Brühler Aktion 60+
       Zeit für Herzlichkeit

 

BR vom 02.02.2013

Aktion 60+ beim „Tag der Religionen“ in Hockenheim

Begegnung Judentum – Christentum – Islam

Freude über Verbindendes – Verständnis für Trennendes

Der Musiksaal des Gauß-Gymnasiums war bis auf den letzten Stuhl

besetzt, als Peter Kruse, Sprecher der Fachgruppe Religion, die

von ihm als Coach betreute Aktion 60+ und viele Interessierte aus

Brühl und Hockenheim begrüßte. Einerseits zur Uraufführung einer

„Begegnung der Söhne Abrahams mit dem Propheten Mohamed“.

Zugleich hatte er sich vorgenommen, mit Verfasser der Lesung

und Initiator der Brühler Aktion die Gründung einer ähnlichen

Gruppe anzuregen. Mehrer dankte allen, die sich hatten ansprechen

lassen, vor allem den vier Abiturientinnen, die trotz starker

Beanspruchung, die Lesung übernommen hatten: Vanessa Herre,

Abraham, Jessica Koch, Isaak, Cordula Pfeifer, Ismael und Laura

Bückendorf, Mohamed.

Was folgte, war eine an Intensität nicht zu übertreffende Präsentation

eines Gesprächs über den Koran und den Islam aus der Perspektive

der Bibel und der heutigen Menschenrechte. Für ihren „Vortrag

mit Herz und Verstand“, so der Autor, dankte das Publikum den vier

jungen Frauen mit langem Beifall und engagierter Teilnahme am

folgenden Gespräch.

Es begann mit der Frage, ob der versöhnliche, gelesene Text nicht

eher den Grundton der Bibel als des Korans wiedergebe. Dem

widersprach eine junge Muslima, die sich als Mitglied der größten

Reformgruppe des Islam, Ahmadiyya, vorstellte. Der Koran sei

auf den Frieden ausgerichtet, zwischen den Völkern und den Menschen.

Er füge sich auch in die Demokratie ein. Als Beispiel nannte

sie die Ehe und die Würde der Frauen: Ein Muslim in Deutschland

könne und dürfe nur eine Frau heiraten und müsse sie achten. Die

anwesenden Schüler bestätigten diese Vereinbarkeit von Religion

und Grundrechten aus ihrer Erfahrung. Das Zusammenleben mit

Muslimen sei problemlos. Ein Schüler schließlich fand, dass die

Gesellschaft heute zerfasert und ohne jede Verbindlichkeit sei.

Auf seiner Suche nach einer zuverlässigen Orientierung helfe ihm

Abrahams Motto „Sei ein Segen“.

Die Abendveranstaltung mit Prof. Manfred Oehming über das

„Gottesbild von Juden, Christen und Muslimen“ wurde durch ein

ganz besonderes Erlebnis eingeleitet. Mit ihrer Gesangslehrerin,

Frau Hildegard Grau, trugen die beiden Schülerinnen Vera Vogel 

nd Lisa Heinrich das Credo aus Bachs h-Moll-Messe vor, bearbeitet  

für Klavier und zwei Stimmen. Ja, es ging um den Glauben,   

das Bild des einen Gottes, das, so Prof. Oehming, im jüdischen,     

christlichen und muslimischen Glauben überraschend viel gemeinsam  

hat. Für Christen sei das Nachdenken im interreligiösen

Dialog sehr bereichernd. Es gebe ihnen die Chance, ihre eigene

Religion wieder genauer zu entdecken. Im Christentum steht Gottes

Menschwerdung in Jesus und sein Leiden am Kreuz im Mittelpunkt:

Gott wird in Jesus Mensch bis ins tiefste Leiden hinein.

Für Juden und Moslems ist das aber nicht akzeptabel. Der Tod am

Kreuz war für den Apostel Paulus sogar ein Skandal – bis zu seiner

Bekehrung vor Damaskus.

Prof. Öhming äußerte sich abschließend optimistisch über ein

künftiges Zusammenleben: Warum sollen die Unterschiede der

Religionen uns nicht ähnlich bereichern wie die liebenden Partner

in der Ehe?

MOHAMMED

Ismael – Isaak

Eine szenische Lesung

Einleitung: Ziel und Ablauf

Die beiden von der Zahl der Gläubigen her bedeutendsten Religionen, das Christentum und der Islam, haben viele große kulturelle Leistungen hervorgebracht und zahlreichen Menschen eine beglückende Beziehung zu Gott vermittelt. Wenn sie darauf mit Stolz verweisen, müssen sie ehrlicherweise auch die dunklen Seiten in ihrer Geschichte und Gegenwart  sehen.

Ob die - oder eine - Ursache der unzählbaren Morden und Kriege, die von christlichen und muslimischen Völkern ausgingen, und deren Täter und Opfer sie waren und sind, in ihrer Religion liegt, muss offen bleiben. Für die Zukunft der Menschheit ist jedoch die Frage wegweisend, wie der Glaube an Gott sie in eine friedliche Zukunft führen kann.

Gewiss motiviert die Hoffnung auf Frieden viele Theologen der beiden großen Religionen zu Begegnungen, etwa die der Kairiner Al-Azhar-Universität und des Vatikan. Auch das gemeinsame Gebet von Geistlichen und Gläubigen (etwa 1986 mit Papst Johannes Paul II.) in Assisi kann Menschen zur Versöhnung miteinander bereit machen.

Ein für junge Menschen heute zumindest ebenso plausibler Weg führt in die Anfangszeit des Glaubens an Gott zurück. Abraham der von Muslimen und Christen/Juden gemeinsam verehrte Patriarch hat durch eine Offenbarung Gott erkannt. Ihm erschlossen sich daraus zwei Gebote:

-          „Sei ein Segen“, verbunden mit dem Versprechen, er werde die Kraft dazu haben, und

-          „Tu dem Kind nichts zuleide“, d.h. keinem Menschen..

Beide Gebote stützen sich gegenseitig und haben bis zum heutigen Tag eher an Bedeutung gewonnen denn eingebüßt. Juden, Christen und Muslime sollen in ihnen leicht einsehbare und ihre Moral leitende Grundsätze erkennen und übernehmen 

Diesem Ziel dienen die folgenden Schritte:

 Dem dienen die folgenden vier Schritte:

  1. Die Aussagen der Heiligen Schriften über die Patriarchen. Hier handelt es sich um eine geistliche Lesung, die vorzutragen ist.
  2. Ihre Biographien – die Möglichkeit zum Vergleich mit den Problemen des heutigen Lebens. Die drei Abschnitte: Leben/Nachfahren – Zusammengehörigkeit - Überwindung der Materie sollten frei nacherzählt werden.
  3. Eine Begegnung Isaaks und Ismaels mit Mohammed – als eine Art Botschaft, ein Aufruf zum Frieden.  Dieser Text sollte möglichst frei mit verteilten Rollen gelesen/Gespielt werden.

Es liegt nahe, ein kurzes Gespräch über einzelne Aussagen folgen zu lassen, die den Hörern/Teilnehmern/Vortragenden wichtig erscheinende Texte über die Liebe Gottes könnte die Begegnung beschließen. Beispiele: Genesis 1, 1-5, Johannes-Evangelium 1,1-5 und Koran 55, 1-4.

1.  Die Patriarchen in den Heiligen Schriften

Die Wurzeln der hier beschriebenen Begegnungen finden sich in der Bibel und im Koran.

Genesis, 16, 9 (Ein Engel zur verjagten Hagar) „Geh zurück zu Deiner Herrin und ertrag ihre harte Behandlung“

21,12 f. (Gott zu Abraham, der auf Wunsch Sarais Hagar und Ismael wegschicken soll) „Sei wegen des Knaben und Deiner Magd nicht verdrossen…nach Isaak sollen deine Nachkommen benannt werden. Aber auch den Sohn deiner Magd will ich zu einem großen Volk machen.“

25,8 f. „Abraham…starb…Seine Söhne Ismael und Isaak begruben ihn“…

37, 27f. (Die Söhne Jakobs, die Enkel Isaaks, verkaufen ihren Bruder Josef) „ Kommt, verkaufen wir ihn den Ismaelitern… Midianitische Kaufleute kamen vorbei.“

Koran, 2,127 (Söhne zu ihrem Vater Jakob) „Anbeten werden wir deinen Gott und den Gott deiner Väter Ismael und Isaak, einen einigen Gott und ihm sind wir voll ergeben“

19,55 „Und gedenke im Buch des Ismael; siehe, er war getreu seinem Versprechen und war ein Gesandter, ein Prophet“

2.   Die Biographien

Ismael und Isaak, die zwei ältesten Söhne Abrahams, haben verschiedene Mütter: Hagar, die ägyptischen Dienerin der Ehefrau Sarai, hat Ismael geboren. Und Sarai selbst, die „legitime“ Ehefrau, war die Mutter Isaaks. Nach dessen Geburt schickte der Vater Ismael und Hagar weg, widerwillig, es „verdross“ ihn und muss die beiden Verjagten wohl verletzt haben. 

Laut Genesis trug der verstoßene Sohn seinem Vater diese Kränkung nicht nach. Er kehrte   zu seiner Beerdigung zurück. Wahrscheinlich unsicher, wie Isaak auf sein Eintreffen reagieren würde. Doch im biblischen Bericht finden wir Hinweise auf eine gute Atmosphäre für die Begegnung der Brüder. Isaak war in seinen alten Tagen fast blind geworden, und Rebekka, seine Frau, wirkt auf uns sanfter und weniger eigenwillig als ihre Schwiegermutter. Sie weiß Menschen zu gewinnen und hat den heimgekehrten Schwager ganz gewiss herzlich aufgenommen. So bestatteten die lange Jahrzehnte getrennten Brüder ihren Vater würdig und in sicher großem Einverständnis. Die Liebe Gottes, der ihren Vater gesegnet hatte, durften sie nun auch zueinander empfinden und erfahren.

Die biblische Verheißung, Ismaels Kinder würden ein großes Volk, traf tatsächlich ein. Das zeigen zwei Momentaufnahmen im Buch Genesis. Die erste schufen die Söhne Jakobs, Isaaks Enkel also. Sie wollten sich ihres vom Vater bevorzugten Bruders Josef entledigen und verkauften ihn an Ismaeliter, an wandernde Händler aus dem Land Midian. So kam Josef nach Ägypten und holte seine vom Hungertod bedrohte Familie nach. Einige Generationen später floh Moses nach Midian, um sich vor der Verfolgung des Pharao zu retten. Er fand Aufnahme beim Priester Jetro.

Ismaeliter haben also einen wichtigen Platz in der Heilsgeschichte. Sie stehen am Beginn des Auszugs der Israeliten nach Ägypten und ihrer Heimkehr in das Gelobte Land.

·         Die Nachfahren

Kommen wir von der Bibel nun zu unserer Lesung, zu den Begegnungen der beiden Patriarchen und zu dem, was ihre Nachfahren verbindet. Diesen „roten Faden“ bildet der Zusammenhang zwischen Diesseits und Jenseits, biblisch gesprochen: Erde und Himmel. Juden, Christen und Muslime glauben an das Weiterleben der Seelen nach dem Tod des Leibes. Sie hoffen, dass Gott, der ihnen bei der Erschaffung seinen Geist einhauchte, sie nach dem Tod des Leibes zu sich in das ewige Leben holt, im Reich Gottes. Es ist, wie mit Jesus Christus angebrochen. Davon sind die Christen überzeugt, die Jesu Gebet sprechen: „Dein Reich komme, Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.“ Dem entsprechend halten sie auch Jesu Ideale, Liebe und Frieden, für Widerspiegelungen der jenseitigen Glückseligkeit. Im Gegenzug bereichert irdisches Glück, z.B. Liebe und Freude, die Menschen nicht nur während ihres Erdenlebens. Sie bilden auch einen Schatz, der ihnen nach ihrem Tod in das das Reich jenseits von Raum und Zeit erhalten bleiben wird.

Wie kann das geschehen? Katholische Fundamentaltheologen, wie die Bamberger Professorin Johanna Rahner, sehen das im Neuen Testament angekündigte Gericht Jesu als zeitgleich mit dem irdischen Tod. In diesem Augenblick begegnen unsere Seelen Jesus und entscheiden sich für oder gegen das Weiterleben in seinem Reich. Wer mit ihm geht, wird von der Materie und den Sünden gereinigt, denen er im irdischen Leben unterworfen war.

Gehen wir diesem Gedanken nach, unterliegt unsere Seele von da an keinen Raum- Zeit-Be-schränkungen mehr. Wir „leben“ weiter als von Gottes Liebe erfülltes, reines Gewissen, wir verstehen die Probleme der lebenden Menschen und fühlen mit ihnen. Auf Ewigkeit gehören wir nun dem Reich Gottes an. Diese Annahme legt ein grenzenloses Gefühl der Zusammengehörigkeit Ismaels und Isaaks mit allen ihren geistigen Kindern nahe, die an en einen Gott glauben, und an deren Leiden sie Anteil nehmen.   

·         Die Zusammengehörigkeit aller Menschen

Auf diesem Gedanken der Zusammengehörigkeit aller Menschen, die in der Lage sind, Gott zu erkennen und dieser Einsicht entsprechend auch zu leben, basiert die szenische Lesung. Sie ist ein Gang durch die mit Abraham beginnende Geschichte des Glaubens an den einen Gott. Ismael und Isaak laden zunächst ihren Vater zu einem Gespräch ein, dann Moses, den Gesetzgeber der jüdischen Religion. Tausend Jahre nach ihm entstand die Christenheit, die von Paulus vertreten wird, und sechshundert Jahre danach Mohammeds Islam. Ismael und Isaak fühlen sich mit allen drei Religionen verbunden. Sie bilden die ihnen von Gott versprochenen Nachkommenschaft, mit der sie sich in der Sorge um Liebe und Frieden verbunden fühlen. Wenn Ismael auch weiß, dass Muslime vor allen ihn als ihren geistigen Ahn sehen, so will er doch gemeinsam mit Isaak Verantwortung für alle Kinder Abrahams tragen. Daran erinnern beide immer wieder, wenn einer von ihnen oder ein Gesprächspartner eine besondere Zuständigkeit für Juden/Christen oder Muslimen andeutet.

Eine gemeinsame Vorstellung von Gott ist noch lange nicht allen Gläubigen bewusst. Eine Muslima, die algerische Ärztin und Schriftstellerin Muslima Malika Mokeddem fühlte sich tief ergriffen, als sie las, was die jüdisch-christliche Philosophin Simone Weil geschrieben hatte: „Alle ‚natürlichen’ Bewegungen der Seele werden von Gesetzen geleitet, die der materiellen Schwerkraft ähneln. Nur die Gnade [Gottes] ist davon ausgenommen.“ Das heißt, alles, was wir Menschen fühlen und denken, kommt aus unserer Natur, aus der Materie. Nur dann, wenn wir in Beziehung zu Gott stehen, befinden wir uns in seiner Welt. Zu ihr haben wir durch Gottes Gnade schon im Diesseits Zugang. Feindseligkeit und Liebe entspringen nicht direkt Gottes Geist. Sie entstammen der Materie und sind zu verstehen als „Vorprodukt“, auf das der Schöpfer zurückgreifen musste, um die Menschen entstehen zu lassen, denen er seinen Geist einhauchte und denen er mit seinem Geist zur Seite steht.

·         Die Überwindung der Materie

Die Fähigkeit unserer menschlichen Seele, Gottes Gnade zu spüren und seinen Willen zu erkennen, geht über die Kräfte der Materie hinaus, die in uns wirken. Über Sie wäre nun am Ende der Einleitung zu sprechen.

 In Begriffen der modernen Physik stand am Beginn der Schöpfung der Urknall. Aus ihm entstanden zwei gegensätzliche (Ur-) Kräfte: die Abstoßung und die Anziehung. Sie entstammen der alles auslösenden Explosion und den sich in der ersten Sekunde des Universums bildenden Elementarteilchen, die zur Massebildung und damit zur Anziehung fähig waren (Higgs-Bosonen).

Aus dem Gegensatz der beiden Kräfte ist unsere Welt entstanden. Ihren Weg verfolgen Ismael und Isaak in Gesprächen mit Propheten, Physikern, Biologen, Psychologen und Politikern. Sie erkennen dabei, dass die Völker in ihren Charakteren und Temperamente, die zur irdischen Welt gehören, verschieden sind. Damit ist auch die Fähigkeit, Hass (Abstoßung) und Liebe (Anziehung) zu empfinden, in der Materie grundgelegt. Soweit also die Unterschiedlichkeit der Beziehung zu Gott aus dem Wesen des Menschen kommt, ist sie weniger bedeutend als die Einheit der göttlichen Liebe zu allen Menschen. Deshalb, meinen die Patriarchen, sollten die Gläubigen lernen, sich zu überwinden und ihre unterschiedlichen Gottesbilder anzuerkennen und zu achten. Denn sie stehen immer noch dem von Gott gewollten universalen Frieden entgegen.

3. Der Lesungstext: Eine Begegnung der Patriarchen mit Mohammed (I. AKT, 5. Szene) – 24.1. 2013

Mohammed  (sitzt auf seinem Stein, wenn das Licht auf ihn fällt, schaut um sich)  O, verehrte Söhne des großen Abraham. Wie bin ich geehrt, von Euch gerufen zu werden. Salam aleikum – Der Friede sei mit Euch.

Ismael Salam aleikum. Seid uns willkommen, großer Prophet in unserer Höhle. Als ich sie zum ersten Mal sah, dachte ich an Hira, den Ort, an dem Ihr Eure Offenbarungen bekommen habt. Erinnert Ihr Euch noch daran?

Mohammed (senkt den Kopf, denkt nach) Ach, wie lange ist das schon her! 1.400 Erdenjahre. Ich erinnere mich kaum. Ich war völlig im Bann der gesandten Prophezeiungen. Erst senkte mir Gott den Koran ins Herz, dann hat ihn der Engel Gabriel mir auf die Zunge gebrannt.

Isaak Diese Phase Eures Lebens muss für Euch eine Zeit höchster Anspannung gewesen sein. Euch wurde der Koran herab gesandt und gleichzeitig habt Ihr ständig kämpfen müssen. Erst habt Ihr in Mekka gegen Eure Mitbürger gekämpft, danach in Medina gegen Eure Heimatstadt.

Ismael Dann waren auch noch die Konflikte mit Christen, Juden und Beduinen, die Vielgötterei betrieben. Ihr habt gesiegt. Bei Eurer Rückkehr nach Mekka galtet Ihr als der ungekrönte König Arabiens.

Mohammed Das ist nicht falsch. Aber die ersten Kriege wurden mir von den Anhängern der Vielgötterei aufgezwungen. Ich war jedoch stark durch Allah. Die Menschen folgten mir im Kampf für ihn. Und wichtiger als meine Herrschaft war mir der Friede auf der arabischen Halbinsel.

Ismael Hoher Prophet. Ihr weckt Hoffnung in uns. Auch Ihr zieht den Frieden dem Krieg vor. Dann leidet Ihr gewiss auch unter dem, was derzeit auf der Erde geschieht. Unruhen, Bürgerkriege und Attentate, auch in islamischen Ländern

Mohammed Ismael, seht Ihr einen Weg aus dieser Gewalt? Ihr geltet uns Muslimen als Prophet. Ihr seid ein wichtiger Vermittler des göttlichen Wortes.

Ismael Danke, Mohammed, dass Ihr mich an diese Ehre erinnert. Sie ist mir bewusst. Ich schätze sie sehr. Als Sohn Abrahams fühle ich aber mit allen seinen Kindern. Auch in den   Juden und Christen sehe ich meine Nachfahren. Aber auch sie haben lange angenommen, ihr Glaube würde Kämpfe und Kriege rechtfertigen, ja sogar erfordern. In einem solchen Denken scheint mir derzeit eine kleine Minderheit Muslime gefangen, die weltweit „Islamisten“ genannt werden, zum Missfallen vieler ihrer Mitbrüder.  

Mohammed (wirkt einen Augenblick müde, senkt den Kopf, lässt die Schultern hängen.) Wie können diese Menschen vergessen, dass ich in meinem Leben Frieden geschaffen habe!

Ismael Bitte, habt Nachsicht mit uns, wenn wir eine weitere Wunde in Eurer Seele berühren. . In vielen einst rein christlichen Ländern gibt es Gegner der Religion, die nun behaupten, der Heilige Koran sei ein Buch der Kriege und alle Religionen würden ihre Anhänger zur Gewalt verführen. 

Mohammed Wie schwer ist es, dies alles anzusehen und anzuhören! (senkt den Kopf, erhebt ihn wieder und schaut seine Partner an). Was geschehen ist, ist geschehen. Wir müssen unsere Geschichte ertragen. Sofort nach meinem Tod sind endlose Kriege ausgebrochen. Meine Nachfolger haben um die Führung gestritten. Und um ihre Stärke zu beweisen, haben sie Nordafrika, Spanien und Länder des Ostens erobert. Dann kam es zu Spaltungen. Die Schiiten haben sich abgespaltet. Bis heute herrscht Feindschaft zwischen ihnen und der Mehrheit, den Sunniten

Isaak (steht auf, um sich einzumischen) Hoher Prophet. Ihr seid nicht der einzige, der leidet. Schiiten und Sunniten berufen sich nicht nur auf Euch. Sie betrachten sich auch als Kinder Abrahams. Ihre Kriege schmerzen auch uns, Euch aber treffen sie doppelt (umarmt ihn, beide setzen sich wieder, kleine Pause). 

Mohammed Verehrte Söhne unseres geistigen Vaters Abraham. Vielen Dank für Euer Verständnis. Wer jemals Verantwortung für ein Land und eine Religion getragen hat, weiß, dass er ständig mit Konflikten rechnen muss. Wie viele Kriege haben christliche, dann später katholische Päpste und evangelische Fürsten als Bischöfe ihrer Landeskirchen geführt! Je mehr Einwohner ein Staat zählt, desto größer ist die Gefahr von Streit. Je mehr Gläubige einer Religion angehören, desto schwerer ist es, einzelne zu beeinflussen.

Ismael (steht kurz auf ,legt die Hand auf Mohammeds Schulter, setzt sich wieder, spricht mit leiser Stimme) Vater des Islam! Ich stimme Euch ausdrücklich zu. Wer von den Erdbewohnern versteht sich schon selbst und findet einen guten Weg durch sein Leben. Noch schwerer ist es, die Mitmenschen mit ihren unterschiedlichen Charakteren und Gefühlen zu begreifen. Wie kann es da Eintracht in einem Volk geben! Kann man da noch ernsthaft erwarten, dass sie Fremde verstehen. Der Einfachheit halber werden sie vertrieben oder unterdrückt. 

Mohammed Ja, Freunde. Die Geschichte des Gottesglaubens ist voll von Grausamkeit und Leiden. Christen werden heute verfolgt, aber einst haben sie Menschen unter Todesdrohung getauft. Inzwischen haben sie gelernt, dass auf Säbelspitzen kein Glaube wächst, und heute lehnen sie jede Form der Gewalt ab. Nun muss es auch die ganze Welt begreifen: Der Glaube an Gott verlangt von seinen Kindern, aufeinander zu hören und voneinander zu lernen.   

Isaak Ehrwürdiger Prophet. Ihr lobt die Christen, die lange Zeit Feinde der Muslime waren. Das überzeugt uns. Es beweist Euren Sinn für Gerechtigkeit und Solidarität. Sie sind die Grundlagen eines menschlich erfreulichen Zusammenlebens. Wir alle sind Kinder Abrahams und müssen uns einig sein: Nie mehr darf der Einsatz von Waffen mit religiösen Gründen gerechtfertigt werden. Unser aller Glaube ist ein Geschenk Gottes. Kriege zu führen ist eine Sünde vor ihm, aber immer wieder fühlen sich Völker gedemütigt und lassen sich einreden, dass sie ein Recht auf Rache haben.

Ismael Bruder, ich stimme Dir zu und bleibe doch in meinem tiefsten Innern verunsichert. Was haben wir Gläubige aber bisher getan? Zu wenig. Grausamkeiten sind immer noch nicht so geächtet, dass sie aus unserer Welt verbannt sind?

Mohammed Großer Sohn der Hagar, Ihr geltet im Islam als Prophet. Doch, wenn es um Gewalt geht, stimme ich eher Eurem Bruder zu: Wir sind Sünder. Unsere Gefühle siegen so oft über unseren Verstand, dass wir meinen, dass Kriege führen Teil unseres Wesens ist.

Ismael Ihr habt Recht! Es gibt nicht nur Kriege zwischen Religionen, sondern auch unter den Anhängern eines Glaubens. So wie heute im Haus des Islam immer wieder Gewalt ausbricht, hat es auch jahrtausendelang Kriege unter Christen gegeben.  

Mohammed Immer wieder mit dem Segen ihrer Kirche. Das bedaure ich. Genauso aber auch tut mir leid, dass sich Gewalttäter auf manche Sätze des Koran berufen können. Viele an sich gewissenhafte Christen haben die Grausamkeiten ihrer Vorfahren während der Krieg für ihren Gott vergessen. Und wie vielen fehlt das Verständnis für den Islam heute. Sie halten Abstand zu meinen Muslimen. Warum eigentlich? Aus Furcht oder aus Respekt?

Ismael Verehrter Gründer des Islam! Furcht, die negative Kraft, ist und gefährlicher. So lange sie uns beherrscht, werden wir unglücklich bleiben. Uns Kindern Abrahams ist es nicht gelungen, ein gutes Einvernehmen herzustellen, das uns dem immer wieder aufflammenden Hass schützen könnte. Liegen die Ursachen dafür aber im Glauben? Ich vermute, dass es die widerstrebenden Kräfte der Materie sind, die wir nicht voll beherrschen.

Isaak (schüttelt Ismael die Hand) Wunderbar, Bruder! Ihr habt Recht (wendet sich zu Mohammed). Die Neigung zu Kriegen und Attentaten wächst aus den Gefühlen der Menschen und Völker, aus dem Stoff der Erde, dem Pflanzen und Tiere entstammen. Gott hat ihn einst genommen, um uns Menschen zu schaffen. Wir tragen alle Kräfte und Gegenkräfte der Natur in uns. Den Hass wie die Liebe. Ich meine wie Du, dass die Gewalt dem Geist Gottes widerspricht und au dem kommt, was an uns Menschen Materie ist!

Mohammed (öffnet weit die Augen, hebt die Arme) Oh, Ihr Patriarchen. Ich begreife weit mehr denn je die Verehrung, die Ihr genießt. Ich habe die Scharia, das Rechtsbuch, das meine Nachfolger geschaffen haben, nie ganz verstanden. Die auf Christen unerträglich wirkenden Strafen, etwa dass Dieben die Hände abgehackt werden, lässt sich immer nur zur Hälfte mit Sätzen des Koran rechtfertigen. Denn dort steht gleich im folgenden Vers:

„Wer aber nach seiner Sünde umkehrt und sich bessert, siehe, zu dem kehrt sich auch Allah; siehe Allah ist verzeihend und barmherzig.“

Ismael (erhebt sich, streicht mit der ausgestreckten Hand von oben über sein Gesicht) Vater der Muslime. Habt Dank für diese Erklärung! Ja, Ihr habt die Verzeihung verkündet. Ich begreife jetzt aber auch meine muslimischen Kinder besser. Die in ihren Völkern gewachsenen und in ihnen wohnenden Gefühle haben sie blind gemacht gegenüber unser aller Vater Abraham. Sie sehen ihn nicht so deutlich wie unsere jüdischen und christlichen Nachfolger. 

Wenn heute noch Schiiten Vergeltung üben für den Mord an Eurem geliebten Erben, dem Kalifen Ali, und die Sunniten sich dafür rächen, widerspricht das Eurem Gebot zu verzeihen. Isaak (steht auf, fasst Ismael am Arm) Dieses Gebot hat auch Paulus in das große 13. Kapitel des ersten Korintherbriefs aufgenommen: „Die Liebe trägt nicht nach“, hat er geschrieben. Außerdem erinnert der Apostel an die von Christus immer wieder betonte Freiheit und Verantwortung der Kinder Gottes. Damit appelliert er an die freie Entscheidung jedes einzelnen Gläubigen.

Mohammed Ihr fordert „Freiheit“. Das lässt mich verstummen. Den Aufruf zu selbstständigem Denken und Handeln findet Ihr im Koran nicht. Arabien ist nicht Griechenland. Paulus war bei den Arabern ziemlich erfolglos. Wollten sie von seiner Freiheit nichts wissen? Ich aber habe sie für den Einen Gott gewonnen. Auf meinem Weg. Mit ihrem Temperament und allen ihren Eigenschaften.

Ismael Bruder Mohammed. Wir wollen einander nicht kränken. Wenn ich heute auf unsere Kinder blicke, fehlt ihnen diese Freiheit in vielen muslimischen Ländern. Sie werden unterdrückt. Das behindert auch ihre geistige Entwicklung, den Fortschritt ihrer Wissenschaft und Wirtschaft.

Mohammed Hoher Prophet. Was Ihr sagt, ist unbestreitbar. Aber während in Europa Jahrhunderte lang geistige Dunkelheit herrschte, strahlten die islamischen Länder wie Leuchttürme. Die Araber den Abendländern die Ziffern gebracht und der europäischen Mathematik die Grundlage ihrer Entwicklung geschenkt. Und in der Philosophie und in der Dichtung sind die Verdienste der Muslime nicht geringer. Die älteste Universität der Welt steht in Kairo! Fortschritt und Freiheit wurden und werden vom Koran nicht gehemmt.

Ismael Sind es dann Gefühle und nicht der Verstand, die den Ausschlag dafür geben, dass Völker in ihrer Religion nur „die Ergebung in den Willen Gottes“ suchen? Muslime sind sehr fromm. Aber die meisten begnügen sich, den Koran zu meditieren und zu rezitieren. Das eine beeindruckt die Christen, das andere lehnen sie ab. Europäer und Amerikaner erforschen ihre Heilige Schrift wissenschaftlich und völlig frei. Freiheit wiederum erstreben inzwischen auch die arabischen Völker. 2011 begannen die Aufstände der Tunesier, Libyer, Ägypter und Syrer gegen ihre Diktatoren.

Isaak Wir stehen hier möglicherweise am Anfang einer Annäherung der Christen und der Muslime. Wie sieht es beim zweiten großen Ideal aus, der Liebe?                                                        Mohammed Danke, Ihr Söhne Abrahams, dass Ihr mit meinen Muslimen denkt und fühlt. Ja, die Liebe ist ein unverzichtbares Band zwischen den Menschen. Ich will genau hinschauen. Im Koran liegt der Schwerpunkt nicht auf der Liebe, sondern auf ihrer Schwester, der Barmherzigkeit. „Liebe“ findet Ihr dort nur 22 Mal, Barmherzigkeit aber 350 Mal. Wie bedeutend sie ist, zeigen die Stellen, an denen Ihr sie findet Sie wird vor allem in den Einleitungsversen der Suren zitiert: „Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen“.     

Isaak Müssen wir auf so einen Unterschied eingehen? Jesus hat die beiden Worte in fast gleicher Bedeutung gebraucht. Das Vorbild für die Nächstenliebe ist doch der „barmherzige Samariter“.

Ismael Verehrter Vater des Islam. Mir drängt sich eine andere Parallele auf: Zwischen Eurer Barmherzigkeit und dem Wort Gottes an Abraham. Wer barmherzig ist, lässt andere spüren, dass er darauf verzichtet, seine Stärke auszunutzen. Er hilft den Schwächeren, er schützt ihn und wird so zum Segen für ihn und möglicherweise zu einem Beispiel für seine Mitmenschen.

Mohammed Danke, Brüder. Aber so leicht will ich es mir nicht machen, denn ich sehe tatsächlich Unterschiede. Barmherzigkeit kommt immer von einer Person. Im Ursprung war es Gott. Liebe schafft aber eine Gemeinschaft. Sie muss nicht unbedingt durch Barmherzigkeit entstehen, und Barmherzigkeit muss nicht immer zu Liebe führen. Der barmherzige Samariter etwa sorgte für den Überfallenen, es verlangte ihn aber nicht, ihm wieder zu begegnen.

Ismael Dann geht es also im Koran weniger um die von den Menschen ausgehende Bewegung aufeinander zu, sondern vor allem um Gottes Willen und den Gehorsam der Gläubigen.

Mohammed Ja, Sohn Abrahams. Ihr habt Recht. Allah ist über alles erhaben. Wir müssen ihm mit Ernst und Ehrfurcht begegnen. Die Christen scheinen mir darauf etwas wenig zu achten. Sie finden Gottes Liebe schon in der Gemeinschaft miteinander, in der Ökumene, der Annäherung von Religionen und Konfessionen. Für einen Muslim ist die erste Aufgabe des Gläubigen, sich auf Gott auszurichten.

Ismael Vater des Islam. Wir halten dieses Anliegen für wirklich bedeutend. Nicht weniger wichtig ist uns aber die alle Menschen verbindende Liebe. Sie ist für uns das irdische Bild des Gottesreichs.

Mohammed Sohn Abrahams. Ich sehe in der alle Menschen umfassenden Liebe wie Ihr ein Ideal. Doch die Ehre Gottes darf nicht zu kurz kommen. Das aber stelle ich bei vielen Christen fest.

Isaak Großer Prophet. Ihr hebt Euch damit von den Christen ab. Aber in den Geboten Gottes an Abraham seht Ihr gewiss eine feste Brücke zu ihnen. Besonders im ersten. Darin beauftragt Gott ihn und uns alle, seine Gnade und seinen Segen weiter zu geben. Wir müssen uns bemühen, einander zu verstehen und Partner und Freunde zu werden. Das verlangt von uns, Kriege zu verhindern, Demütigungen zu vermeiden und Feindseligkeit und Ängste abzubauen. Das setzt Ehrlichkeit und Offenheit voraus. Wir müssen uns unsere Sündhaftigkeit eingestehen und einander verzeihen.

Ismael O Bruder, wie schwer ist das! Ich rede jetzt von mir selbst. Wenn ich bereit bin, einen Fehler einzugestehen, muss ich jedes Mal eine innere Sperre überwinden, eine Mauer, hinter der ich meine Schuld verbergen möchte. Vor meinen Mitmenschen und vor mir. Wenn ich es aber schaffe, sie zu übersteigen, mache ich es den anderen leichter, zu handeln wie ich. Wer auf diese Weise seine Schuld eingesteht und um Verzeihung bittet lernt die Tiefen seines Wesens zu verstehen und zu akzeptieren.

(Mohammed steht auf)

Isaak Großer Prophet! Ihr wollt antworten. Aber darf ich Ismaels Gedanken weiterführen? (steht ebenfalls auf, Ismael folgt ihm) Wir sind fest davon überzeugt, dass gegenseitiges Einverständnis uns auch Gott näher bringt. Ich bin überzeugt: Wenn Menschen offen miteinander umgehen, wird es ihnen dereinst leichter fallen, sich vor Gottes Angesicht zu stellen. Gewiss gibt es auch Gebete, die Christen und Muslime voneinander übernehmen könnten.

Mohammed Ja, Söhne Abrahams, Ihr habt weise gesprochen. Möge eintreten, was Ihr erhofft.   Wir drei gehören zwar schon zur Ewigkeit. Die Menschen auf der Erde stecken aber immer noch im Lehm. Sie sind in ihren irdischen Gefühlen gefangen. Uns bleibt nur die Hoffnung, dass sie, die Lebenden, wie wir zu Abraham finden, um ein Segen zu werden und dass sie beginnen, das Leid auf der Erde zu verringern.


Der Koran, s.o. Anmerkung 2, 5.43

Google, Stichwort „Koran online“, www.theology.de/schriften/koran/index.php, 5.2. 2011

Abendveranstaltung

Professor Dr. Manfred Oehming, Universität Heidelberg, Mitglied des Kuratoriums der Hochschule für jüdische Studien Heidelberg


Die Bibel. Einheitsübersetzung, Katholische Bibelanstalt: Stuttgart 1980, Buch Genesis

Der Koran, übertragen von Max Henning, Reclam: Stuttgart, 1960

Malika Mokeddem, La Transe des Insoumis, Grasset: Paris, 2003, S. 250, « Tous les mouvements ‘naturels’ de l’ âme sont régis par des lois analogues à celle de la pesanteur matérielle. La grâce seule fait exception. »

Der Koran, s.o. Anmerkung 2, 5.43

Google, Stichwort „Koran online“, www.theology.de/schriften/koran/index.php, 5.2. 2011

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