordet werden. 

Mohammed: Ihre meint also, die beiden jungen Männer waren Marionetten an den Fäden des IS?

Isaak: Ja, der Würzburger hat zwar einige Menschen verletzt, danach hat er sich aber so verhalten, dass ihn die Polizei erschießen musste.

Ismael Und der Ansbacher?

Isaak Bei dem liegt der Fall noch klarer. Er hat seine Bombe gezündet, als eine neben ihm sitzende Frau einen kurzen Augenblick weg gegangen war. Das heißt, er war das einzige Opfer seiner Tat. Eine Art Selbsttötung.

Mohammed Ihr meint also, dass er den teuflischen Klauen des IS nur entkommen konnte, indem er sich das Leben nahm?

Ismael: Ja, nur so kann ich es begreifen. Aber wie wirkt die Willkommenskultur? Sie erreicht doch nicht alle Deutsche. Es gibt Hochburgen der Ablehnung. Sachsen zum Beispiel, und Dresden vor allem.

Isaak Was warten wir? Schauen wir’s uns an.

***

Die drei stehen auf, machen eine Runde um ihre Stühle.

Ismael Den Platz kenn‘ ich. Links ist die Hofkirche und rechts die Semper-Oper

Isaak: Wie schön. Alles ist wieder aufgebaut. 1945 haben die Nazis nur Schuttberge hinterlassen. Und heute predigen Neonazis wieder Nationalis-mus. Sie belügen die Leute, sie würden wegen der Flüchtlinge benachteiligt. Und die glauben ihnen: Hass und Neid wachsen!

Mohammed: Söhne Abrahams, verliert den Mut nicht! Deutschland nimmt weiter Flüchtlinge auf, auch Muslime. Und zum Frieden: Er wird in Europa erhalten bleiben. Christen, Juden und Muslime erbitten ihn ständig von Gott. Eine Kriegsgefahr sehe ich nicht.  

Ismael: Seien wir nicht so sicher. Russland provoziert. In Syrien die USA, und in der Ukraine die Europäer. Die EU ist gespalten, Großbritannien ist dabei auszutreten. Und Frankreich, mit 30% Nationalisten, könnte folgen.

Mohammed: Ich wiederhole es: Schaut nach vorn! Trotz der IS-Attentate besteht Deutschlands „Willkommenskultur“ weiter. Sein Ansehen steigt. Und nach wie vor kümmern sich viele Freiwillige um Flüchtlinge. Auch um Muslime.

Isaak: Ja, Prophet. Die Gutwilligen lassen sich durch Verleumdungen und angezündete Häuser nicht abschrecken. Ich meine sogar, dass das sie sich noch herzlicher engagieren.

Ismael: Auf jeden Fall sind sie standfester als ihre Politiker. Sogar Minister rücken vor Wahlen von ihren Grundsätzen ab und brummeln von „fehlenden Grenzkontrollen“. Die wollten doch nur keine Stimmen verlieren. Aber genau so ist es in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg gekommen.

Isaak: Als ich von „fehlenden Grenzkontrollen“ reden hörte, bin ich ehrlich zornig geworden. Haben denn alle den Oktober 2015 vergessen, mit kranken, in Kälte und Nässen wartenden Flüchtlingen. Die konnten sich doch den Tod holen! Was ist wichtiger: Verordnungen oder Menschenleben?

Mohammed: Isaak. Etwas weniger polemisch geht es auch. Aber Ihr habt Recht. Niemand spricht mehr von diesem Herbst. Damals haben alle den Mund gehalten. Auch die, die heute Politiker und Flüchtlinge angreifen.   

Isaak: Ja, Prophet. Die Wahlkämpfe waren schlimm. Politiker würden dem Volk nach dem Mund reden, heißt es. Nehmt einen Kandidaten. Gegner brüllen ihn nieder. Er versucht, sie zu gewinnen, doch unter dem Druck geht er in die Knie, sucht Kompromisse. Und am Ende biedert er sich an.

Ismael: Schlappschwanz!

Isaak: Das sagt sich leicht. Hast Du schon einmal einen von 30 Extremisten bedrängten Wahlredner erlebt? Er schwitzt und versucht, seine Haut zu retten. Und seine Parteifreunde? Die blicken betreten in ihre Biergläser.

Ismael: Bruder, das kann ich mir vorstellen. Aber es beeinflusst nur kleine Gruppen. Berichte im Fernsehen aber werden beachtet. Und jeder spürt, wenn sich Demokraten den Populisten annähern. Das verschlechtert ihre Wahlchancen … und das Ansehen ihrer Partei. „Wackeleien“ sind tödlich. 

Mohammed: Ja, Söhne Abrahams, Ihr zeigt, wie notwendig moralisches Rückgrat ist. Nehmt die Kanzlerin. Sogar sie hat nach Wahlniederlagen ihrer Partei „Fehler“ eingestanden. Bis dahin hatten sich die Freiwilligen mit ihr einig gefühlt. Dann aber haben sie an ihr zu zweifeln begonnen.

Ismael: Prophet, das sollte man sich genau anschauen. Ihr habt zwar Recht: Frau Merkel hat akzeptiert, dass Flüchtlinge unkontrolliert ins Land gekommen sind. Aber das „Wir schaffen es“, hat sie nicht zurückgezogen.

Isaak: Das war ein Tanz auf Messers Schneide: Sie wollte Gegner in ihrer Partei besänftigen und den Flüchtlingsgegnern entgegentreten. Die haben Morgenluft gewittert und sie als „Volksverräterin“ beleidigt.

Mohammed Das war Nazi-Sprache! Aber auch in Griechenland, wurde sie als Diktatorin beschimpft und mit Hitlerbärtchen karikiert.

Ismael Entschuldigt! Über solche Entgleisungen kann ich nur lachen. Deutsche Neo-Nazis behandeln sie wie Hitler einst seine Gegner. Und mit ihm wird sie in Griechenland gleichgesetzt. Wer aus so entgegengesetzten Ecken angegriffen wird, kann ruhig bleiben: Er hat alles richtig gemacht!

Mohammed (schüttelt den Kopf) Hm, so traurig es ist, eigentlich sollte man darüber lachen. Aber eine Gesellschaft beschädigt sich, wenn sie hinnimmt, dass vorbildliche Menschen verachtet und verspottet werden. 

Isaak Prophet, ganz richtig: Schon böse Worte gehören energisch verurteilt, sie senken die Hemmschwelle vor dem Bösen. Aber … wie findet ein Land zu Menschenfreundlichkeit zurück?

Mohammed Söhne Abrahams, wir sind mit den Urkräften. Menschen, in den Hass und Abstoßung überwiegen, verachten und missachten sie andere. Deshalb gab uns Gott das Gebot, ein Segen zu sein.

Ismael Und dann die Vernunft. Sie macht die Menschen verantwortlich für ihr Tun und den Geist in ihrer Umgebung. Sie müssen sich selbst und andere vor Bösem schützen und ein Klima der Sympathie schaffen. 

Isaak Und wie geht das? Die Kanzlerin hat es „sich ehrlich machen“ ge-nannt. Und jetzt ist sie dabei, die Ablehnungsfront in Europa aufzuweichen, obwohl sie vielfach beleidigt wurde. Aussichtslos ist das nicht. Aber im Osten und Süden wird sie es schwer haben.

Ismael Richtig, aber gleichzeitig „liefert“ Deutschland. Es fordert nichts, sondern versucht, andere durch das eigene Beispiel zu überzeugen. Nach wie vor befürwortet eine Mehrheit die Aufnahme von Flüchtlingen. Trotz der nationalistischen Hetze.

Mohammed Dieses Gerede gegen die Flüchtlinge finde ich widerwärtig. In Wirklichkeit brauchen sie ihre Anwesenheit, um Wahlen zu gewinnen. Und das ist ihnen bisher gelungen. Nun sitzen sie in Landtagen und fordern Gewalttäter zu weiteren Übergriffen auf. Das ist doch Heuchelei!

Isaak Richtig, es ist ein Paradebeispiel für den zynischen Einsatz von Gefühlen. In den Bundesländern mit den wenigsten Flüchtlingen findet ihr die meisten Übergriffe. Die Gewalt kommt also aus dem Hass. 

Mohammed Und dann liegen diese Länder noch auf dem Boden der früheren DDR. Woran liegt das, frage ich mich. An der früheren Abschottung dieses Staates? Oder haben die geringeren Einkommen im Osten und der Neid auf den Westen die Ablehnung von Fremden hervorgebracht?

Ismael Ich versuch‘ mal zu klären: Dort wo der Flüchtlingsanteil höher ist, sind Beziehungen zu den Alt-Einwohnern entstanden. Ich meine aber auch, dass dort die Stimmung - Mohammeds nennt sie Geist - von Unzufriedenheit und Abstoßung nicht belastet war.

Mohammed Da vermute ich, dass die Länderregierungen in friedlichen Regionen mehr und in unfriedlichen weniger Flüchtlinge untergebracht. Sie wollten möglicherweise Proteste vermeiden. Das ist wohl misslungen.

Ismael Ich stimme Euch zu. Man wollte die östlichen Bundesländern schonen. Auch weil es dort am Beginn der1990er Jahre, in der letzten Phase großer Einwanderung, besonders viele Übergriffe gegeben hat.

Isaak: Das nenne ich „Feigheit vor dem Feind“ wie das Verhalten vieler Politiker im Wahlkampf auch. Wäre es nicht besser gewesen, die Aufgabe vom Positiven her zu lösen. Das heißt, die Flüchtlinge in Städte zu schicken, wo die Aufnahme 1990 freundlich war. Quasi als Belohnung.

Ismael Ach Bruder, Du suchst überall das Erfreuliche. Und findest es auch. Aber in unserem Fall hätten sich die Lösungen wohl kaum unterschieden. Baden-Württemberg und Bayern hätten die höchste Anerkennung und vielleicht auch finanzielle Unterstützung bekommen. 

Mohammed: Sohn Abrahams, Ablehnung hat es auch im Süden gegeben. Aber vielleicht findet man dort eher Sinn für Herzlichkeit? Menschen, die andere suchen, die denken und fühlen wie sie, die ihnen Mut machen und offen sind für Partnerschaften.

Ismael: Ja, Prophet, Ihr Gedanke schwingt im Wort Willkommenskultur mit. In Bildern aus München. Aber auch aus Hamburg! Vielleicht wäre aber alles die ohne Berichte im Fernsehen rasch versandet. Und Achtung: Auch Rassisten, Brandstifter und Schläger suchen und finden Mitstreiter. 

Isaak Bruder, aber mit denen kann man keine Gemeinschaft bauen. Wenn sie ein gutes Gewissen haben, sind sie nicht ehrlich… Und umgekehrt. Zwischen ihnen und den Freiwilligen liegen Welten!

Mohammed Klar. Aber nicht alle sind im Kern ihres Wesens böse. Viele wurden durch äußere Umstände radikalisiert! Und Hass kann auch aus aus dem Sinn für Gerechtigkeit entstehen, aus Mitleid mit Benachteiligten …

Ismael Er kann aber auch in Rache und in einen Teufelskreis der Gewalt münden. Denkt an die beiden Weltkriege. Historiker meinen, dass aus dem ersten der zweite entstanden ist. Zusammen fast 100 Millionen Tote.

Isaak Was sagen Zahlen? Der Nationalsozialistische Untergrund hat nur 10 Menschen ermordet. Und jeder einzelne von ihnen hat Angst erlebt und Schmerzen erlitten und ist unseres Mitgefühls würdig. Dem sollten alle vorbeugen. Durch herzlichen und freundlichen Umgang miteinander.

Mohammed Ja, Isaak, das ist Eure tiefe Überzeugung. Ihr Bruder und ich teilen sie. Die Aufnahme der Flüchtlinge in Deutschland hat Euch beeindruckt. Und jetzt wünscht Ihr, dass sich Ähnliches anderswo wiederholt. 

Isaak: Gibt es zur Herzlichkeit eine Alternative?

Mohammed Ich kenne keine! Aber einen Weg aus der gegenwärtigen Gewaltspirale sehe ich auch nicht. 

Ismael Freunde, suchen wir gemeinsam! Mir fällt das Schlagwort ein: „Tue Gutes und rede darüber.“ Aber wir können nicht. Das sollten die Freiwilligen tun oder die Politiker. Oder die Flüchtlinge? Sie immerhin sind weltweit vernetzt … das deutsche Beispiel kennt man überall. 

Isaak Ja, die Welt kennt die deutschen Freiwilligen und das „Wir schaffen es“ ihrer Kanzlerin.

Ismael Aber auch seine Rassisten und Islamhasser. Und dazwischen die streitenden, unsicheren Politiker und die schweigende Mehrheit.

Mohammed Ja, es gibt Unerfreuliches. Doch ein Ergebnis hat die Auseinandersetzung gebracht. Sie hat den Freiwilligen die Chance gegeben, ihre Motive erklären, die Menschenrechte und den Segen Gottes. Und mancher Zuhörer hat das auch begriffen.  

Ismael: Auf der anderen Seite finde ich betrüblich, dass die Angstmacher mit ihrer Rede von Grenzverletzungen und Gefahren durch den Terrorismus so viel Gehör finden. Dabei sind die Einen vergleichsweise banal, und das Anderes hat es schon lange vor 2015 gegeben.

Mohammed Mir ist klar: Ohne Zusammenarbeit hat die Welt keine Zukunft. Die drohende Klimakatastrophe lässt sich Einzelstaaten nie und nimmer verhindern. Und solange die Politiker uneinig sind, werden ihre Anhänger ungestraft pöbeln, prügeln und die Menschen ängstigen.

Isaak Und solange es Kriege gibt, wird die Menschheit nicht zusammen-finden. Hass kann aufflammen, in und zwischen Staaten und Religionen. Aber Kriege und Gefallene wecken das Bedürfnis, sich zu rächen.

Mohammed Ach, was soll ich dazu sagen. Ihr habt doch Recht.

Ismael Prophet. Ihr habt in Arabien einst die Herrschaft der Dämonen beendet und den Gott Abrahams verkündet. Aber viele Eurer Kinder ver-breiten Furcht und Schrecken wie diese Dämonen statt den Segen Gottes.

Mohammed (lächelt) Ich versteh Euch, Sohn der Hagar. Navid Kermani zum Beispiel erinnert die Religionen an ihre gemeinsamen Ziele: Liebe, Geschwisterlichkeit und Frieden. 

Isaak Und wie soll das gelingen?

Mohammed Aber gerade danach habe ich Euch vorhin gefragt.

Ismael Prophet, spielen wir uns nicht einfach Bälle zu, sondern suchen wir ernsthaft! Also: Die Lage in Syrien ist tragisch und verwickelt. Am ehesten ließe sich der Konflikt der Türken mit ihren Kurden herauslösen.

Mohammed Vielleicht nicht endgültig, aber vorläufig. Türken und Kurden tragen in Deutschland die Willkommenskultur mit. Ich denke, die Türken hier würden den Kurden Eigenständigkeit und die Menschenrechte garan-tieren. Schon weil die Kriege daheim bald enden.

Isaak Wollt Ihr damit sagen, dass die Willkommenskultur über die Grenzen hinweg den Frieden fördern kann?

Mohammed: Ich würde es wünschen. Jedenfalls hoffe ich es. Der IS und die Salafisten radikalisieren per Internet junge Menschen. Deutsche Brandstifter finden Nachahmer. Da könnte das gute Beispiel doch auch Schule machen!

Isaak: … Ja, warum eigentlich nicht? Hoffen darf man doch!

Ismael: (schüttelt den Kopf) Wie schön, wenn Ihr Recht hättet. Überlegen wir ‘mal. Die UNO verurteilt Assads und Russlands Kriegsverbrechen. Ergebnislos. Russland lässt sich von den USA nicht abbringen, Bomben zu werfen. Iran unterstützt Assad. Und Saudi-Arabien die Rebellen …

Mohammed: Und der Rest der Welt ist zum Zuschauen verdammt. Aber wenn Türken und Kurden sich einigen… der Irak sich nicht einmischt … der IS besiegt wird….?

 Isaak: Dann wäre ein gordischer Knoten zerhauen. Nur, es fehlt ein Alexander, der die Kraft dazu hätte. Keine Macht der Erde scheint mir dazu fähig ,.. Willig schon, wenn ich an die Europäer oder die USA denke.

Ismael: Bruder, Prophet … kein freundlicher Mensch würde wagen, Euch diese Hoffnung zu nehmen. Eine friedlich gewordene Türkei könnte vielleicht vermitteln. (schüttelt den Kopf). Ach, wir wissen es nicht…

Mohammed: Für meine Hoffnung spricht aber, dass In diesen Monaten viele, auch einander feindliche, Staaten dabei sind, den weltweiten Klimavertag anzuerkennen…

Isaak: Ja, das UN-Klimaschutzabkommen. Es wäre schön, wenn Ihr Recht hättet. Aber ich zweifle, ob alle Staaten es genau so ernst nehmen wie Ihr und die Pioniere des Umweltschutzes.

Mohammed: Wer weiß? Aber dennoch ohne diese Pioniere, die Umweltinitiativen, ich nenn‘ ‘mal ‚Greenpeace‘, wäre es nie zu Verhandlungen, Verträgen über den Schutz der Umwelt gekommen. 

Ismael: Das sehe ich ähnlich, das Klima-Abkommen ist ein Fortschritt. Beim Schutz der Flüchtlinge und der Gesundheit, denkt nur an ‚Ärzte ohne Grenzen‘, gibt es ständige Rückschläge, bombardierte Krankenhäuser…

Mohammed: Dennoch gibt kein ‚french doctor‘ auf. Und die Zahl der Umweltschützer wird eher steigen als fallen. Und so sollten sich auch die Flüchtlingshelfer weltweit in einem Bündnis zusammenschließen. 

Ismael: Wollen werden es viele. Ich bezweifle nur, dass es gelingt. Allein in Deutschland muss es doch zigtausende Gruppen geben.

Isaak: Aber so ist doch auch die Bundesrepublik aufgebaut. Von den Gemeinden hinauf zum Bund. Und ich meine, dass die vier Kurdenstaaten auch solche Bundesrepubliken werden sollten.

Ismael Warum nicht? Damit könnten sie den Kurden so viel Eigenständigkeit geben, dass sie sich nicht von Fremden unterdrückt fühlen.

Isaak Und vielleicht eine Union bilden wie die EU? Was für ein schöner Traum!

Mohammed Isaak, Ihr habt recht. Aber all diese Staaten sind noch zu weit vom Geist der Demokratie entfernt. Ohne Menschenrechte und Freiheit ist ein föderales Gebilde nicht vorstellbar. Dennoch: hoffen wir!

 (Die drei geben sich die Hand und heben die Arme nach oben).