Brühler Aktion 60+
       Zeit für Herzlichkeit

II. Achtsam miteinander umgehen - Die Zwölfjährigen

„Volle Pubertät, nichts als Trotz und Provokation“, stöhnten einer nach dem anderen die Lehrer einer Realschulklasse, der 7 c, in der zweiten Elternversammlung des Jahres. Nach dem vierten Vortrag dieser Art, rief plötzlich eine Mutter dazwischen: „Wie wäre es, wenn Sie es mal mit ‚Liebe’ probieren würden?!“. Die junge Klassenlehrerin, die ihren Kollegen im Sitzen zugehört hatte, hielt es nicht mehr auf ihrem Stuhl. Sie sprang auf: „Bitte, glauben Sie mir, wir mögen unsere Schüler. Wenn wir das eine oder andere beklagen, dann doch gerade, weil sie uns nicht gleichgültig sind.“ Auch die Mutter stand auf, blieb aber ruhig. Sie musste mit so einer Erwiderung gerechnet haben und nickte sogar: „Und ich bitte Sie, mich richtig zu verstehen. Ich wollte niemanden anklagen. Ja. Ich wollte Ihnen einfach vorschlagen, im Unterricht auch über Liebe zu sprechen“ „Aber die haben in Biologie doch schon Sexualkunde gehabt!“, widersprach jetzt ein Vater. Die Mutter schüttelte den Kopf: „Ich bitte um Verständnis, aber Liebe ist nicht dasselbe wie Geschlechtsverkehr und Verhütungsmethoden.“ Die Klassen- und Deutschlehrerin stimmte nun der Mutter freundlich zu: „Danke. Wir haben begriffen, was Sie meinen. Ihr Vorschlag hat viel für sich. Mein Vater war auch Lehrer. Er hört nicht auf, von seinen Sorgen um die Zukunft der Schüler zu reden. Er hält sie für gedankenlos und blind. Was die Zeitungen über Mobbing, Gewalt in den Pausen und auf dem Schulweg berichten, zeigt ihm eindeutig, dass unsere Kinder mehr Achtsamkeit miteinander brauchen.“ Eine kurze Pause entstand. Die Anwesenden hielten den Atem an. Einen derartigen rhetorischen hatten sie noch nicht erlebt. Sie waren neugierig geworden. Und die Lehrerin sprach weiter: „Ich bin auf Ihre Frage nicht vorbereitet, Frau … Keller. Aber in meinem Fach, Deutsch, kann ich mir vorstellen, dass ich Texte über achtsamen Umgang miteinander, Verantwortung und Nächstenliebe behandle. Unter Heranwachsenden, wie unseren Schülern,  und in den Familien.“ Jetzt strahlte die Mutter: „Sie dürfen gern auch das Klima in den Schulen einbeziehen. Hauptsache ist: Wir haben uns verstanden. Sie müssen nicht unbedingt an der Sexualkunde anknüpfen. Vielleicht wäre es besser, Religion und Ethik ins Boot holen?“

Die Lehrer dieser Fächer befanden sich gerade in anderen Klassen, aber die anwesenden Kollegen nickten zustimmend. Und die Eltern auch. So beendete die Lehrer die Sitzung: „Also, ich halte fest und werde ins Protokoll aufnehmen: Sie beauftragen mich, auf die Religions- und Ethiklehrer zuzugehen und mich um eine Zusammenarbeit bei einem Thema zu bemühen, das ich jetzt mal aus dem Stegreif „Verantwortung, Fürsorge und Nächstenliebe“ nenne.“ Die Eltern klopften zustimmend auf die Tische.

***

In der folgenden Woche sprach die Lehrerin mit den beiden Religionskollegen über den Wunsch der Eltern. Und fand Verständnis. Die beiden überboten sich beinahe in ihrem Eifer. Der evangelische hielt aus dem Stand einen Vortrag: „Ja, die Liebe als inneres Band einer Familie! Ein großes Anliegen aller Religionen. Auch in unserem Glauben. Schon seit dem Alten Testament. Denken wir nur an das vierte Gebot. Es ist das das erste und damit vermutlich das wichtigste der sieben, mit denen Jahwe im 2. Buch Mose das Zusammenleben der Menschen geordnet hat. Wenn es dort heißt ‚Du sollst Vater und Mutter ehren, damit es Dir wohl ergehe und Du lange lebest auf Erden’, dann ist das nur auf den ersten Blick ein Appell an die Kinder. Irgendwann werden die einmal selbst Nachkommen haben. Dann dürfen sie Jahwes Gebot nicht vergessen. Es bleibt für sie bestehen.“ Dabei hob der rechten Zeigefinger. „Denn dann müssen sie ihre Kinder so erziehen, dass das liebevolle Klima erhalten bleibt, das sich durch die Ehrfurcht vor der Eltern gebildet hat..“ Er las Zustimmung aus den Mienen seines Kollegen und der Lehrerin und nickte, bevor er weitersprach: „Gottes kluges Gebot gilt ohne Frage nicht nur für die Familien, sondern auch für das Zusammenleben aller Menschen, damit auch der Schüler. Wer einem anderen Achtung entgegen bringt, zeigt dass er sich verantwortlich für das zwischenmenschliche Klima fühlt.“

Sein katholischer Amtsbruder hatte auch den zweiten Teil seiner Ausführung nickend begleitet. Jetzt nutzte er eine Atempause seines Kollegen, um fortzufahren: „Ja, und Jesus hat sich den Menschen genauso liebevoll gezeigt wie Gott selbst zur Zeit Moses, als der das Volk aus der Sklaverei befreite. Das beweist uns die Begegnung der Jünger mit einer Gruppe Kinder, Markus 10. Die Jünger hatten sich belästigt gefühlt und wollten die Kleinen wegscheuchen. Doch ihr Meister merkte das und tadelte sie mit Worten, die uns auch der Evangelist Matthäus überliefert hat: ‚Lasset die Kindlein zu mir kommen, und wehret ihnen nicht, denn Menschen wie ihnen ist das Himmelreich.’ Jesus ging es also nicht nur um die Kleinen, sondern um eine Form des Zusammenlebens, die dem Reich Gottes entsprach.“ Dabei legte er seine rechte Hand auf die Schulter seines Kollegen: „Entscheidend ist der Geist. Die Eltern dürfen und müssen Gehorsam erwarten, und die Kleinen haben Anspruch auf Liebe.“ „Der Eltern und Gottes“, fügte er noch schnell an, denn sein evangelischer Amtsbruder trippelte bei dieser Kurzpredigt schon mit den Füßen. Ihm schien plötzlich ein Gedanke gekommen zu sein: „Was hältst Du davon, wenn wir das Thema ‚Verantwortung und Nächstenliebe’ zum Thema unseres Jahresschlussgottesdienstes machen? Dann könnten wir der 7 c anbieten, die Feier mitzugestalten. Und Sie, Frau Kollegin, wie denken Sie darüber?“

Das unerwartete Angebot weckte spontan Begeisterung. Die Klassenlehrerin strahlte: „Ein tolles Projekt. Vielen Dank für das Angebot. Ich werde die Schüler dafür gewinnen. Die Eltern haben es ja schon abgesegnet. Der Rest wird klappen.“  

***

Nun galt es, die Deutsch-Fachkonferenz für das Anliegen zu gewinnen. Da sie wie immer nachmittags stattfand, fuhr Gertrud am Vorabend zu ihren Eltern, Familie Tremmel, und bat sie, den kleinen Klaus von der Kita abzuholen und ihr erst gegen fünf zu bringen. „Worum geht es“, wollte der Vater wissen. „Das würde Dir auch Freude machen“, meinte Gertrud und schilderte zufrieden mit sich, dass sie auf Vorschlag einer Mutter über Liebe unterrichten würde. Dem sollte eine Fachkonferenz am folgenden Tag zustimmen. „Ich gratuliere Dir, Du hast Recht, ich freue mich für Dich“, bestätigte ihr Vater, „‚Liebe’ ist das größte Thema, das es gibt. Sie darf nicht nur mich, den früheren Ethiklehrer, bewegen. Sie geht alle Menschen an. Ich denke, sie bestand schon am Anfang der Schöpfung. Als Ausgangspunkt und Ziel, denn alles bewegt sich zu ihr hin. Die Insekten, die zusammenarbeitende Völker gründen, die Fische und Vögel, die ihren Nachwuchs betreuen, und am deutlichsten wir, die Säugetiere. Wir haben uns von der Fürsorge hin zum Mitgefühl bei den Primaten und dann zur Nächstenliebe von uns Menschen entwickelt. Und wer weiß, was noch alles kommt!“ Gertrud schüttelte den Kopf: „Papa, was für ein Optimismus! Hast Du Deine Klagen vergessen? Du wiederholst doch ständig, dass es heute drei Mal mehr Scheidungen gibt als vor 50 Jahren, und dass bald alle Ehen scheitern werden, wenn es so weiter geht?“ Ihr Vater nickte: „Kind, was Dir widersprüchlich erscheint, sind zwei Seiten meines Engagements. Sie ergänzen sich übrigens. Auf der einen will ich die Menschen wachrütteln und ihnen die Schäden zeigen, die sie mit den Scheidungen anrichten, bei den Kindern und den Eltern. Auf der anderen unterstütze ich jede Initiative, die den Menschen bewusst macht, wie wichtig die Liebe ist.“ Die Tochter umarmte ihren Vater: „Dann bin ich ja voll auf Deiner Spur!“

***

So gestärkt, trug Gertrud am nächsten Tag den Kollegen ihr Anliegen vor. Das Ergebnis freilich war niederschmetternd. Sie erhielt nicht die geringste Unterstützung, stieß nicht einmal auf Verständnis. Alles, was sie zu hören bekam, war beißender Spott, mit dem die Germanisten sie fast kübelweise übergossen:

„    -     Wir sind doch nicht der Reparaturbetrieb für unfähige Eltern …

-Ach diese Mutter will… die will doch nur Eiapopeia und Heile-Welt-Romantik. …

-Für dieses Thema wirst Du in der ernstzunehmenden Literatur nicht den kleinsten Ansatz finden …

-Die Schüler sind in der Pubertät. Das ist ein kritisches Alter. Wenn Du denen etwas über Liebe in der Familie und der Gesellschaft erzählst, zeigen sie Dir den Vogel … 

-Sag mal, in welcher Zeit leben wir? Das klingt doch nach dem Mief der Ära Adenauer. Das ist so was von mega-out! …

-Was stellst Du Dir vor? Wir verticken doch keine Groschenromane. Wir setzen uns mit Problemen auseinander. Unsere Aufgabe ist, wachzurütteln und Missstände aufzuzeigen…“

Beschämt und ganz kleinlaut hob die Lehrerin nach zwei Minuten den Arm als Zeichen der Aufgabe: „Gut, gut! Bitte, hört auf. Ihr veranstaltet ja eine richtige Hexenjagd. Wollt Ihr mich auch noch verbrennen? Ich verspreche Euch, ich werde nie mehr auf diesen Plan zurückkommen.“

***

Niedergedrückt kam Gertrud heim. Als ihr Vater wenig später mit seinem Enkel die Wohnung betrat, fragte er forschend: „Wie geht’s Dir? Da stimmt doch etwas nicht!“ Gertrud ließ sich nicht bitten und beschrieb den Konflikt, in dem sie steckte: Der Wunsch der Eltern, den die Religionslehrern unterstützten, ist von den Deutschkollegen zerrissen worden.“

Der Vater nickte und lobte noch einmal die Mutter, die das Thema ‚Liebe’ vorgeschlagen hatte: „Das musst Du auf jeden Fall machen. Eltern, die ihre Kinder sorgfältig erziehen, verdienen Unterstützung.“ „Und meine Kollegen, die sich beschweren, die Schule würde zum Reparaturbetrieb der Gesellschaft? Was mach’ ich mit denen?“, fragte die Tochter. „Ach“, der Vater schüttelte den Kopf, „repariert und ausgebügelt haben wir Lehrer doch immer. Nur, das ist noch nie so schwer gefallen wie heute. Aber ohne unser ständiges Engagement geht es nicht. Da beißt keine Maus einen Faden ab. Ich erlebe es doch bei den Ethik-Kursen, zu denen ich von früheren Kollegen eingeladen werde. Vielen Lehrern gelingt es nicht, ein liebevolles Klima zu schaffen. Wir dürfen aber nichts schleifen lassen. Denn, wer kriegt den Schwarzen Peter, wenn wir scheitern?“ Gertrud begriff: „Die Polizei, die Gerichte...“ „Du ahnst vielleicht nicht, wie recht Du hast“, nickte ihr Vater, „ich vermute, Du denkst an Straftaten. Aber die Moral unserer Gesellschaft zerbröselt wegen der Scheidungen, die beinahe jede zweite Ehe zerstören. Du erinnerst Dich, ich nenne sie Schadungen. Sie vergiften das Klima.“

„Und wir Lehrer sollen das ändern?“, wandte Gertrud ein, „wie denn?“ Ihr Vater lächelte: „Seien wir nicht unzufrieden. Wer mit der Reparatur beauftragt wird, hat noch das Vertrauen der Kunden. Indirekt hast Du aber Recht. Wir können nur wenig bewirken. Das ist jedoch kein Grund, nichts zu tun. Wir müssen alles einsetzen, worüber wir verfügen. Unseren Ver-stand, unseren Charme, unser Charisma und die dienstliche Autorität – alles mit dem doppelten Ziel“, er zählte mit dem Daumen und dem Zeigefinger seiner rechten Hand mit, „unsere Schüler zu bilden und zu erziehen. Und für mich heißt das, sie für ein achtsames Umgehen miteinander zu gewinnen. Sicher, Jungen prügeln sich, und Mädchen zicken. Aber den unverbesserlichen Streithähnen von heute fällt morgen vielleicht ein, was wir heute gesagt haben: Nicht allein, dass sie aufhören, sondern, auch dass sie einander mit Achtung begegnen sollen. Nur so kann Liebe wachsen. Und wenn jetzt eine Mutter gekommen ist und Dich gebeten hat, Liebe im Unterricht zu behandeln, dann freu Dich darüber. Zieh’ es durch!“

***

Derart gestärkt, empfing Gertrud am Abend fast fröhlich ihren Mann Hans-Peter. Der fragte auch gleich nach dem Grund ihrer guten Laune. Sie antwortete: „Eigentlich hab’ ich ein Problem, aber ich traue mir zu, es zu lösen. Ich weiß nur noch nicht, wie. Auf jeden Fall findet Papa, ich soll am Ball bleiben.“ Dann schilderte sie den Vorfall. Hans-Peter riet ihr, die Argumente ihrer Kollegen zu notieren. Dann könne man sie widerlegen. Das tat sie noch am gleichen Abend, und ihr fiel auf, dass eine ältere Kollegin, Frau Schäfer, sich nicht am Niedermachen ihres Projekts beteiligt hatte. Zwei Tage später fand sie eine Gelegenheit, mit ihr allein zu sprechen. Sie bedankte sich für die Schonung, doch die Ältere lächelte nur und legte die Hand auf ihren Arm: „Gertrud, Kindchen, Sie haben doch Recht! Aber Sie müssen auch unsere Kollegen verstehen.“ „Ja, Frau Schäfer, das hat mein Vater mir auch geraten?“, antwortete Gertrud. „Ich ahne es. Der frühere Ethiklehrer. Der heute noch Kurse gibt. Und was hat er gemeint?“ „Das Projekt durchziehen“, war die knappe Antwort. „Und wie sollen Sie vorgehen…nach Ansicht Ihres Vaters?“ Gertrud nickte: „Er meinte, wir sollten nicht müde werden, uns um einen achtungsvollen Umgang miteinander zu bemühen.“ „Wie Recht er nur hat!“, die Kollegin legte wie zum Klatschen ihre Hände zusammen. „Aber unsere Germanisten leben in einer anderen Welt. Sie sehen sich als Aufklärer. Sie wollen Schwachstellen zeigen und das Weitere anderen überlassen.“ „Und wem?“, ereiferte sich Gertrud, „auf die Wunden bloß zu zeigen, reicht doch nicht, wir müssen sie heilen.“ Sie atmete heftig, schwieg einen Augenblick, dann hatte sie sich gefasst: „ Niemand darf mich hindern, Achtsamkeit miteinander zu fördern. Unsere Kinder werden alle vor den Gerichten landen! Davor warnt auch mein Ethik-Vater!“ „Bitte?“, die Ältere schüttelte den Kopf, so hoch ist doch die Kriminalität nicht.“ „Entschuldigung“, bat Gertrud, „er meinte die Scheidungsrichter. Fast jede 2. Ehe wird geschieden.“ Jetzt ließ die Kollegin den Kopf hängen: „Ich bin auch geschieden. Das durchzustehen, war schon Strafe genug, und bis heute bin ich nicht darüber weg gekommen.“ „Verzeihen Sie, ich wollte sie nicht verletzen. Mein Vater verurteilt niemanden, und ich als junges Ding noch weniger. Aber wie ich ihn verstanden habe, ruft er alle Mitdenkenden auf, die Jugend so zu erziehen, dass sie“, Gertrud suchte ein Wort, „ganz einfach, dass sie achtsam miteinander umgeht.“

***

„Ja, das Ziel teile ich“, Frau Schäfer stimmte zu. „Aber wie verbinden wir es mit unserem Fach Deutsch“, fragte Gertrud. „Da müsste es doch Beispiele in der Literatur geben. Warten Sie mal…“ Gertrud unterbrach sie: „Seit der Elternkonferenz denke ich darüber nach. In den Romanen und den Theaterstücken finde ich zwar sensible Menschen. Sie reiten sich aber alle ins Elend.“ Sie zählte auf, „ Karl Moor, Michael Kohlhaas, Anton Reiser, der Zögling Törleß oder Hans Giebenrath.“ „Sachte, sachte“, wehrte Frau Schäfer lächelnd ab, „es gibt auch gelungene Gestalten, Goethes Wilhelm Meister, der Grüne Heinrich und selbst der „Taugenichts“ haben sich mit ihrer Welt versöhnt.“ Sie machte eine Pause, bevor sie weitersprach: „Aber irgendwo haben Sie Recht. Wirklich erfreuliche Menschen und gelungene Beziehungen fallen mir auf Anhieb nicht ein … Nein, halt“, rief sie aus, „es gibt sie. In der Dichtung. In den Balladen. Die habe ich in Schule gelernt. a finden sich nicht nur Klagen über Tote und Missstände, sondern auch Menschen, die bedrohliche Situationen gemeistert haben“ 

Gertrud schüttelte den Kopf: „Davon verstehe ich zu wenig. Balladen haben wir in der Schule nie, und auf der Uni nur am Rande behandelt. Als Beispiele für die Dichtung der Romantik. Halt!“, fügte sie noch an, „irgendwie habe ich mitbekommen, dass es in der Pop-Musik auch Balladen gibt. Aber die meinen Sie nicht.“ Frau Schäfer antwortete mit einer Liebeserklärung: „Oh, als Schülerin habe ich mit großer Freude Balladen von Goethe, Schiller, Fontane und anderen gelernt. Die ‚Brücke am Tay’ kann ich heute noch auswendig.“ Diese Begeisterung wirkte ansteckend: „Dann machen wir uns mal auf die Suche!“, stimmte Gertrud zu. Und so nahmen sich die beiden Frauen vor, eine Auswahl zu erstellen.. „Unser Ziel“, definierte Gertrud, „ist, Gedichte zu sammeln, in denen sich die Liebe der Eltern mit ihrer Verantwortung für das Leben der Kinder verbindet.“ „Wir sollten auch den Hintergrund bedenken“, ergänzte die ältere, „die Rahmenerzählungen sollten möglichst verschieden sein. Denn wenn die Kinder einen Gottesdienst mitgestalten sollen, brauchen sie vom Inhalt her unterschiedliche Anregungen.“ „Und die Besucher dürfen sich auch nicht langweilen. Überlegen wir mal!“, kam die Jüngere auf das Ziel zurück. Die Ältere bremste: „Müssen wir jetzt gleich alles entscheiden? Wir haben noch fast ein halbes Jahr Zeit. Ich verspreche Ihnen, nach den Osterferien bringe ich vier Vorschläge, die für eine 7. Klasse passen. Mit unterschiedlichen Themen.“

***

Zwei Monate später trafen sich die beiden Frauen an einem Freitag nach Unterrichtsende im Lehrerzimmer. Strahlend, als sei sie glücklich über ihr Werk, überreichte die Ältere ein Blatt mit ihrem Vorschlag. Ganz oben stand der 1782 erschienene „Erlkönig“ Johann Wolfgang von Goethes. Es folgte die Episode „Feuer“, die Verse 155 bis 226, aus Friedrich Schillers „Glocke“, (1799), dann Theodor Fontanes „Brücke am Tay“ (1879) und abschließend „Nis Randers“ von Otto Ernst (1901). Gertrud reagierte spontan „Danke! Danke! Genial!“. Nach einer kleinen Pause bestätigte sie. „Wie schön! Ja, da steckt alles drin. Ein wunderbarer Vorschlag.“. Doch dann hielt sie ein, wiegte ein wenig den Kopf: „Mir gefällt es, aber meinen Sie wirklich, dass die Schüler das gerne lesen und vielleicht auch lernen?“ Ihre Kollegin lächelte gelassen: „Sicher ist man nie. Wenn Sie die Rahmenhandlungen aber packend darstellen und zeigen, dass das was passiert, heute noch vorkommt, dann müssten Ihre Kinder anbeißen. In  der Tat, ich sehe die Geschichten vor mir, sie sind wirklich aktuell!“ Gertrud zögerte: „Hm, ein Reiter, ein Brand, eine schlecht gebaute Brücke und ein Segelschiff … Erleben unsere Kinder noch so etwas?“, fragte sie. Wieder lächelte ihre Kollegin: „Aber sehen Sie doch: Der Reiter ist ein Vater, dessen Kind stirbt, weil es sich mit einer unbekannten, unheimlichen Krankheit angesteckt hat. So als wäre es heute in einem Krankenhaus von resistenten Bakterien oder einem tropischen Fieber infiziert worden oder an Krebs erkrankt! Dann das Feuer: Da habe ich das World Trade Center, die irakischen Städte und den Bürgerkrieg in Syrien vor mir gesehen. Und beinahe täglich gibt es Unglücke auf den Straßen mit Bussen, die gerammt werden oder einen Abhang hinabstürzen wie der Zug am Tay. An das Bahnunglück in Eschede mit 100 Toten erinnern Sie sich vielleicht auch noch … Ja, und schließlich Nis Randers: Er rettet gegen den Willen seiner Mutter unter Lebensgefahr ein Unfall-Opfer, das sein eigener vermisster Bruder ist! Fraglos: Wir sind auf Mut und Mitmenschlichkeit angewiesen… und werden belohnt dafür!“

Erneut fühlte sich die junge Lehrerin gestärkt und für ihr Projekt motiviert. Von Herzen bedankte sie sich für den „Motivationsschub“, wollte aber noch ein Anliegen loswerden: „Liebe Frau Schäfer, Sie sind so gut zu mir, beinahe so wie der Hirte im Psalm. Ich fühle mich Ihnen so nah. Und wir sagen noch ‚Sie’ zueinander.“ Die Ältere begriff: „Ja, Gertrud, ich finde Sie auch sympathisch und im Augenblick wirklich sehr höflich. Sie schlagen mir vor, Ihnen das ‚Du’ anzubieten und machen es nicht einfach. Darauf gehe ich gern ein: „Ich heiße Elisabeth, und Sie, nein ‚Du bist Gertrud.“ Sie umarmten sich. Gertrud musste tief seufzen, während Elisabeth schon an die Zukunft dachte: „So, und jetzt kommen Sie, nein, jetzt kommst Du dran. Mach was aus den Balladen! Ich freu’ mich jetzt schon auf den Schlussgottesdienst.

***

Für diese Feier aber war die Fachschaft Religion zuständig, das hieß, zunächst ihre Sprecher, die beiden Theologen. Sie mussten also einbezogen bleiben. Einerseits waren sie verantwortlich, andererseits durfte die Lehrerin von ihnen Ratschläge aus dem Schatz ihrer Erfahrungen erwarten. Und auf die wollte sie mit dem für sie völlig neuen Projekt nicht verzichten.

Man traf sich also an einem Freitag nach Unterrichtsschluss. Gertrud hatte vier Seiten ausgearbeitet mit den Namen, Lebensdaten der Dichter, den Entstehungsdaten, Titeln der Balladen. Außerdem hatte sie Passagen zusammengestellt, die sie auf „Liebe und Verantwortung“ bezogen und noch kurze Zusammenfassungen angefügt.

Als die beiden das durchsahen, wirkten sie fast beleidigt. Besonders der evangelische Kollege: „Wir sind doch keine Botokuden! Wir haben großes Graecum! Goethe, Schiller und Fontane haben wir in der 8. Klasse gelernt, einer bei uns sogar den „Nis Randers“, um eine gute Deutschnote zu kriegen.“ Gertrud verteidigte sich: „Die vier Seiten sind vor allem für die Schüler gedacht, nicht in erster Linie für Sie. Vielleicht brauchen wir sie im Gottesdienst. Ja, und dann sind wir alle dafür verantwortlich, dass unsere Schüler keine ‚Botokuden’ werden.“ „Entschuldigen Sie meinen Spott. Mea culpa“, der evangelische klopfte sich an die Brust, und lud den katholischen ein: „Schauen wir’s und mal an“.




 

„Erlkönig“ (1782) – der unerklärliche Tod

In der Ballade Johann Wolfgang von Goethes (1749 – 1832) reitet ein Vater nach Hause, mit seinem kleinen. offenkundig schwer kranken und von Ängsten geschüttelten Sohn in den Armen. Es kommt zu einem Hin und Her:

„Mein Sohn, was birgst Du so bang Dein Gesicht?

und bekommt zur Antwort:

„Siehst Vater du Den Erlkönig nicht?

den Erlenkönig, mit Thron und Schweif!“

Der Vater hofft, er könne den Kleinen mit einer natürlichen Erklärung beruhigen:

„Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.“

So wechseln sich ängstliches Wimmern und beruhigende Worte ab.

„Mein Sohn, mein Sohn, ich seh’ es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau.“

Am Ende jedoch verliert der Vater den Wettlauf um das Leben seines Sohnes

Dem Vater grauset’s; er reitet geschwind,
Er hält in Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen, das Kind war tot.

Der ‚Erlkönig’ ist eine märchenhafte, Angst auslösende Gestalt, die er den schwerkranken Sohn mit Fieberträumen peinigt, die schließlich zu seinem Tod führen. Der Vater begreift diese Phantasien nicht und findet kein Mittel, sein Kind zu beruhigen und sein Leben zu retten. Sein Tod bleibt für ihn unbegreiflich. So wie es heute Familien schwer fällt, den Verlust eines Angehörigen hinzunehmen, dessen Krankheit sie nicht verstehen. 

2) „Die Glocke“ (1799) - Feuer, Gewalt, Revolutionen

Friedrich Schiller (1759-1805) malt in den Versen 155 – 226 dieser gewaltigen Ballade das Bild eines fürchterlichen Brands. Eine ganze Stadt wird in Schutt und Asche gelegt Solche Erfahrungen hat auch die Kriegsgeneration über ganz Deutschland hinweg gemacht. In Schillers Zeit gab aber weder Flugzeuge noch Sprengbomben. Als Verursacher der Brände bezeichnet Schiller Elemente, denen er Gefühle unterstellt, 

Denn die Elemente hassen
Das Gebild der Menschenhand.

Wollen wir das hinnehmen. Es waren doch eher die Menschen, die in ihren Fachwerkhäusern mit Holzbalken auf offenen Feuerstellen kochten und damit selbst die Gefahrenquellen schufen! Die Natur nämlich ist nicht eindeutig gut oder schlecht. Das sagt der Dichter auch in den folgenden Versen:

Aus der Wolke
Quillt der Segen,
Strömt der Regen,
Aus der Wolke, ohne Wahl,
Zuckt der Strahl!

Die große Zerstörung wird also durch den Blitzschlag eines Gewitters auslöst. 


Hört ihr's wimmern hoch vom Turm?
Das ist Sturm!
Rot wie Blut
Ist der Himmel,
Das ist nicht des Tages Glut!
Welch Getümmel
Straßen auf!
Dampf wallt auf!
Flackernd steigt die Feuersäule,
Durch der Straße

lange Zeile
Wächst es fort mit Windeseile…


In den engen Gassen und dem rasch sich ausbreitenden Feuer kamen unweigerlich viele um. Eine Familie wird verschont, und voll Freude stellt der Vater fest, dass sie gerettet wurde.

Ein süßer Trost ist ihm geblieben.

Er zählt die Häupter seiner Lieben,

Und sieh, ihm fehlt kein teures Haupt.

Feuersbrünste, die einst regelmäßig die Städte heimsuchten, sind selten geworden. Die vernichtende Gewalt von Katastrophen erleben wir heute vor allem in Fernsehreportagen über Kriege, Bürgerkriege und Selbstmordattentate, die viele Menschen in den Tod reißen, wie etwa der Angriff auf das World Trade Center in New York, am 11. September 2001.


3) Die Brücke am Tay“ (1880) – Katastrophen

1879 wurde über einen schottischen Meeresarm, den Firth-of-Tay, eine eiserne Brücke fertig gestellt. Sie brach am 28.12. desselben Jahres zusammen, gerade als ein Personenzug sie überquerte. Niemand überlebte. Von diesem Unglück beeindruckt, verfasste Theodor Fontane (1819-1898) wenig später ein Gedicht, in dem er die Macht der Naturgewaltenfür die Katastrophe verantwortlich machte. – und nicht etwa die Unfähigkeit von Ingenieuren. Er ließ

drei Wind-Hexen den Einsturz herbeiführen und über die Werke der Menschen spotten:

„Tand, Rand, Tand,

ist das Gebilde von Menschenhand.“

Die drei Gestalten scheinen allmächtig. Den Brückenwärtern, zugleich Eltern des Lokomotivführers, blieb während des Unwetters nur die Hoffnung, es würde keinen Schaden anrichten. Angstvoll schauten sie nach Süden, von wo Sohn und Zug kommen mussten:

 „und die Brücknersleut' ohne Rast und Ruh
und mit Bangen sehen nach Süden zu,

sehen und warten, ob nicht ein Licht

übers Wasser hin „Ich komme“ spricht.“

Dann die scheinbare Erlösung:

„Der Brückner jetzt: Ich seh’ einen Schein

Am anderen Ufer das muss er sein.

Nun Mutter weg mit dem bangen Traum,

Der will heuer zwei Mal mit uns sei.“

Doch die Katastrophe naht. Wenige Minuten erleben Mutter und Vater, dass sich ihre Ängste bestätigen: 


“Denn wütender wurde der Winde Spiel,
und jetzt, als ob Feuer vom Himmel fiel,
erglüht es in niederschießender Pracht
überm Wasser unten... Und wieder ist Nacht.“

So schnell bricht eine Brücke zusammen, stürzt ein Zug in die Tiere, verlieren Hunderte von Menschen ihr Leben.

Fontane stellte die Naturgewalten als planvoll agierende magische Wesen dar. Menschen können sie nicht begreifen und ihnen noch weniger Einhalt gebieten. 

Heute, über hundert Jahre nach Fontanes Tod, hat sich diese Lage nur ansatzweise verändert. Man weiß zwar, wie zerstörerische Stürme – Hurrikane, Windhosen, Taifune, Monsune oder Blizzards – oder auch Erdbeben entstehen. Doch sie zu verhindern, ist nicht möglich. Die Menschen können sich allenfalls schützen, wenn auch unvollkommen. Den großen Stürmen und den Erdbeben sind sie ähnlich hilflos ausgeliefert wie zur Zeit Fontanes.                      Derzeit jedoch entdecken sie, wie ihr eigenes Verhalten die Atmosphäre aufheizt und dazu führt, dass Unwetter häufiger werden und stärker ausfallen. Betroffen werden vor allem Länder der dritten Welt, die unter dem Klimawandel schwerer leiden als die Industriestaaten, die Hauptschuldigen an dieser Entwicklung.

4) „Nis Randers“ (1901) – Belohnte Verantwortung

Otto Ernst (1862-1925) stellt als Titelhelden seiner Ballade einen Seemann dar, der für die Rettung von Schiffbrüchigen verantwortlich ist oder sich fühlt. Mit Nachbarn zusammen hat er gerade mehrere Matrosen aus dem Wrack eines gestrandeten Segelschiffs an Land gebracht, als er entdeckt:

„… Da hängt noch ein Mann im Mast;
Wir müssen ihn holen."

Seine Mutter widersetzt sich. Sie hat bereits ihren Mann und einen ersten Sohn verloren. Ein zweiter, Uwe, ist seit drei Jahren verschollen. Nun will sie nicht, dass der dritte, Nis, sein Leben aufs Spiel setzt:

Da fasst ihn die Mutter: "Du steigst mir nicht ein!
Dich will ich behalten, du bliebst mir allein,
Ich will's, deine Mutter!

Doch Nis weist auf das Wrack und den im Mast hängenden Matrosen:

„Und seine Mutter?“

Dann rudert er los, erreicht das sinkende Schiff und rettet den letzten Mann. Es ist sein ver-

misster Bruder Uwe. Den Menschen am Ufer ruft er zu

„Sagt Mutter, s’ist Uwe“

Die hochdramatische Geschichte endet doppelt glücklich: Nis und seine Kameraden überstehen ihren gefährlichen Einsatz, und der vermisste Bruder Uwe wird wiedergefunden. Doch nicht alle Unfälle enden so glimpflich. Auf See geht die Zahl der Schiffbrüchigen zwar zurück, seitdem es Dampfschiffe gibt, aber Unfalltote gibt es nach wie vor in großer Zahl. 2011 wurden allein in Deutschland über 20.000 gezählt, davon 4.000 im Straßenverkehr, Unfälle am Arbeitsplatz forderten über 1.000 Opfer. Die Ursachen ähneln sich: Missachtete Verkehrsvorschriften oder nicht eingehaltene Auflagen zur Sicherheit und zum Schutz der Beschäftigten. Was für die Industriestaaten zutrifft, gilt noch mehr für die Dritte Welt. Dort ereignen sich immer wieder grauenhafte Verkehrs- und Arbeitsunfälle. Bei Bränden in Textilwerken, beim Einsturz baufälliger Fabriken sterben Hunderte von Menschen. Nach jeder dieser Katastrophen von mangelnder Sicherheit, die in den Augen eines Europäers einer Geringschätzung des Lebens der obendrein schlecht bezahlten zum Ausdruck bringt. Verantwortlich sind zunächst die Fabrikbesitzer. Indirekt aber auch ihre Kunden, unter anderen die deutschen Kaufhausketten und mit ihnen die deutschen Verbraucher, die vor allem an niedrigen Preisen interessiert sind. Sie lehnen es ab, sichere Arbeitsplätze und auskömmliche Löhne für die Menschen in der Dritten Welt durchzusetzen, was möglich wäre und in den Industriestaaten selbstverständlich ist. Im Gegensatz zu Nis Randers, verschließen sie ihre Augen und hoffen, dass der Skandal bald vergessen wird und die Preise niedrig bleiben. Niemand will sehen, was ihm die Medien zeigen. Er müsste schämen, weil er vor sich selbst unglaubwürdig ist. 

*****

Paul Gerhardt, Nun ruhen alle Wälder – die Liebe Gottes

Die Religionskollegen kannten zwar die Balladen, dennoch brauchten sie eine Viertelstunde, um alles kritisch durchzulesen und sich mit den Aktualisierungen vertraut zu machen. Dann aber stimmten sie begeistert zu. Der evangelische wieder zuerst: „Ja, das wird durchgehen. Ihre Themen brennen uns wirklich auf den Nägeln, und sie passen auch zum Ziel, den Sinn für Liebe und Verantwortung zu wecken.“ Sein katholischer Amtsbruder schloss sich an: „Ich sehe drei Ebenen - die Liebe der Eltern, das Zusammengehörigkeitsgefühl der Familien und die weltweite Verantwortung aller für alles, was ihnen bekannt ist. Ich denke, dass nicht nur die 7c, sondern alle Schüler zustimmen … soweit sie aufpassen“, er verzog ein wenig den Mund, „die Lehrer und Eltern werden jedenfalls überrascht sein.“ Noch einmal meldete sich der evangelische zu Wort: „Darf ich anfügen, dass Ihre Kommentare zu den Balladen, denen ich übrigens voll zustimme, eine Schlagseite hin zur Politik haben. Gott kommt darin nicht vor. Das ist uns aber im Gottesdienst wichtig.“ Er blickte in die etwas verdutzten Augen der Lehrerin und lächelte: „Nun will ich an Ihren Texten nichts ändern, vielmehr will ich nach interner Rücksprache“, er verwies mit geöffneter Hand auf seinen Kollegen, „eine Ergänzung vorschlagen, nämlich die achte Strophe des vielleicht berühmtesten Liedes unseres großen Paul Gerhardt. Auch sie verbindet Gefahr mit Rettung:

„Breit aus die Flügel beide,
o Jesu, meine Freude,
und nimm dein Küchlein ein!
Will Satan mich verschlingen,
so lass die Englein singen:
Dies Kind soll unverletzet sein.“

Nehmen Sie bitte diese Strophe noch auf“, schloss er. „Dem habe ich mich jedoch noch nicht voll angeschlossen“, erklärte sein Amtsbruder. Es bleibt noch mein Einwand, den ich immer wieder vortrage: „Dürfen wir wirklich über den Teufel sprechen. Das habe ich noch in keinem Gottesdienst getan. Ihn jetzt einzubeziehen, erscheint mir problematisch.“ 

Sein evangelischer Kollege wandte sich ihm nun direkt zu: „Lieber Bruder im Herrn. Ich ver-stehe Dich. Das Wort ‚Satan’ weckt in uns Schreckensszenen wie von Hieronymus Bosch, die nicht mehr in unsere Theologie passen. Wir sehen heute in ‚Teufel’ und ‚Hölle’ Bilder, die für das Böse allgemeinen für und böses Handeln eines jeden von uns stehen. Ich schlage vor, dass wir im Unterricht die beiden Begriffe nicht kommentieren.“ „Und wenn ein Schüler danach fragt?“, bohrte der Katholik.  „Ach, mir wird schon ‚was einfallen… Nein, wir machen’s anders: Wir verweisen auf böse Märchengestalten, den ‚Erlkönig’ oder die drei Hexen Fontanes. Sie sind finstere, den Menschen feindliche Kräfte, so wie der Satan bei Paul Gerhardt. Sie be-drohen unser Leben, und ängstigen uns.“ „Einverstanden“, nicke nun sein Partner, „aber eigentlich wollte ich mit Euch nicht über meinen Einwand sprechen, sondern erklären, warum ich nicht sofort der Strophe Pauls Gerhardts zugestimmt habe. Sie hat als eine Art Offenbarung mein Leben geprägt. Als ich mein erstes Kind zum ersten Mal sah, lag es winzig und schutzlos vor mir. Da gingen mir diese Verse durch den Kopf. Ähnliche Gedanken müssten sich in allen Menschen bilden. Sie geben einen Auftrag wieder, den wir nie vergessen sollten, … sagen wir, nicht vergessen dürfen. Der Vers bereichert das Leben aller Eltern … und das ihrer Kinder.“ „Amen“, der evangelische Theologe legte nun seinem Mitbruder die Hand auf die Schulter, „So sei es.“

 Jetzt aber zur Organisation. Wir haben die 7c und die 7 d in zwei parallelen Stunden, nur konfessionell getrennt. Mir erscheint es sinnvoll, in den letzten vier Wochen vor Schuljahresende die noch verbleibende Zeit zu nutzen, um beiden Klassen konfessionsübergreifend – ökumenisch Paul Gerhardt, seine Zeit und den Hintergrund, das heißt den 30-jährige Krieg, und die achte Strophe des Liedes näher zu bringen.“

So einigten sich schließlich die beiden Religionslehrer, in zweien ihrer Stunden die 7 c und d zusammenzufassen, um in Gruppen und am Ende in einem Plenum „unsere eigenen“ Fürbitten zu formulieren. „Das müsste gehen, da unsere junge Kollegin bis dahin die Balladen durchgenommen hat“, meinten sie. Nach diesem Beschluss stand Gertrud auf, um sich zu verabschieden, doch ihre Kollegen blieben sitzen: „Und die Musik? Im Schlussgottesdienst singen wir doch auch. Haben Sie nicht ein Lied als Vorschlag?“ Daran hatte Gertrud nicht gedacht. Sie erschrak.

„Nur gemach“, winkte der evangelische Theologe beruhigend ab, „Sie haben doch selbst von  Pop-Balladen gesprochen. Einer unserer Musiklehrer, der gelegentlich auch schon in Gottesdiensten die Orgel gespielt hat, gibt auch Ethik, ich denke sogar in Ihrer Klasse.“ „Ja, richtig“, Gertrud war erleichtert, „er war sogar beim Elternabend dabei und hat dem Vorschlag der Mutter zugestimmt. Der wird mir bestimmt helfen.“ „Uns helfen“, lächelte der katholische Kollege. „Entschuldigung“, Gertrud errötete. Dann fiel ihr noch ein, „Wenn es möglich ist, würde ich gerne zu Ihrer Paul-Gerhardt-Stunde kommen. Ich will mitkriegen, wie mein Volk tickt, wenn es um Religion geht.“

Erwartungsvoll trennte man sich.

Nach den Osterferien sprach Gertrud mit dem Musiklehrer ihrer Klasse. Als er hörte, worum es ging, und welche Kollegen schon „mit im Boot“ waren, stimmte er beeindruckt zu, die Songs auf ihre Eignung für einen Vortrag in einem Gottesdienst zu überprüfen. Schon eine Woche wartete er im Lehrerzimmer auf die Klassenlehrerin. Die Melodien seien eingängig und gut vermittelbar, er sei auch bereit, sie im Unterricht zu behandeln und die Melodien zu bearbeiten, damit Besucher des Gottesdienstes sie singen könnten. Einen Einwand habe er, sprachlicher Art. Nach seiner Meinung würden die englischen Texte eine Siebte überfordern. „Dann würdest Du raten, auf die Songs zu verzichten? Schade. Damit würde unser Projekt einen großen Teil seines Reizes verlieren.“ Gertrud war enttäuscht. „Ja, so ist es“, bestätigte der Lehrer, „aber ich hab’ eine Lösung für Dich, meine 9 b. Die ist gut in Englisch, mag Songs, und wir singen sie auch gern im Unterricht. Soll ich sie fragen? In Musik passt das ganz gut ins Jahresprogramm.“ „Das ist ja prima!“. Gertrud war erleichtert und schlug gleich noch vor: „Vielleicht passen ein oder zwei der Songs auch in den Abschlussgottesdienst, wenn Du die Melodien ohnehin schon bearbeitet hast. Aber darüber entscheiden unsere Religionssprecher.“ „Vielleicht? Schau mer mal. Tschüss.“ Der Musiker verabschiedete sich.

Mai und Juni rasten mit all den Klassenarbeiten, Ausflügen, Konzerten und Sportfesten gerade so an der jungen Lehrerin vorbei. Als sie Anfang Juli auf ihren Kalender blickte, erschrak sie: „Was? Nur noch drei Wochen bis zum Jahresschlussgottesdienst!“. Als sie mit der Rückgabe der letzten Deutscharbeit ihre Schüler auf die knappe Zeit hinwies, reagierten die gelassen: „Ja, ja, in Religion haben wir schon darüber gesprochen…Die Strophe von Paul Gerhardt kennen wir sogar schon…Der Musiklehrer hat uns auch die Songs schon so vorgespielt. Wir können sie singen.“ Gertrud verzog die Miene „Ich wollte doch dabei sein“, „Ach nein, wir haben gesagt, man soll sie schonen“, erklärte der Klassensprecher. Sie winkte ab und diktierte den Schülern einen Elternbrief in die Ordner, mit der Bitte um Unterschrift. Möglichst viele sollten kommen. Das Thema entsprang ja einem Beschluss der Klassenkonferenz.  

In der ersten Juliwoche las sie ihre vier Balladen mit der Klasse. Wie ihr schien, machten ihre Schüler überraschend gut mit. Selbst wenn zwei der vier Katastrophen, der Brand und der Schiffbruch, glimpflich ausgingen, war die Betroffenheit der Kinder zu spüren. Drei der vier aktuellen Situationen, die ihre ältere Kollegin vorgeschlagen hatte, fielen den Schülern selbst ein. Nur auf die Beziehung des Brands zu Kriegen und Bürgerkriegen musste sie selbst hinweisen. Zu ihrer großen Erleichterung meldeten sich ohne Zögern acht Schüler, die bereit waren, jeweils zu zweit die vier Fürbitten zu übernehmen. Das hieß, zunächst Formulierungen vorzubereiten, vorzutragen und nach der Zustimmung im Gottesdienst vorzutragen. 

Die vier modernen Songs (Rosenstolz, R. Kelly, Capital Cities, Avicii) hatten es, schwerer, die Kinder zu begeistern, was die Lehrerin überraschte. Dennoch fand sie auch hier acht Freiwillige, die bereit waren, jeweils zu zweit die vier Balladen zu präsentiere. Ihnen übergab sie Kopien der Texte mit dem Auftrag, mit maximal 10 Zeilen die Kernaussagen darzustellen.

Eine Woche später lagen Auszüge aus den im Musikunterricht behandelten vier Balladen vor.

Sie sollten während des Gottesdienstes vom Chor gesungen werden. Alle waren einverstanden

1. Die erste von der Gruppe Rosenstolz, trägt den Titel Wenn Du jetzt aufgibst und nimmt

das Thema des Erlkönig auf:

2. Die zweite von Capital Cities heißt Safe and sound und behandelt eine Rettung wie Die

Glocke

3. Die dritte von Robert Kelly „The Storm is over now“ erinnert uns an die Brücke am Tay

4. Die vierte Hey brother von Avicii lässt uns an Nis Randers und die Rettung Uwes denken.

Mit dem Ergebnis ihrer Unterrichtsstunden war Gertrud mehr als zufrieden. Die Schüler zeigten sich beeindruckten von „starken Wörtern“, den „Bildern, Metaphern“, wie sie erklärte. Etwa: „Im Tal der Tränen liegt Gold“ als Ausdruck von Trost und Hoffnung. „Not“ und „Hilfe, Trost“ hatte sich Gertrud zu Hause schon als Überschriften für eine Gliederung notiert. Die schrieb sie nun an die Tafel und bat die Vortragenden die sie am meisten beeindruckenden Wendungen aus ihren Songs diesen Begriffen zuzuordnen. Die Schüler nickten. Einer meinte „Ja, darum dreht es sich. Es geht aber immer gut aus.“ Am Ende standen untereinander:

Not: Die Armee des Wahnsinns klopft bei Dir, Dir ist der Mut geraubt, Ich war in einem Tunnel, sah den Himmel nicht, Mein Herz schrie, Ich schrie um Hilfe

Trost – Hilfe  Die dunkle Nacht wird vergehn, Der Sturm ist vorbei, Ich kann die Sonne sehen, Es gibt nichts, was ich nicht für Dich tun würde, Ich könnte Deine Tasse füllen,

Ich würde alles tun in der Gefahr, Im Tal der Tränen liegt Gold, Der Himmel ist über mir

Wir werden sicher und gesund sein

„Wie passen diese Ausdrücke aus den modernen zu unseren klassischen Balladen?“, fragte die Lehrerin nun. Der erste Satz aus „Not“ war offensichtlich am leichtesten zuzuordnen, er wurde als erster genannt: „‚Wahnsinn“, das scheint mir für den Vater des Knaben im ‚Erlkönig’ zu passen“, meinte ein Schüler. Alle nickten, aber danach fiel es ihnen schwerer, Beziehungen herzustellen. Ein Mädchen meinte. „Es gibt nichts, was ich nicht für Dich tun würde’ könnte für alle drei anderen Balladen passen, für den Vater in der ‚Glocke’, für den Brückner, dessen Sohn verunglückt und auch für Nis Randers“ Ein zweites fand, „Ich denke bei der Brücknersfamilie eher an ‚Ich würde alles tun in der Gefahr’“. Es folgte eine Pause. So fragte die Lehrerin. „Wie sieht es aus mit  ‚Im Tal der Tränen liegt Gold’, ‚Der Himmel ist über mir’, ‚Wir werden sicher und gesund sein’“. „Das könnten allenfalls der Vater in der ‚Glocke’ und Nis mit seinem Bruder Uwe hoffen“, mutmaßte ein drittes Mädchen. Doch nun kam Widerspruch. von einem Jungen „Ich denke nicht, die Segelschiffe waren damals sehr unsicher, und die Städte mit ihren Fachwerkhäusern brannten oft.“. „Du hast vermutlich Recht“, stimmte Gertrud zu, „vor allem wenn man an die damals noch weithin üblichen offenen Feuerstellen in den Küchen denkt.“

Die Klasse schien nicht ganz zufrieden. Vor allem die glücklichen Lösungen der Probleme hielt sie für unrealistisch: „ Die modernen Balladen gehen alle gut aus“, monierte ein Junge, was ein anderer mit dem technischen Fortschritt erklärte: „Die einstigen Gefahren bestehen ja nicht mehr.“ Gertrud forderte nun eine klarere Antwort: „Kinder, was meint Ihr nun wirklich? Euch ist die Stimmung der Songs zu optimistisch. Auf der anderen Seite stellt Ihr fest, dass die alten Gefahren überwunden sind.“ „Nein“, ein Schüler schüttelte den Kopf, „Sie verstehen uns nicht. Wir sind durcheinander. Was wir denken, haben wir bei der Behandlung der alten Balladen gesagt. Es gibt Gefahren. Es gibt Terror, es gibt den Klimawandel. Was es nicht mehr gibt, sind das sind Segelschiffe und Holzhäuser.“ Ein Mädchen, das sich die ganze Zeit gemeldet hatte, bestätigte: „Die alten Gefahren und die Technik ihrer Zeit gehören zwar ins Museum, trotzdem sind die Balladen aktuell. Die Gefahren haben sich geändert. Sie betreffen heute nicht mehr einzelne Menschen, sondern alle.“ Ein Junge ergänzte: „Man sieht sie nicht auf den ersten Blick. Nur zum Teil bedrohen sie uns Europäer schon heute, wohl aber die zukünftigen Generationen und vor allem die Völker in den heißen Ländern.“ „Sehr schön“, die Lehrerin lächelte, „darf ich die Debatte abschließen. Wir haben die verborgenen und kommenden Belastungen ja schon behandelt. Und Ihr habt sie nicht vergessen. Wunderbar. Ich denke, Ihr werdet morgen in den beiden Religionsstunden mit der Parallelklasse darauf zurückgreifen, wenn Ihr die Fürbitten für den Schlussgottesdienst formulieren dürft.“ Und nach einer kleinen Pause schloss sie die Stunde: „Jetzt bin ich mal gespannt, was Ihr übermorgen in Religion daraus macht“.

***

Mit einem Stundentausch erreichten es die beiden Religionslehrer, dass sie zwei Doppelstunden für beide Siebener am Ende des übernächsten Tags bekamen. Dass sie aber dann im Klassenzimmer der 7c vor fast fünfzig stehenden und sitzenden, auf jeden Fall zusammengequetschten Schülern standen stehen würden, hätten sie wissen können. Dennoch zuckten sie ein wenig zusammen. Aber ihre Erfahrung sagte ihnen, wie sie mit der großen Zahl arbeiten konnten. In Gruppen. Zwei Stunden standen zur Verfügung. Also nahmen sie sich zunächst die Zeit, die Aufgabe zu beschreiben: Fürbitten waren zu formulieren. Das forderte erstens eine Bestandsaufnahme, eine Beschreibung der Gefahren. Das zweite war die Bewältigung der Gefahren durch die Menschen. Sie riefen zuerst die vier Zweiergruppen aus der 7c zur Tafel, die „ihre“ Balladen und die Herausforderung vorstellten:

-Krankheit – Erlkönig,

-Klimawandel – Brücke am Tay,

-Krieg – Die Glocke,  und

-Unfälle – Nis Randers.

Danach kamen die „Spezialisten“ für die modernen Songs nach vorn und ergänzen die Aussagen der vier ersten Gruppen:

-Krankheit: „Wenn Du jetzt aufgibst“,

-Klimawandel: “The storm is over now”,

-Krieg: “Safe and sound” und

-Unfälle:  “Hey brother”.

Jetzt standen schon 16 Schülerinnen und Schüler eng gedrängt an der Tafel. Die restlichen acht Schüler der 7c wurden zu Gesprächsleitern und Protokollanten der vier Gruppen ernannt. Die ersten beiden von ihnen sollten in das Zimmer der 7d gehen. Die Religionslehrer zählten mit: Zwei Mal je sechs mit Aufgaben betraute Schüler der 7c plus sechs weitere der 7 d gingen hinüber in den Raum der 7d. Die restlichen beiden Gruppen blieben und bildeten zwei Zwölfergruppen. Alle bekamen vierzig Minuten Zeit, um aus den Konzepten der 7c je eine für alle akzeptable Fürbitte zu verfassen. Danach sollten die „Protokollanten“ in jeweils knapp zehn Minuten die Fürbitten vorstellen, die vom Plenum zu korrigieren und zu beschließen waren.

Während der zweiten, der Arbeits- Phase, gingen die beiden Religionslehrer die Geister dämpfend und beratend von Gruppe zu Gruppe. Bei der Abschlussdebatte und den Abstimmungen hielten sie sich im Hintergrund. Wenn sie das eine oder andere Mal doch eingriffen und dann überstimmt wurden, was auch vorkam, akzeptierten sie das beinahe erfreut.

Am Ende stand neben den vier gerade erarbeiteten Fürbitten noch eine fünfte über „Dies Kind soll unverletzt sein“ an der Tafel. Um eine Steigerung der Intensität zu erreichen, schlugen die Theologen jetzt eine neue Reihenfolge vor. Das wurde akzeptiert. Getrennt nach Herausforderung und Antwort der Menschen sollte alles von Schülern der 7c vorgetragen, die von ihrer Klassenlehrerin einzuteilen waren. Gertrud bedauerte später, dass sie in dieser Phase die Religionslehrer allein gelassen hatte.

Die 7c störte sich nicht daran. Doch plötzlich gab es Unruhe in der 7d. Paul, ihr Klassensprecher erhob sich: „Wir, die 7d, haben doch auch an den Texten mitgearbeitet. Wenn aber ‚die 7c alles vorliest, geht unser Anteil unter.“ Zuerst begriffen die beiden Theologen nicht. Doch dass reagierte der evangelische: „Sehr schön, dann werdet Ihr die Gebetsaufrufe sprechen, und Du, Paul bist für die Aufteilung verantwortlich. Können wir uns darauf verlassen? Einverstanden?“ Der Klassensprecher nickte. Verblüfft vielleicht, aber erkennbar zufrieden..

Als alle den Raum verlassen hatten, seufzten die Lehrer tief auf. „Flöhe hüten ist leichter“, meinte der katholische. „Ja, aber so viele mitwirkende Schüler haben wir bei den Fürbitten noch nie gehabt“, meinte sein Amtsbruder, „das kann schief gehen. Wenn es aber klappt, freuen sich alle. Hoffen wir auf das Beste.“

***

Eine Frage blieb noch offen: Wer soll die Predigt halten. Die Fachkonferenz Religion schlug Gertrud Tremmel, die Deutschlehrerin, vor. Die bedankte sich sehr bei ihren Kollegen und bat sie, diese Aufgabe ihrem Vater Karl, dem pensionierten Ethiklehrer, anzuvertrauen. Ohne ihn hätte sie diese Arbeit nicht geschafft, er habe sie von Anfang bis Ende unterstützt. Karl Tremmel sagte spontan zu, wollte aber zuvor mit den beiden Religionslehrern sprechen, um sie nach ihren Vorstellungen zu fragen. Man war sich rasch einig: Der unterrichtlichen Vorbereitung entsprachen nur Bibeltexte, die sich auf „Familie“ und „Verantwortung“ bezogen. Deshalb würden sie vor der Predigt das 4. Gebot (Exodus 20,12) und Verse über die Segnung der Kinder (Markus 10,13-16) lesen.

Schön wäre es, meinte der evangelische Fachleiter, wenn er auch die achte Strophe von Paul Gerhardts „Nun ruhen alle Wälder“ einbeziehen könnte. Der Ethiklehrer stimmte zu und bedankte sich für das Vertrauen. Nach dem Gottesdienst bat ihn der katholische Religionslehrer um das Manuskript seiner Predigt. Den Text der Fürbitten hatte er ja schon.

Die Predigt Karl Tremmels im Jahresschlussgottesdienst

Die im Religionsunterricht erarbeiteten Fürbitten

Der letzte Schultag

Der Abschlussgottesdienst wurde zu einem für alle erfreulichen Fest. Die Eltern waren in großer Zahl gekommen. Etliche waren hinterher zum Schulleiter geeilt, um ihn zu beglückwünschen und sich zu bedanken.

Der Musiklehrer hatte eine Bachfuge in wahren Kaskaden über die Gemeinde hinabstürzen lassen und mit seiner Orgel auch gnädig die beiden Songs seiner Neunten überdeckt.

Für Gertrud, ihren Vater, Elisabeth und die beiden Religionslehrer war alles aufgegangen. Das nicht ganz einfache System des Vortrags der Fürbitten hatte geklappt. Dass damit 15 Schüler, ein Drittel aller Katholiken und Evangelischen der 7 c und d, einen Auftrag im Gottesdienst übernommen hatten, war den Religionslehrern beinahe wichtiger als die Qualität ihres Vortrags. Auf jeden Fall verfügten sie für die Jahresschlussgottesdienste der Zukunft über einen Stamm Lektoren, der sein Feuerprobe schon hinter sich hatte. Als alles vorbei war, klopften sie sich auf die Schulter: „Ja, das Beste für Gott ist gerade gut genug.“

Der Rektor hatte die Komplimente der Eltern in der Schlusskonferenz weitergegeben und die fühlbare Betroffenheit und Ehrlichkeit der Schüler im Gottesdienst hervorgehoben. Gertrud und ihre Kollegen hatten sich dabei angeblinzelt. Es war wirklich gut gelaufen. Besonders wichtig für Gertrud war das Lob der „kritischen“ Mutter, die den Anstoß zur Gemeinschaftsaktion gegeben hatte. Sie war eine der wenigen, die Gertrud beglückwünscht hatten: „Söhne sind ein schwieriges Volk“, meinte sie. Gertrud hatte knapp einwerfen, aber den Redefluss nicht unterbrechen können: „Ich weiß, ich hab’ auch einen.“. Darauf war die Mutter aber nicht eingegangen: „Meiner wirkt inzwischen nachdenklicher und gelassener.“ „Na ja, er ist doch auch älter geworden“, hatte Gertrud erwidert. Sie freute sich über das Kompliment, meinte es aber abwehren zu müssen. Doch das hatte die Mutter nicht gelten lassen: „Nein, und Sie wissen es auch. Mein Sohn spricht auch zu Hause immer von Pflichten, die wir als Reiche haben, für das Klima, für die armen Völker. Er beteiligt sich inzwischen auch an der häuslichen Arbeit. Und jetzt, halten Sie sich fest“, schloss sie, „er überweist von seinem Taschengeld jeden Monat 5.- Euro an unseren Dritte-Welt-Verein, um die Schulbesuchskosten eines kleinen afrikanischen Jungen zu bezahlen.“ Gertrud war jetzt überglücklich: „Darüber dürfen wir uns von Herzen freuen. Ich werde es gleich heute noch meinem Vater erzählen. Er hat mich mit seinem ständigen Reden gegen das Elend unserer heutigen Jugend empfänglich für Ihren Vorschlag gemacht. Seitdem ich ihn angenommen hatte, hat er immer wieder Tipps gegeben und gefragt, wie es weiter geht. Und immer, wenn es schwierig wurde, hat er mir den Rücken gestärkt. Und deshalb durfte er die Predigt halten.“ Die Mutter wurde neugierig: „Ja, gab es denn Schwierigkeiten? Von wem denn? Kann ich das wissen?“ Gertrud hielt sich die Hand vor den Mund. Beinahe hätte sie ihre Deutschkollegen angeschwärzt. Mit einer wegwischenden Handbewegung schob sie ihren Schreck von sich: „Ach, wissen Sie, wir sind alle Lernende. Allen Menschen, auch uns Lehrern fällt das schwer, denn wir müssen von uns und unseren Ideen überzeugt sein, wenn wir vor eine Klasse treten. Und etwas in Frage zu stellen, was man seit Jahrzehnten in sich trägt, fällt verdammt schwer. Entschuldigen Sie bitte den Kraftausdruck. Ciao bis nächstes Jahr! … Ich meine Schuljahr“

Und so trennten sich die beiden.

2. Originaltexte

2.1 Klassische Balladen

-Der Erlkönig, Johann Wolfgang von Goethe

-Die Glocke, Friedrich Schiller (155 ff.)

 -Die Brücke am Tay, Theodor Fontane

-Nis Randers, Otto Ernst

2.2 Links zu empfehlenswerten Musikvideos (Michael Danz, Popakademie, Mannheim)

·Allgemein

-Robbie Williams – „Angels“ (Liebe, göttliche Liebe: http://www.myvideo.de/watch/7773185/Robbie_Williams_Angels)

-Wet wet wet – „Love is all around“ (http://www.myvideo.de/watch/3189656/WET_WET_WET_LOVE_IS_ALL_AROUND)

-U2 – “One” (//youtube.com/watch?v=lWdG8NoFXY0)

-Celine Dion – “My heart will go on”

   (http://www.myvideo.de/watch/3077406/Celine_Dion_Titanic_My_Heart_Will_Go_On)

·Sonderthemen

-Michael Jackson – „Heal the World“ (Verantwortung für die Erde:http://www.myvideo.de/watch/657931/Michael_Jackson_Heal_The_World)

-R.Kelly – „The Storm is over now“ (Naturkatastrophenhttp://www.myvideo.de/watch/5278341/R_Kelly_The_Storm_Is_Over_Now)

-Rosenstolz – “Gib mir Sonne” (Glück, Familie:http://www.myvideo.de/watch/5008910/Rosenstolz_Gib_mir_Sonne)

-Coldplay – „Paradise“ (Glück, Erwartung des Paradieses: http://www.myvideo.de/watch/8301371/Coldplay_Paradise)

-John Lennon – “Imagine” (Weltfrieden:http://www.myvideo.de/watch/210346/John_Lennon_Imagine)

·Aktuelle Balladen:

-Capital Cities – „Safe and Sound” (Liebe und Zusammenhalt unter erschwerten Bedingungen wie Naturkatastrophen: http://www.myvideo.de/watch/9062609/Capital_Cities_Safe_And_Sound)

-Bruno Mars – „When I was your man“ (Liebe, Trennungsschmerz:http://www.myvideo.de/watch/8961108/Bruno_Mars_When_I_Was_Your_Man)

-Avicii – „Hey brother“ (Familie: http://www.myvideo.de/watch/9267674/Avicii_Hey_Brother)

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